18. Sonntag im Jahreskreis:
„Gebt ihr ihnen zu essen!“

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„Womit kann ich dienen?“

„Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts.“ – Bischof Jacques Gaillot (1935-2023) war seit 1982 Bischof in Évreux. 1990 fasst er seine Erinnerungen und Gedanken zu einer dienenden Kirche in einem Buch unter diesem Titel zusammen. Aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen wurde er 1995 als Bischof von Évreux abgesetzt und arbeitete in einer – damals ein Novum – „Internet-Diözese“ weiter an seinen Themen, kommunizierte bis zu seinem 75. Lebensjahr mit Hilfe der modernen Kommunikationsmittel von seinen Klosterräumen in Paris mit Menschen in aller Welt.

Weitaus früher, im Herbst 1938, schrieb Dietrich Bonhoeffer sein Buch vom „Gemeinsamen Leben“. Die Homepage der EKD erinnert an ihn: Christ sein kann man nach Bonhoeffers Überzeugung nur in der „Gemeinschaft der Glaubenden“. „Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist“, lautet eine von Bonhoeffers einprägsamen Formulierungen. So wie Jesus „der Mensch für andere“ war, muss die Gemeinschaft der Glaubenden für ihre Mitmenschen eintreten. Das bedeutet auch, dass sie an deren Leiden teilnimmt.

Fünfzig Jahre und mehr liegen zwischen Dietrich Bonhoeffer und Jaques Gaillot – die Erwartungen und Hoffnungen beider hinsichtlich der Kirche sind dieselben. Es scheint die, dass die Goethes „Gretchenfrage“ an die Kirche nicht mehr „Sag, wie hältst du es mit der Religion?“, sondern spätestens seit Bonhoeffer zu stellen ist mit „Womit kann ich dienen?“

» Die zu beantwortenden Fragen wären doch: was bedeutet eine Kirche, eine Gemeinde, eine Predigt, eine Liturgie, ein christliches Leben in einer religionslosen Welt? Wie sprechen wir von Gott – ohne Religion, d.h. eben ohne die zeitbedingten Voraussetzungen der Metaphysik, der Innerlichkeit, etc. etc.? Wie sprechen (oder vielleicht kann man nicht einmal mehr davon ‚sprechen‘ wie bisher) wir ‚weltlich‘ von Gott, wie sind wir ‚religionslos-weltlich‘ Christen, wie sind wir εκ-κλησια, Herausgerufene, ohne uns religiös als Bevorzugte zu verstehen, sondern vielmehr als ganz zur Welt Gehörige? «
vgl. Bonhoeffer, Dietrich (2015): Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, hrsg. von Christian Gremmels, Eberhard Bethge und Renate Bethge, in Zusammenarbeit mit Ilse Tödt, Gütersloh, 401-408.

„Gebt ihr …

Das Evangelium von der Brotvermehrung – du kennst es: fünf Brote und den zwei Fische – stellt Jesus als „Vorreiter“ für Bonhoeffer und Gaillot vor. Scharen von Menschen sind um ihn herum, sind ihm gefolgt, am Ufer entlang dorthin, wohin er nach der Enthauptung des Johannes des Täufers mit dem Fischerboot gefahren war. Nichts geschieht. Sie bleiben ihm nahe, bis hin zum Abend. Jesus hat Mitleid mit ihnen – aus welchem Grund, wird nicht erzählt. In den Abend hinein kommen seine Jünger zu ihm. „Schick die Leute weg, damit sie in die Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen!“ Aber Jesus antwortet: „Sie brauchen nicht wegzugehen. Gebt ihr ihnen zu essen.“

Glaubst du, dass Jesu Jünger DAS hören wollten? Und doch ist diese Haltung eben genau das, was „Kirche, die dient“ oder „Kirche für andere“ ausmacht. Es ist nur ein einziger kleiner Buchstabe, der „Geht“ von „Gebt“ unterscheidet, und der doch alles verändert. Es geht ums Geben, um das, was gebraucht, vielleicht sogar erbeten wird. Mit Bonhoeffer und Gaillot meine ich sagen zu können: Menschen gehen zu lassen oder gar wegzuschicken, weil ich nicht etwa, nicht mich geben will, das stellt die Kirche auf den Kopf und entleert sie der Menschen. Fünf Brote und zwei Fische mir Freude gegeben kann mehr sein als ein Fast-Food-Menu oder ein ganzes Buffet – weil du, weil ich, weil wir zusammen mit denen sind, die hungern! Der Rückzug in die Kirche wird zum Rückzug der Kirche – das Hineingehen und Aufgehen in der Welt wäre dran.

» Christus steht vor der Tür, er lebt in Gestalt des Menschen unter uns, willst du ihm die Tür verschließen oder öffnen? «
Bonhoeffer, Dietrich (2015): Barcelona, Berlin, Amerika 1928-1931, DBW Bd. 10, Gütersloh, 533.

… ihnen, den Menschen …

Dann: es gibt im Evangelium einen Unterschied. Einmal die „Jünger“, die mit Jesus unterwegs sind, dann die „Leute“, die mit Jesus irgendwie in Kontakt kommen wollen. Das Wort der Jünger an Jesus „Schick die Leute weg!“ ist für ihn und mehr noch für die „Leute“ ein Schlag ins Gesicht. Die Jünger lechzen nach einer Art „Klausur“, sie wollen diesen Jesus für sich, ihn für sich haben. Und liebevoll bekommen die Jünger von Jesus den Kopf gewaschen: „Sie brauchen nicht wegzugehen! Gebt ihr ihnen zu essen!“ Ich erkenne, dass ich Jesus nie näher sein kann als in den „Leuten“, die zu meinem Leben dazugehören, die einfach reinschneien, bleiben, wieder gehen. In der Eucharistiefeier gehe ich zum Altar und empfange die Kommunion, die Gemeinschaft mit Jesus – in einer dienenden Kirche, die für andere da ist, kommendie „Leute“ und in ihnen Jesus zu mir, auf mich zu. Die Welt, der Ort, an dem ich stehe, der Moment der Begegnung wird zum Gottesdienst.

» Wer seinen Traum von einer christlichen Gemeinschaft mehr liebt als die christliche Gemeinschaft selbst, der wird zum Zerstörer jeder christlichen Gemeinschaft, und ob er es persönlich noch so ehrlich, noch so ernsthaft und hingebend meinte. «
Bonhoeffer, Dietrich (2015): Gemeinsames Leben/Das Gebetbuch der Bibel, DBW 5, Gütersloh, S. 24.

… zu essen.“

„Gebt ihr ihnen zu essen.“ – „Wir haben nur fünf Brote und zwei Fische.“ Wie so oft ist es nicht das „Multum“, das quantitativ Zählbare, um das es geht, sondern das „Magis“, das qualitativ Erfahrbare, das sättigt. Entscheidend ist, was den anderen jetzt nährt, und ob ich der Richtige bin, es ihm zu geben. Genauso entscheidend ist, was mich jetzt nährt, und ob ich das mich Nährende, was mich wachsen lässt und für den Moment sättigt, aufnehme. Es geht um den Hunger des Leibes und um den Hunger der Seele. „Gebt ihr ihnen zu essen“! – Da zeigt sich Kirche ganz ohne Katechismus, ganz ohne Gottesdienst und in einer sehr weltlichen Spiritualität. Eine Kirche, die „Kirche für andere ist“, und eine „Kirche, die dient“.

So viel für heute und für diese Woche.

Köln, 31.07.2026
Harald Klein