19. Sonntag im Jahreskreis – „Mein Schatz…“

  • Auf Links gedreht - Das Evangelium
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Eine Geschichte des Aufbruchs

Zugegeben: Der hier gewählte Anfang des heutigen „auf links gedreht“ ist – zumindest auf den ersten Blick – etwas für hartgesottene Christenmenschen. Solltest du nicht gleich mitgehen können bei dem, um was es geht, bleibe bitte dran, es klärt sich.

Die Geschichte vom Auszug des Volkes Israel aus der Sklaverei der Ägypter hat ihren Platz in der Feier des Letzten Abendmahles Jesu an Gründonnerstag – am Abend vor Jesu leiden und Tod, aber auch in Sichtweite der Auferstehung, des leeren Grabes und der Osterfreude. In dieser Geschichte Gedenkens an den Aufbruch, den Auszug und den Weg in die Freiheit ist mir ein vorgegebener Ritus sehr lieb. Damit der Moment des Rufes zum Aufbruch nicht verpasst wird, sollen alle Männer ihre Hüften gegürtet haben, Schuhe an den Füßen und einen Stab in der Hand haben. Sie sollen hastig essen, denn Gott wird vorübergehen – und ihm sollen sie folgen. Nach der Sklaverei in Ägypten ist die zugesagte Freiheit der Schatz, den Israel finden will – und Mose ist der, der das Volk unter Gottes Führung in diese Freiheit führen wird, das zumindest ist die Verheißung und ist Gegenstand es Glaubens Israels.

An diese Geschichte erinnert die erste Lesung aus dem deutlich jüngeren Buch der Weisheit. In der Ersten Lesung stehen zu Beginn die Worte: „Die Nacht der Befreiung wurde unseren Vätern vorher angekündigt; denn sie sollten sich freuen in sicherem Wissen, welch eidlichen Zusagen sie vertrauten.“ (Weis 18,6) Im Evangelium greift Jesus dieses uralte Bild auf und rät seinen Jüngern: „Verschafft euch einen Schatz, der nicht abnimmt, im Himmel, wo kein Dieb ihn findet und keine Motte ihn frisst! Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz. Eure Hüften sollen gegürtet sein und eure Lampen brennen!“ (Lk 12,33b-35).

» Damit meine ich Haltungen, Stimmungen oder Verhaltensweisen, die uns einerseits so wertvoll erscheinen, dass wir Lust haben, sie dem Leben zur Verfügung zu stellen, und die gleich-zeitig so zu uns gehören, dass wir sie teilen können, ohne etwas dabei zu verlieren. «
Knapp, Natalie (2013): Kompass neues Denken. Wie wir uns in einer unübersichtlichen Welt orientieren können, 3. Aufl., Reinbek, 229.

 Und jetzt: Frodo, Sam, Merry und Pippin – und Gollum – und du

Wenn ich das Evangelium vom Schatz, der nicht abnimmt, lese, bin ich nicht mehr beim Evangelisten, sondern bei J.R.R. Tolkien – der ja auch so etwas wie ein Evangelist zu sein scheint. „Schatz“ ist für Menschen meiner Generation, aber auch bei Älteren oder Jüngern, beinahe schon unvermeidlich mit dem „Ring“ verbunden. Nur anders als die ersehnte Freiheit im eigenen Land, wie bei Israel, und auch anders als die ersehnte Freiheit von dazukommender innerer Knechtschaft und Fesseln bei den Jüngern Jesu will dieser Ring ja das Gegenteil: „Drei Ringe den Elbenkönigen hoch im Licht. Sieben den Zwergenherrschern in ihren Hallen aus Stein. Den Sterblichen, ewig dem Tod verfallen, neun. Einer dem Dunklen Herrn auf dunklem Thron, im Lande Mordor, wo die Schatten droh‘n. Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden, im Lande Mordor, wo die Schatten droh‘n“

Frodo und seine drei Gefährten – und viele um ihn herum – haben etwas von Moses. Sie haben es als ihre Aufgabe angenommen, den Ring zu zerstören, damit die Knechtschaft von Mordor sie nicht überkomme, auch wenn es sie das Leben koste. Ihr Schatz heißt „Freiheit“.

Gollum, früher schon als Smeagul dem Ring erlegen und verfallen, versucht den Ring an sich zu reißen, um zur Macht über alle anderen Lebewesen zu gelangen, auch wenn ihn diese Macht entstellt. Sein Schatz heißt „Allmacht“.

Und du? Ok, ich lass dich nicht allein: und ich, oder: und wir? Wie steht es um unsere gegürteten Hüften, den Schuhen an den Füßen und den Stab in der Hand? Wie steht es um unsere brennenden Lampen, mehr noch um unsere brennenden Herzen? Und was verbirgt sich hinter deiner, hinter meiner, vielleicht sogar hinter unserer Metapher vom „nicht abnehmenden Schatz im Himmel, wo kein Dieb ihn findet und keine Motte ihn frisst?“ Hast du da eine Antwort, die du dir selbst geben – oder vielleicht auch mit anderen teilen – kannst?

» Hier scheint es zunächst wichtig, zwischen ‚Werten‘ und ‚Interessen‘ zu unterscheiden. Das ist nicht immer leicht, denn beides sind Kriterien, an denen wir Entscheidungen ausrichten. Während ein Wert die Haltung eines Menschen gegenüber dem Leben zum Ausdruck bringt, richtet sich ein Interesse darauf aus, etwas zu bekommen. «
Knapp, Natalie (2013): Kompass neues Denken. Wie wir uns in einer unübersichtlichen Welt orientieren können, 3. Aufl., Reinbek, 49.

Dein Aufbruch beginnt bei Dir und bei keinem anderen

Und wie kommst Du ins Tun, in den Aufbruch? Du kannst noch so „gerüstet“ sein, Schuhe an den Füßen, Stab in der Hand, brennende Lampen und brennendes Herz – wenn du nicht zur rechten Zeit den Hintern hochbekommst und aufbrichst (natürlich weißt du, wie herrlich doppeldeutig dieses Wort ist), passiert nichts. Du kannst auf dein Schicksal schimpfen, dass dich in eine Form von „Ägypten“, d.h. Sklaverei geführt hat; du kannst die Armut deiner Herkunft verfluchen oder am Neid über die anderen, die es immer besser haben, ersticken; du könntest – heute besonders beliebt – über Randgruppen, die irgendwie „die anderen“ sind, am liebsten kotzen, oder noch besser: dich bis zum Erbrechen echauffieren, dass „die Politiker“ entweder nur „die anderen“ bevorzugen oder ganz einfach nichts können.

Oder DU könntest einfach losgehen, wie Frodo. Wenn du zu denen gehörst, die einigermaßen leidlich sind, werden wohl ein Sam, ein Merry und ein Pippin einfach mitgehen. Und im besten Falle hält Gandalf der Graue bzw. der Weiße/Weise seine Hand über dich.

Das wird um so eher geschehen, wenn du deinen „Schatz“ begrifflich mit deinem „Wert“ oder deinen „Werten“ ersetzt. Natalie Knapp, in Berlin lebende Philosophin definiert „Werte“ wie folgt: „Damit meine ich Haltungen, Stimmungen oder Verhaltensweisen, die uns einerseits so wertvoll erscheinen, dass wir Lust haben, sie dem Leben zur Verfügung zu stellen, und die gleichzeitig so zu uns gehören, dass wir sie teilen können, ohne etwas dabei zu verlieren.“[1]

Natalie Knapp unterscheidet „Werte“ von „Interessen“: „Hier scheint es zunächst wichtig, zwischen ‚Werten‘ und ‚Interessen‘ zu unterscheiden. Das ist nicht immer leicht, denn beides sind Kriterien, an denen wir Entscheidungen ausrichten. Während ein Wert die Haltung eines Menschen gegenüber dem Leben zum Ausdruck bringt, richtet sich ein Interesse darauf aus, etwas zu bekommen.“[2]

Da sind wir wieder nah bei Frodo und seinen Gefährten und weit weg von Gollum: Das Ziel der Gefährten ist es, den „Wert“ der Wanderung, die Vernichtung des Ringes, dem Auenland zu Verfügung zu stellen! Und nicht wie Gollum und sein „Interesse“, die eigene Machtfülle ins Unermessliche zu steigern.

» Meditation hat mich gelehrt: Der Geist bewegt den Körper. Wenn ich mit innerer Entschiedenheit, mit einer klaren Ausrichtung Tag für Tag einen Schritt vor den anderen setze, dann komme ich voran. Nicht aus dem Müssen, nicht aus dem Wollen, sondern indem ich mich für das öffne, was ich im gegenwärtigen Augenblick erlebe. Ich nenne das engagiertes Gegenwärtigsein. Es bedeutet, mit Herz und Verstand offen und fließend den Anforderungen der jeweiligen Lebenssituation zu begegnen.«
Mannschatz, Marie (2019): Vollkommen unvollkommen. Zehn Qualitäten, die das Beste in uns zum Vorschein bringen, München, 56.

Ein Aufbruch in die persönliche Freiheit – buddhistisch

Bleibt die Frage, wie es um deinen, um meinen, um unseren Aufbruch bestellt ist. Ich erlebe die Christenheit so ganz anders als das biblische Volk Israel – nämlich sesshaft geworden und oft alteingesessen. Wir haben Riten – bleiben wir bei der Fußwaschung am Gründonnerstag; aber uns fehlt im Alltag oft die Haltung, die in den Riten ausgedrückt wird. Wir haben eine Religion i.S.v. Lehre, eine Frömmigkeit i.S.v. Liedern, Riten und Gebräuchen, aber um eine Spiritualitäti.S.v. Alltagstauglichkeit, dialogischer Struktur, einem „Mehr“ („Magis“) an Menschlichkeit und einer Rückbindung an eine Lichtgestalt, die z.B. Christus oder Buddha ist, ist wenig erlebbar.[3] Das „Lasst uns auf seine Hände schau ‘n“ (GL 360) ist uns Katholiken näher als die Frage und der Austausch darüber, was wir „Wert-volles“ mit unseren Händen tun und geben können und vielleicht sogar tun und geben sollen oder müssen.

Ein Text aus einem Podcast eines Shaolin-Buddhisten bietet eine buddhistische Perspektive. Rainer Deyhle[4] stellt in einer seiner Folgen den buddhistischen Weg der Erleuchtung vor. Um an dieser Stelle zu spoilern: Der Unterschied zur jüdischen oder christlichen Perspektive liegt vor allem im persönlichen Aufbruch und im Blick auf mich selbst, und eben gar nicht auf Vorgaben, Erwartungen oder all das, was unter „frommer Praxis „ zu subsummieren ist:

Um den Weg der Erleuchtung zu beschreiten, bedarf es zunächst einmal des Entschlusses, diese Reise überhaupt antreten zu wollen. Es schließt sich echte geistliche Arbeit an: Wie erreiche ich dieses Ziel, was kann ich unternehmen, um dem Buddha nachzufolgen?

Als allererstes gilt es, inneren Frieden zu finden, und nur, wer sich selbst liebt, der kann auch andere lieben. Um Eigenliebe aufbringen zu können, bietet sich an, über Meditation und Disziplin sich in ein Stadium zu bringen, in welchem der übliche Selbsthass ein Ende findet. Daraus entsteht inneres Glück, der Weg zum Nirvana ist damit wenigstens eröffnet.

In buddhistischen Schriften wird der unerwachte Zustand mit Dunkelheit verglichen, das Erreichen von Erleuchtung dann mit dem Aufgehen der Sonne, dem Erreichen von Licht. Wer also nicht erwacht oder nicht erwachen will, der verbringt sein Leben in der Finsternis und muss mit der Dunkelheit zurechtkommen.

Für die ultimative Freiheit muss der Mensch aber erst bereit sein, die Entscheidung eben treffen, aufbrechen auf dem Weg zur Erleuchtung. Dann, aufgrund des gefassten Entschlusses, bildet sich Selbsterkenntnis, tiefe Zufriedenheit folgt, der zum Weg entschlossene Jünger des großen Lehrers fängt an, sich endlich selbst zu lieben. Nun kommt der Reisende in ein Stadium, in dem er nichts mehr will, nichts braucht und nichts mehr anhaftet, eine tiefe Weisheit wird hier erreicht. Liebe wird zu echter Liebe, ohne Bedingungen, rein und ursprünglich. Leidende Menschen hören auf zu leiden, Suchende müssen nichts mehr suchen. Enttäuschte sind nun plötzlich zufrieden, frei von Verlangen, sie kommen mit dem aus, was sie haben.

Um die Anker zu lösen, die das Ego an die jetzige Realität bindet, benötigen viele Reisende einen Reiseleiter, der den Weg zeigt, die Richtung weist, auf die wichtigsten Punkte hinweisen kann. Hier bietet sich eine Person an, die nicht mehr an den bindenden Verstrickungen der verschreckten Existenzen verhaftet ist, von Wissen und Wollen abgelassen hat und Anhaftung aufgelöst hat. Diesem Lehrer muss sich der Reisende dann hingeben, auch lernen zu wollen.

Bist du bereit zu lernen? Willst du die Verspannungen deines Geistes lösen, in Harmonie mit der Umwelt leben, der Körper aus der Umklammerung der falschen Lebensweise lösen? Dann bist du bei mir richtig, aber schaue nicht auf meinen Finger, sondern blicke in die Richtung, in die mein Finger zeigt. Und dann geh in diese Richtung, denn der Weg ist das Ziel.

Buddha sagte einmal: ‚Töte nicht und verhindere, dass getötet wird. Hütet euch vor Ehebruch und Unzucht. Meidet üble Nachrede und die Lüge, harte Worte und edles Geschwätz. Verachtet den Geiz und die Gier. Tut Gutes und haltet fest am rechten Glauben. Die Grundvoraussetzung zur Erleuchtung ist der Wille, sich selbst zu erlösen, um dadurch anderen von Nutzen sein zu können.“

Wie klingt das für dich: Dich selbst erlösen, um anderen von Nutzen sein zu können?
So viel für heute, und für diese Woche.

Köln, 08.08.2025
Harald Klein

[1] Knapp, Natalie (2013): Kompass neues Denken. Wie wir uns in einer unübersichtlichen Welt orientieren können, 3. Aufl., Reinbek, 229.

[2] a.a.O., 49.

[3] Vgl. zu dieser Dreiteilung von P. Christian Schütz OSB eine ausführliche Darstellung auf https://www.harald-klein.koeln/womit-kann-ich-dienen-ueber-lebensfragen-in-sachen-glaube-in-deutschland/ und eine knappe Zusammenfassung auf https://www.harald-klein.koeln/praktisch-umgesetzt-christlich-leben-in-der-postmoderne/

[4] Vgl. Shaolin-Rainer, Weg zur Erleuchtung, Podcast „Buddhismus im Alltag“ #1263vom 30.07.2025.