19. Sonntag im Jahreskreis – Wach sein

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„Is this the real life?“

Um die Weihnachtszeit 1975 landete die Gruppe „Queen“ ihren ersten Nummer-1-Hit: „Bohemian Rhapsody“ – ein Zwiegespräch eines jungen Mannes mit seiner Mutter, der er ein Verbrechen bekennt und den die Angst überkommt, dass sein Leben jetzt verwirkt sei. Für ihn sei nichts mehr von Bedeutung, und man möge ihn einfach gehen lassen – das ist die eine Seite. Und die andere Seite ist seine Angst vor dem Verlorensein, dem Fall ins Nichts, und vor dem Teufel, den Beelzebub für ihn allein zur Seite gestellt habe. Der Text des Liedes beginnt mit folgenden Worten:

„Is this the real life? Is this just fantasy? Caught in a landside, no escape from reality. Open your eyes, look up to the sky and see: I’m just a poor boy, I need no sympathy. Because I’m easy come, easy go, little high, little low. Anyway the wind blows doesn’t really matter to me.”

In deutscher Übersetzung: „Ist dies das wahre Leben? Oder nur Einbildung? Ein Erdrutsch reißt mich mit, kein Entkommen vor der Wirklichkeit. Öffnet die Augen, schaut zum Himmel hinaus und erkennt: Ich bin nur ein armer Junge, ich bedarf keines Mitleids. Denn bei mir kommt und geht das Glück. Manchmal erfreut, manchmal bedrückt. Wie auch immer der Wind sich dreht, ist für mich nicht von Bedeutung.“

Ich stelle mir vor, ich könnte mit Freddy Mercury über seinen Text (und es ist sein Text) und die Haltung dahinter ins Gespräch kommen. Der junge Mann in diesem Lied, so die Interpretation seines Assistenten, sei er selbst. Freddy Mercury habe sein Coming-out und seine Homosexualität darin verarbeitet, das Bild des angepassten jungen Mannes ist von ihm selbst dabei „ermordet“ worden. Und jetzt lebe er in Angst und/oder Erwartung, was wohl käme.[1]

In diesem Gespräch würde ich mit dem heutigen Evangelium drei verschiedene Sichtweisen unterscheiden und anbieten, um das Erlebte zu deuten.

» Der, der ich bin, grüßt traurig den, der ich sein könnte. «
Friedrich Hebbel (1813-1863)

Die Perspektive der Gegenwart: Dem Leben ausgeliefert?

Der erste Hinweis liegt im ersten Satz Jesu: „Fürchte Dich nicht, Du kleine Herde. Denn Euer Vater hat beschlossen, Euch das Reich zu geben“ (Lk 12,32). Wenn das Gefühl übermächtig wird, gegenwärtig dem Leben ausgeliefert zu sein, ihm nicht entfliehen zu können, und wenn sich an die Stelle der Freude am Leben immer mehr die Angst vor dem Tod – in all seinen Spielarten – setzt, kann dieses Wort Jesu wie ein Mantra gebetet werden oder wie eine Affirmation ins Herz sinken: „Fürchte Dich nicht!“

Es macht vom Gefühl – und von der Deutung – her einen riesigen Unterschied, ob ich mich ängstlich und besorgt„dem Leben ausgeliefert“ fühle oder ob ich mich vertrauensvoll „dem Leben anvertraue“. Der Text der Bohemian Rhapsody stimmt: „I’m just a poor boy.” Jetzt gilt das “Open your eyes“: Ich muss in meiner Armut, in meinem Unvermögen, in meiner Angst mich nicht wie von einem Erdrutsch fortreißen lassen, ich kann mich auch auf meinen Reichtum, meine Fertigkeiten und mein Können, auf meinen Mut verlassen, ich kann angehen, was auf mich zukommt, und ich kann umgehen mit dem, was sich in mir zeigt.

» Nichts ist je in der Vergangenheit geschehen, es geschah im Jetzt. Nichts wird je in der Zukunft geschehen, es wird im Jetzt geschehen. «
Tolle, Eckhart (2008): Jetzt. Die Kraft der Gegenwart, Bielefeld, 20. Aufl., 72.

Die Perspektive der Vergangenheit: Dem Leben nachschauen

Der zweite Hinweis wird von Jesus wenige Zeilen später ins Wort gebracht: „Wo Euer Schatz ist, da ist auch Euer Herz“ (Lk 12,34). Es warnt vor Haltung, dem Gegenwärtigen und dem Kommenden nichts mehr zuzutrauen, weil das Vergangene glorifiziert wird. So schön wie damals wird es nie wieder. Das „real life“ der Bohemian Rhapsody warschon, das „open your eyes” ist rückwärtsgewandt wie die ganze Haltung dessen, der nur dem Leben nachschauen und nachtrauern kann – darum darf er sich nicht wundern, wenn das Leben ihm jetzt in den Rücken fällt. Er wendet dem Leben, dem „kommenden Reich“ ja auch nur den Rücken, nicht die offenen Augen zu, noch weniger Herz und Hände.

» Dem Vergangenen: Dank!
Dem Kommenden: Ja! «
Dag Hammarskjöld (1905-1961)

Die Perspektive der Zukunft: Das Leben erwarten

Der dritte Hinweis Jesu kommt nur wenige Verse später: „Seid wie Menschen, die auf ihren Herrn warten, der von einer Hochzeit zurückkehrt, damit sie ihm sogleich öffnen, wenn er kommt und anklopft! Selig die Knechte, die der Herr wach findet, wenn er kommt!“ (Lk 12,36f). Hier wird deutlich, was mit dem Begriff „Umkehr“ auch gemeint sein kann – eben der Vergangenheit den Rücken zukehren und ganz wach in der Gegenwart sein, die Gegenwart betrachten und annehmen. Die ganze Spiritualität von Eckart Tolle baut auf diesem Grundsatz auf: „Leben ist Jetzt!“ Das Leben erwarten – und zwar jetzt, im Moment, in der Gegenwart. Nicht in der Zukunft – das würde den Moment, die Gegenwart entkräften, auch entzaubern. Nicht in der Vergangenheit – sie anzusehen heißt, dem Leben den Rücken zukehren. Mit offenen Augen – und mit allen anderen offenen Sinnen – auf das „Erscheinen des Herrn“ warten, um ein anderes Wort für „das Leben“ im christlichen Sprachgebrauch zu nutzen – wenn dieses Warten, diese Deutung von Leben die meinige ist, dann gilt, was im Lied gesungen wird: „Anyway the wind bloes, it doesn’t really matter to me.“

» Das Leben aber gelingt [...] nicht per se dann, wenn wir reich an Optionen und Ressourcen sind, sondern, so banal, ja tautologisch dies zunächst klingen mag: wenn wir es lieben. Wenn wir eine geradezu libidinöse Bindung an es haben. Es, das sind dabei die Menschen, die Räume, die Aufgaben, die Ideen, die Dinge und Werkzeuge, die uns begegnen und mit denen wir es zu tun haben. «
Rosa, Hartmut (2016): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, 2. Aufl., Berlin, 24.

„No escape from reality!“

Das klingt alles ganz gut, mag verlockend sein, aber gibt es eine konkrete Hilfe, eine solche Haltung zu leben statt vor der Realität, vor dem Leben zu flüchten?

Zwei „Hilfen“ biete ich Ihnen – und böte ich Freddy Mercury – an: Die eine ist die Frage, was Ihnen Ihr Glaube bedeute oder wie sie ihn verstehen. In der 2. Lesung heute heißt es: „Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugt sein von Dingen, die man nicht sieht“ (Hebr 11,1 – nach der Einheitsübersetzung). Wie steht es um Ihre Hoffnung, wie steht es um Ihre Überzeugung von Dingen, die Sie nicht sehen? Beides ist notwendig, wenn Sie das Leben als auf Sie zukommend erwarten.

Und die zweite Hilfe? Sie ist Hartmut Rosas „Resonanz“ entnommen. Über das gelingende Leben schreibt er: „Das Leben aber gelingt […] nicht per se dann, wenn wir reich an Optionen und Ressourcen sind, sondern, so banal, ja tautologisch dies zunächst klingen mag: wenn wir es lieben. Wenn wir eine geradezu libidinöse Bindung an es haben. Es, das sind dabei die Menschen, die Räume, die Aufgaben, die Ideen, die Dinge und Werkzeuge, die uns begegnen und mit denen wir es zu tun haben.“[2]

» Der einzige Ort, an dem wahre Veränderung stattfinden kann, an dem die Veränderung aufgelöst werden kann, ist das Jetzt. «
Tolle, Eckhart (2008): Jetzt. Die Kraft der Gegenwart, Bielefeld, 20. Aufl., 84.

Wach sein für das Leben

„Is this the real life? Is this just fantasy?” war die Ausgangsfrage. Das reale, das echte und richtige Leben kommt im Jetzt auf mich zu. Wach sein ist der Imperativ Jesu – nicht aus Angst, sondern aus Neugier, aus Liebe, aus Hoffnung und in der Überzeugung auf das Wirken von Dingen, die ich jetzt noch nicht sehe.

Halten Sie die Augen offen! Jetzt!

Amen.

Köln 29.07.2022
Harald Klein

[1] Vgl. [online] https://de.wikipedia.org/wiki/Bohemian_Rhapsody [29.07.2022]

[2] Rosa, Hartmut (2016), Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, 2. Auflage, Berlin, 24.