19. Sonntag im Jahreskreis:
Wie bewertest du Freundschaft?

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Die Situation im Matthäus-Evangelium

Darf ich dich an die vergangenen vier Sonntage und ihre Evangelien erinnern? Da ist dreimal vom Wachstum die Rede: dem Wachstum den Boden bereiten – dem Wachstum zusehen – aufs Wachstum setzen; und dann der Sprung raus aus den Gleichnissen und hinein in die Gegenwart: die Nachricht von der Ermordung Johannes‘ des Täufers erreicht Jesus, er will mit seinen Jüngern – ich nenne sie für heute mal aus gegebenem Anlass „seine Freunde“ – auf Abstand gehen und fährt mit ihnen über den See an einen einsamen Ort. Doch die Menschen folgen ihm zu Fuß, erreichen ihn und erwecken das Mitleid Jesu. Er heilt die Kranken unter ihnen, und als seine Freunde sie wegschicken wollen, erwidert er: „Schickt die Menschen nicht weg, gebt ihr ihnen zu essen.“ Es folgt die bekannte Erzählung von der Brotvermehrung mit den fünf Broten und den zwei Fischen.

Das Evangelium heute setzt genau hier an. Ich begnüge mich mit den ersten drei Versen, die du oben im Untertitel lesen kannst. Der eher bekannte Teil, der Gang Jesu auf dem See, der Ruf an Petrus, auf dem Wasser zu ihm zu kommen und die Rettung des versinkenden Petrus durch Jesus lasse ich hier – bis auf einen Satz am Ende – weg.

» Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt [...]. Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt. [...] Dies trage ich euch auf: Liebt einander! «
aus Joh 15,15-17

„Reich Gottes“ – ein biblisch-christliches Wort für „Freundschaft“

Ein Gedanke lässt mich zurzeit kaum mehr  los: Wie bewerte ich Freundschaft in meinem Leben? Wie bewerte ich Freundinnen und Freunde? Wie mache ich, wie machst du das?

Mir fällt auf, dass die oben genannten Evangelien mit ihren Gleichnissen auch Bilder von Freundschaft sind: nach den ersten und irgendwie in den Bann ziehenden Begegnungen der Freundschaft einen Boden bereiten – der Freundschaft in ihrem Wachstum zusehen – irgendwann beginnen, auf die Freundschaft zu setzen. Das „Gib du ihnen zu essen“ gilt dann, wenn Freundinnen und Freunde in Not (welcher Art auch immer) sind, und auch ich traue mich, meine Freundinnen und Freunde um das zu bitten, von dem ich glaube, dass es mich nährt, was mir hilft, was mir fehlt.

Nochmal die Frage: wie bewerte ich Freundschaft, Freundinnen, Freunde? Wie mache ich, wie machst du das? Mit dem heutigen Evangelium finde ich bei Matthäus eine Antwort darauf, die ich mit dir teilen möchte.

» Die Stille ist die Hebamme des Neuen. «
Byung-Chul Han (2025): Sprechen über Gott. Ein Dialog mit Simone Weil, Berlin, 73.

Der einsame Ort: Jesus – allein

Ein erster Schritt dessen, was für Jesus Freundschaft heißt und wie er sie zu bewerten vermag, liegt im Abstand. Er schickt seine Freunde mit dem Boot ans andere Ufer und steigt auf einen Berg, um für sich allein zu beten. Das Boot – und einen jeden, der darinsitzt – hat er im Blick. Ein zweites Mal betont Matthäus einen Vers später: „Als es Abend wurde, war er allein dort“ (vgl. Mt 14,22f). Er braucht – wie du und ich – Abstand und Distanz, um gesammelt und ungestört Herz, Verstand und Wille auf die auszurichten, die seine Freunde sind. Mit jedem Ruf hat er ihnen den Bodenfür diese Freundschaft bereitet, hat er dieser Freundschaft beim Wachstum zugesehen, hat er bisher alles auf diese Freundschaft gesetzt.

In der Stille am Berg, im Abstand, den er gesucht hat, ist er ihnen jetzt nahe. Welchen Wert er in jedem einzelnen und in der Gruppe sieht, wird ihm in der Einsamkeit des Ortes deutlich. Und ebenso, was der ganzen Gruppe ein Wert ist, und was er ihnen wert ist. Ignatius von Loyola sagt in seinem Tagesrückblick, dem „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“, man möge die Begegnungen, die Worte, die Gesten, die Berührungen, die sich zeigen, verkosten und Frucht daraus ziehen.

» Eines Tages wirst Du begreifen, dass Du nach dem suchst, was Du schon hast«, sagte der Meister zu seinem Schüler. »Warum sehe ich es dann nicht jetzt?« - »Weil Du Dich darum bemühst.« - »Muss ich mich also nicht anstrengen?« - »Wenn Du Dich entspannst und ihm Zeit lässt, wird es sich selbst zu erkennen geben. «
de Mello, Anthony (1994): Eine Minute Unsinn, 2. Auflage, Freiburg, 34.

Den anderen „sehen“

Matthäus erzählt weiter, dass das Boot mit Jesu Freunden schon einige Stadien vom Land entfernt ist und von den Wellen hin und her geworfen wird, denn sie haben Gegenwind (vgl. Mt 14,24). Der zweite Schritt, was für Jesus Freundschaft heißt und wie er sie zu bewerten vermag, ist der ehrliche und realistische Blick. Da ist keiner wie der andere, zwölf Jünger haben zwölf Jüngerprofile[1]. Klaus Mertes SJ beschreibt die Wege der „Freunde Jesu“ zu Jesus in ihren Verschiedenheiten, und ebenso kannst du, kann ich den anderen oder die andere „sehen“ i.S.v. echtes Interesse an ihm, an ihr zu zeigen, Vorurteile loszulassen, eine tiefe, respektvolle Verbindung durch Blickkontakt, aufmerksames Zuhören aufbauen – und wieder gelten die Überschriften der Gleichnisse und das Wort Jesu, ihr/ihm zu essen zu geben, das, was nährt. Keine „Fertiggerichte“, sondern das, was nährt, was der/die andere braucht und ihm/ihr beim Wachstum nützt. Das macht den Freundeskreis Jesu – wie deinen und meinen – aus: die einzelnen und deren Wert im Blick haben, aber auch für den Erhalt des Wertes der Gruppe sich stark zu machen.

» Echte Freunde? Diese acht Zeichen
zeigen es dir:
(1) Freundschaft ist Arbeit,
aber es fühlt sich nicht so an.
(2) Eure Batterien laden sich wieder auf, wenn ihr euch trefft.
(3) Ihr vertraut euch,
ganz selbstverständlich.
(4) Ihr lacht gemeinsam und weint gemeinsam - manchmal sogar gleichzeitig.
(5) Ihr könnt einfach ihr selbst sein.
(6) Ihr sprecht offen miteinander und könnt diese Offenheit auch annehmen.
(7) Eure Freundschaft
kennt keinen Kalender.
(8) Ihr seid immer füreinander da -
und wisst das auch. «
Redl, Jasmin (2025): Acht Zeichen einer wahren Freundschaft - und wie du sie findest [online] https://gemeinsamerleben.com/blog/wahre-freundschaft [08.08.2026]

Hingehen und gegenwärtig sein

Matthäus fährt damit fort, dass Jesus plötzlich auf dem See gehend auf sie zukommt. Die Jünger erschrecken und meinen, es sei ein Gespenst, sie schreien vor Angst. Der dritte Schritt, was für Jesus Freundschaft heißt und wie er sie zu bewerten vermag, ist das Maß der Bereitschaft, auch (und gerade) in schwierigen Situationen „seinen Freunden“ gegenwärtig zu sein, auf sie zuzugehen, auf das gewachsene Vertrauen hinzuweisen und ihnen in aller Unterschiedlichkeit der Personen und der Situationen die Hand hinzuhalten.

Als Petrus auf dem Wasser dem Jesus entgegengehen will, hört er Jesu „Komm!“ Ich glaube, es ist gleichgültig, welche „Profile“ deine oder meine Freundinnen und Freunde haben. Wenn es um die Frage nach einer „Bewertung“ der Freundschaft geht – etwa im Sinne, wie wertvoll Freunde und Freundinnen für dich oder für mich sind, dann können wir in Stille und mit Abstand zu ihnen gut in die Schule Jesu gehen (man könnte es auch „Nachfolge“ nennen):

  • lass uns vor Augen führen, wie unseren Freundschaften der Boden bereitet wurde;
  • lass uns dem nachgehen, wie sie gewachsen sind, lass uns innerlich ihrem Wachstum zuschauen;
  • lass uns die Momente der Begegnungen nachgehen, in denen wir gemeinsam auf Wachstum gesetzt haben;
  • lass uns Bildworte, Symbole finden, mit deren Hilfe wir ausdrücken, welchen Wert der/die andere für uns verkörpern, uns was dir bzw. mir diese Werte wert sind;
  • lass uns bei den Momenten verharren, wo wir unseren „Hunger“ eingestanden oder anders herum, wo wir den Hunger der anderen zu „stillen“ versucht haben;
  • und begegnet einander mit der ausgestreckten Hand und mit offenen Armen und/oder Herzen – gerade dann, wenn der Boden kaum mehr trägt.

So viel für heute und für diese Woche.

Köln, 07.08.2026
Harald Klein

[1] vgl. Mertes, Klaus (1989): Jüngerprofile. Die Gefährten Jesu und ihr weg zum Glauben, Frankfurt am Main.