Ein Stupser zum Nachdenken über das „Bleiben“
Was denkst du – ist „Bleiben“ für dich eher mit Passivität oder eher mit Aktivität verbunden? Das eine? Das andere? Mal so, mal so? Aber dann lass mich dich fragen, welches Gefühl oder auch welches Bild du mit dem passiven Bleiben und dann mit dem aktiven Bleiben verbindest. Und dann schau dein Erleben an: wo, wann, wie hast du dich in einem passiven Bleiben erlebt, und wo, wann, wie in einem aktiven Bleiben? Welche Gefühle und Gedanken kommen beim Nachsinnen über dein Erleben in dir hoch?
Jes 7,9: „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht“ – ein passives Bleiben
Im 7. Kapitel im Buch Jesaja geht es um eine Schlacht zwischen Juda und Israel. Als es schlecht für Juda steht, schickt Gott seinen Propheten Jesaja zum König Ahas uns lass ihm ausrichten, dass die Pläne seiner Gegner scheitern werden. Was Gott erwartet, ist der Glaube an ihn. Die Herrschaft der Gegner des Ahas wird ihr Ende finden, aber wenn Ahas das nicht glaubt, wird er nicht bleiben, wird er nicht überleben. Trotz aller Widrigkeiten bleiben die Soldaten Judas im Lager, verharren in der Überzeugung, dass der Sieg ihrer wird, kämpfen weiter. Das passive „Bleiben“ hat etwas mit festem Ort, fester Überzeugung, Aushalten, Ausharren und Weitermachen zu tun.
wenn er sich will besehn,
so kann es nur in mir,
und wer mir gleicht, geschehn. «
Joh 1,33: Vom Geist, der herabkommt und bleibt …
Im Evangelium heute spricht Johannes der Täufer im Zusammenhang mit Jesus, der zur Taufe kommt, gleich zweimal vom Bleiben. Zuerst: „Ich sah, dass der Geist vom Himmel herabkam wie eine Taube und auf ihm blieb“ (Joh 1,32). Einen Vers weiter geht er dann auf den „bleibenden Geist“ ein, der ihm Hilfe ist, den Messias zu erkennen: „Auch ich kannte ihn nicht, aber er, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, er hat mir gesagt: Auf wen du den Geist herabkommen und auf ihm bleiben siehst, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft“ (Joh 1,33).
Wenn es dir dienlich ist, gehe doch einmal in die Figur des Johannes. Wie oben zu Anfang mit den Fragen, ob dieses Bleiben des Geistes eher aktiv oder eher passiv zu verstehen ist. Welches Gefühl, welches Bild taucht da auf? Vielleicht sogar ein Erleben, in dem du dich vom Geist Gottes berührt gefühlt hast.
Die Alternative ist meines Erachtens entweder, dass du – wie in einem alten Piratenfilm – dir Jesus vorstellst wie einen Piraten, auf dessen Schulter der Geist eher in Gestalt eines Papageien als einer Taube sitzt. Passives Bleiben also! Jesus hat den Geist, besitzt ihn – basta. Oder dass du – hier suche dir deine Begegnungen und Erfahrungen bitte selbst – in Jesus oder denen, die ihm auf der Spur sind, einen Menschen siehst, der bei sich, bei seinen Werten, bei seinem Lebensentwurf gerade dadurch bleibt, indem er all das immer neu zum Ausdruck bringt in dem, was ihm begegnet, in denen, die ihm begegnen. Aktives Bleiben also!
Um es ein wenig zu verdeutlichen: Wenn du in einer Partnerschaft, in einer Familie, in einer tragenden Freundschaft lebst, dann weißt du, wie viel Aktivität es kostet, um in dieser Lebensform zu bleiben! Wer festhalten will an den Formen, wer alles dafür unternimmt, dass die Formen bleiben, wie sie waren, sieht zwangsläufig das Leben davonziehen.
Aktives Bleiben heißt nicht festhalten, sondern loslassen, was war, um die leeren Hände hinzuhalten, was ist. Aktives Bleiben braucht immer eine Offenheit, nicht, um zu gehen, sondern um kommen zu lassen.
Das Dreieck des Bleibens
Mir steht ein gleichseitiges Dreieck vor Augen, dass ich als das Dreieck des Bleibens bezeichnen möchte. Die drei Ecken bezeichnen drei Pole des Bleibens, das passive Bleiben, das aktive Bleiben und die Gefahr, den eigenen Vogel mit dem Heiligen Geist zu verwechseln. Im Leben Jesu ging es zuerst um das Reich Gottes, alles andere, so seine Überzeugung, werde im dazugegeben (vgl. Mt 6,33). Dem entspricht das passive Bleiben, dort, darin war Jesus zu Hause – im Reich Gottes. Im Unterschied zu Ordnungen und Liturgien, in denen jeder an den zugewiesenen Orten zu bleiben und sich nach den zugewiesenen Regeln zu verhalten hat, ist die Bandbreite des Wirkens Jesu vom einsamen Gebet über Predigt, Heilung und Belehrung bis zur Tempelreinigung ziemlich weit. Hier zeigt sich sein aktives Bleiben. Die Frage war immer, was denn jetzt, heute der Wille Gottes, seines Vaters, und die Unterscheidung etwa zum Willen der Jünger, sei. Die Konflikte mit den Schriftgelehrten und den Pharisäern, oft auch die mit den Aposteln und seinen Jüngern, haben hier ihre Wurzel.
Es macht objektiv einen Unterschied, ob du einer Sache oder Überzeugung, einem anderen Menschen oder dir selbst treu bleibst – das wäre ein passives Bleiben. Subjektiv aber macht es einen großen Unterschied, wie du diese Treue einer Sache oder Überzeugung, einem anderen Menschen oder dir selbst gegenüber lebst – das ist ein aktives Bleiben. Wie es geht: Lerne den Heiligen Geist in dir von deinem eigenen Vogel zu unterscheiden, und dabei bleib!
So viel für heute und für diese Woche.
Köln, 17.01.2026
Harald Klein