Ein Fernglas für Weihnachten
Als Kind war es für mich ein begehrtes Spielzeug, das Fernglas, dass unser Vater für Ausflüge und Spaziergänge ab und an mit sich führte. Du kennst das sicher: wenn du in die Seite mit den kleineren Gläsern hindurchschaust, wenn du an der Gläser geriffelter Ränder drehst, kannst du das Reh, den Fußballspieler, die Bauern auf dem Feld ganz scharf und nah – heute würde man sagen – „heranzoomen“. Schaust du aber umgekehrt durch die großen Vordergläser, erscheint dir die Welt, die dir ganz nah ist, auf einmal ganz klein und fern.
Mir ist das an diesem Weihnachtsfest eine gelungene Parallele zum Weihnachtest, wie du es sehen, und zu dem, was du an Weihnachten feiern kannst. Lass mich dir diese Parallele beschreiben.
wie er die kleinen Leute behandelt. «
Weihnachten, durch die vorderen großen Gläser des Fernglases betrachtet
Wenig Dinge mag ich so in der Weihnachtszeit wie meine Gloriakrippe aus Südtirol. Aus Kirschholz geschnitzte Figuren, um die 25 cm hoch, auf einer beigen Tagesdecke, jedes Jahr mit einem Freund, mit einer Freundin aufgebaut. Wer steht wie und wohin ausgerichtet an welcher Stelle? Was außer den rotbraunen Holzfiguren und der beigen Decke kommt dazu? Blumen? Kerzen? Weihrauchstövchen? Zum Aufbau – und danach in kurzen, stillen Zeiten – Weihnachtsmusik, für mich das Weihnachtsoratorium von Camille Saint-Saëns, Bach kommt später. Mit Ausnahme des „Ich steh‘ an deiner Krippen hier“ – wenn die Krippe steht, und wenn der Heilige Abend zu Ende geht.
So gesehen, ist mein Weihnachten sehr klein: eine mich berührende Krippe, dazu mich berührende Musik, und die Gemeinschaft von dem Herzen nahen Gefährten, die beim Aufbau helfen. Bethlehems und Jesu Welt – jetzt in meinem Wohnzimmer. Das alles berührt mein Herz.
Das darf sein, keine Frage. Gott ruft dich und mich nicht nur durch sein Wort, sondern auch durch Emotionen z.B. mit Musik und Liedern, und durch Begegnungen, gerade in der Vielfelderwirtschaft der Freundinnen und Freunde, um Roger Willemsen zu zitieren. Sehr passend ergänzt die zweite Lesung aus dem Epheserbrief diesen rufenden Gott, der herbergssuchend Weihnachten wie Weihnachten an meine Tür anklopft. Paulus schreibt:
„Gepriesen sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus. Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel. Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Grundlegung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor ihm. Er hat uns aus Liebe im Voraus dazu bestimmt, seine Kinder zu werden durch Jesus Christus und zu ihm zu gelangen nach seinem gnädigen Willen zum Lob seiner herrlichen Gnade“ (Eph 3,1-6).
Der falsche Blick durchs Fernglas: das Rührselige der Krippe sehe ich, die Innigkeit der Weihnachtsoratorien und Weihnachtslieder höre ich, die Gegenwart meiner Lieben empfinde ich. Aber mein Blick auf Weihnachten ist absolut verkleinert: die Göttlichkeit in Jesu übersehe ich, ebenso das „An-Gebot“ Gottes, von ihm „im Voraus“ erwählt zu sein zu einem heiligen und untadeligen Leben, wie er es in seinem Sohn vorgelebt hat; und ich bleibe mir und anderen oft genug die Antwort schuldig, was ich denn für den, dessen liebender Ruf und dessen segnende Hände mir gelten, empfinde.
So sieht Weihnachten aus, wenn ich es mit der falschen Seite des Fernrohrs anschaut.
und hat unter uns gewohnt.
Und wir haben seine Herrlichkeit geschaut. «
Weihnachten, an den hinteren Gläsers des Fernglases scharf gestellt
Jetzt aber drehe du das Glas um, die kleineren Gläser an die Augen, stelle sie scharf, und vielleicht staunst du, was du dann sehen kannst, wenn du Weihnachten „heranzoomst“. Du musst eigentlich nur mit den Augen des Evangelisten Johannes zu sehen versuchen, um entdeckend zu verstehen, was er zuvor „gesehen“ und dann „erzählt“ hat.
Er beginnt – die ersten Worte des ersten Evangeliums am ersten Weihnachtstag – mit: „Im Anfang war das Wort“ (Joh 1,1) – er greift so auf die Schöpfungsgeschichte zurück, auch das erste Buch der Bibel beginnt mit denselben Worten. „Im Anfang“ – das meint den absoluten Beginn, vor dem „das Nichts“ war. Am Anfang ist nur Gott, er hat schon eine Geschichte mit dir begonnen, bevor du überhaupt da warst – „im Voraus“, schreibt Paulus. Und Paul Gerhardt vertont fernsehend in „Ich steh an deiner Krippen hier“:
„Da ich noch nicht geboren war, / da bist du mir geboren / und hast mich dir zu eigen gar, / eh ich dich kannt, erkoren. / Eh ich durch deine Hand gemacht / da hast du schon bei dir bedacht, / wie du mein wolltest werden.“
Der Anfang von Weihnachten ist weder Tannenbaum noch Krippe, sondern dein Leben, dein Dasein, in das Gott dich gerufen hat. Das ist sein Geschenk an dich. Oder anders: Weihnachten „heranzoomen“ heißt, du stehst an der Krippe dessen, der dir dein Leben geschenkt hat. Er ist „Schöpfer aller Ding“, und du bist sein Geschöpf.
Dann „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. […] Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1,9.11). Dein falsch gehaltenes Fernglas sieht nur und sieht klein das, was direkt vor dir ist – erst der Blickwechsel, der Perspektivenwechsel zeigt: Du, die um Dich herum, Deine Welt, deine Perspektiven sind zum einen nicht „deine“, das alles – incl. Deiner selbst – sind Angebote und An-Gebote Gottes, mit denen und für die du leben kannst (und sollst, um mal das „Gebot“ ernst zu nehmen). Nicht du bist „Eigentümer“, du bist „Verwalter“ all dessen, was bzw. all derer, die Gottes Eigentum sind. Du besitzt nicht deine Krippe, ich besitze nicht meine Krippe, du verwaltest sie für den Versorger Gott, den Spender alles Guten! Es gilt der „Krippenwechsel“ an Weihnachten: Gott hat sich dich und mich als Krippe erwählt, in denen er Mensch werden will, in denen er sich den Menschen zeigt wie Jesus sich den Hirten und den Königen in Bethlehem zeigte. Daher schreibt Johannes: „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden“ (Joh 1,12). Wohlgemerkt: „zu werden“ heißt es, nicht „zu sein“ – „Kind Gottes“ ist weder Zustand noch Habitus,[1] sondern ein lebenslanger Prozess.
Und schließlich bringt Johannes das Weihnachtsgeschehen auf den Punkt, ganz ohne Krippe, ganz ohne Engel, Hirten und Könige, ganz ohne Maria und Josef. In Joh 1,14 endet er seinen Prolog, sein Vorwort zu seinem Evangelium mit „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.“
Es braucht kein besonders starkes Fernglas, es braucht aber die richtige Haltung des Glases, und es braucht die Perspektive, das Ziel, in diesem Fall das, was die anderen Evangelisten in und mit Bethlehem beschreiben. Aber noch mehr braucht es den Willen, den Entschluss, den „Eigentümer“ und „Versorger“ Gott und uns, die „Beschenkten“, um dich und mich zu sehen. Wir sind Beschenkte von Beginn an, und können als Schenkende unser Leben führen. Weihnachten will nahe an uns dran sein. Wenn die Nähe stimmt, kann der Krippenwechsel geschehen, in dem das Wort Fleisch wird, in dir und in mir, durch dich und durch mich.
„Ich steh an deiner Krippe hier“ singe ich mit dir vor meiner Krippe; „Ich steh an meiner Krippe“ singt Christus, der uns gegenüber in der Krippe liegt.
So viel für heute und für die Woche.
Köln, 03.01.2026
Harald Klein
[1] In der Theologie der Sakramente wird auf diesen „Habitus“ Wert gelegt, auf den „unauslöschlichen Charakter“ („character indelebilis“) – einmal getauft und gefirmt, einmal zum Priester geweiht, kann dieses „Sigel“ wie ein Brandmal nicht genommen werden. Die Zusage, die Gott im Sakrament gibt, gilt und kann nicht zurückgenommen werden. Die Frage ist, was du, was ich aus dieser Zusage machen – ein lebenslanger Prozess eben.