Jesus bringt nicht Frieden, er bringt Spaltung!
Wenige Sätze im Evangelium hauen so rein wie diese aus dem heutigen Evangelium: „In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen […]. Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, sondern Spaltung. Denn von nun an werden fünf Menschen im gleichen Haus in Zwietracht leben. Drei werden gegen zwei stehen und zwei gegen drei; der Vater wird gegen den Sohn stehen und der Sohn gegen den Vater, die Mutter gegen die Tochter und die Tochter gegen die Mutter, die Schwiegermutter gegen ihre Schwiegertochter, und die Schwiegertochter gegen ihre Schwiegermutter“ (Lk 12, 49.51-53).
Die Rechnung mit dem Tod machen – so oder so
Wäre das von Jesus ausgesprochene „von nun an“ eine das Handeln der Menschen begründende Tatsache, etwas, das eben unausweichlich zum Leben der Menschen gehöre, dann könnte ich, dann könntest du dir gleich die Kugel geben. Ich lebe hier im Haus mit acht Parteien – wenn jede in den je anderen sieben den potenziellen Gegner sieht, den- oder diejenigen, gegen die man stehen muss – wie sähe dann das Miteinander aus? Dieses Bild vom Haus kannst du immer weiter hochrechnen, zum Wohnort, zum Bundesland, zum Land! Und ist es nicht so, dass dann ein Bild von Weltentsteht, wie du sie gerade erlebst? Egal, ob „America first“ oder „Me and my life first“ – Menschen machen ihre Rechnungen über ihr Leben mit dem Tod, und um selbst groß, mächtig, besser, „reicher“ dazustehen. Natürlich geht es hier dann immer um den Tod und auf die Kosten der anderen!
Die Rechnung mit dem Tod machen geht aber auch anders. Die Spaltung, vor der Jesus spricht, das Feuer, das er auf die Erde wirft, damit es brenne, hat grundlegend mit der Entscheidung und der Entschiedenheit zum Leben, mit der Entschiedenheit zur Hoffnung zu tun. Über das ganze 12. Kapitel des Lukasevangeliums schreibt Eugen Drewermann:
„Diese Verse […] reißen den Hörer mit, als säße er in einem Bob, der unter dem Druck der Schwerkraft und im Sog der Streckenführung mit immer höherer Geschwindigkeit durch einen Eiskanal getrieben wird. Der Startpunkt oben am Anfang dieser Fahrt – der Beginn dieser Argumentationsreihe – liegt noch immer in der Geschichte von dem törichten Kornbauern (Lk 12,16-21): Wer mit dem Tod nicht rechnet, lebt verkehrt; jederzeit kann er kommen, und deshalb ist es absolut falsch, anstehende Entscheidungen zu verschieben, das als richtig Erkannte zu verzögern und so zu tun, als ob Zeit eine grenzenlos verfügbare Ressource wäre, auf die wir immer zurückgreifen und als ewig in unsere Planungen einsetzen könnten.“[1]
„Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde, heute wird getan oder auch vertan, worauf es ankommt, wenn er komm“ ist der Refrain einen sog. Neuen Geistlichen Liedes, dessen Text von Alois Albrecht und dessen Melodie von Ludger Edelkötter stammt.[2] Da wird dieses Jetzt, der entscheidende Moment der Entscheidung und der Entschiedenheit auf den Punkt gebracht und quasi „benotet“! Und klar wird: manchmal muss ich lassen können, um empfänglich zu bleiben – für dich, für mich, für das Leben und das Lebendige. Lassen könne ist auch so etwas wie die Rechnung mit dem Tod machen. Aber hier um des Lebens willen.
Prokrastination und Präkrastination Gott gegenüber
Mir scheint, dass die Spaltung, von der Jesus spricht, nicht die von „gut oder böse“, von „richtig oder falsch“, erst recht nicht die von „getauft oder nicht getauft“, von „einer Kirche zugehörig oder nicht“, von „eher links oder eher rechts“, von „LGBTQ+ (stell dir ein „oder“ zwischen jedem abkürzenden Buchstaben vor) oder von welchen Dualismen auch immerist. Am Bild des zerbrochenen Kreuzes sehe ich die Gefahr einer „vertikalen Spaltung“ zwischen mir und meinem Schöpfer, und dann die Gefahr einer horizontalen Spaltung zwischen denen, die um mich sind bzw. dem, was um mich ist, und mir selbst. Noch einmal Eugen Drewermann:
„Eines ist – in christlicher Sicht – gänzlich verkehrt, und gerade an dieser Stelle ist der Unterschied zum Standpunkt der Stoa besonders augenfällig: unser Leben gehört nicht uns selbst, wir haben es nicht selbst gemacht, und auch denen, die es ‚gemacht‘ haben, ist es nicht ‚hörig; es gehört allein Gott als dem eigentlichen Ursprung und Zielpunkt unseres Daseins. Dass es uns gibt, das, was wir sind, ist buchstäblich als ein Geschenk zu betrachten, als eine Leihgabe, mit der es ‚richtig‘ umzugehen gilt – in Dankbarkeit und Verantwortung. Wir stehen nicht entsprechend dem Weltbild der stoischen Ethik – heroisch – einem leeren Weltall gegenüber, in dem ein blindes Schicksal waltet; wir sind ‚Kinder‘ eines Willens, der gewünscht hat, dass wir existieren – in dieser Zeit, für diese Zeit, die gerade so lange dauern wird, wie dieser Wille uns zumisst.“[3]
Die Spaltung, von der Jesus spricht, schneidet in der Vertikalen des Kreuzes Gott als den, der mir das Leben überlassen, geschenkt hat und es wiederempfangen wird, ab ; und auf der Horizontalen des Kreuzes schneidet er die ab, die um mich sind, und das, was um mich ist. Wenn du dir dieses Bild betrachtest – was bleibt da noch über? Du stehst in allem alleine!
Wenn ich aus meiner Perspektive dieses Bild betrachte, wenn ich Drewermann vom „Verschieben der anstehenden Entscheidungen“ bzw. vom „Verzögern des als richtig Erkannten“ (vgl. Anm. 1) reden höre, dann wird mir deutlich, wie die Spaltung zwischen Gott in Jesus, zwischen denen, die um mich sind und dem , was um mich ist, und sogar was an Spaltung in mir selbst, wie ich gerne wäre und wie ich bin, schmerzhaft wirksam ist. Zwei Begriffe aus der Psychologie sind hier hilfreich. „Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!“, sagt Jesus im Evangelium.
Da ist einmal die Prokrastination, ein wiederholtes und übermäßiges Verschieben von Aufgaben oder Begegnungen, oft trotz des Bewusstseins der negativen Konsequenzen, die es für mich hat. Dahinter kann der Wunsch stehen, negativen Gefühlen aus dem Weg zu gehen, oder eine Haltung des Perfektionismus, aus der heraus ich die Aufgabe, die Begegnung gestalten will, die aber „noch nicht so weit“ ist; manchmal ist es ein geringes Selbstwertgefühl, das mich beim Anpacken der Dinge zurückschrecken lässt, manchmal auch „nur „ mangelnde Selbstorganisation, oder das Gefühl von Stress und Überforderung. Was soll ich viel schreiben – du kennst es, da bin ich sicher! In dieser Spaltung zwischen mir und dem, was mir aufgegeben ist, hilft Selbsterkenntnis, helfen Zielsetzungen und Planungen, hilft ein gutes Zeitmanagement, ein gesunder Umgang mit negativen Gefühlten und Unterstützung, auch aus dem Freundinnen- und Freundeskreis. – „Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!“, sagt Jesus im Evangelium. Halte die Flamme dessen, für was (bzw. die Flamme derer, für die) du brennst, am Brennen – und lass sie nicht verlöschen. Das überbrückt die Spaltung!
Und dann kenne ich die Präkrastination, das zwanghafte Bedürfnis, Aufgaben so schnell wie möglich zu erledigen, auch wenn es strategisch besser wäre, zu warten; es „jetzt“ zu tun, kann ein erhöhter Aufwand sein, später könnte ich auch mehr Zeit dafür haben. Oder ich will das möglichst schnell vom Hals und aus den Augen, aus dem Sinn haben, weil es mir unangenehm ist, oder weil es mich mit Befriedigung erfüllt, es „so schnell“ abgearbeitet zu haben. Der Preis dafür ist allemal erhöhter Stress. Auch hier gilt: es geht nicht nur um Aufgaben, es geht auch um Begegnungen. Manchmal ist flottes reden nur Silber, und abwartendes Schweigen ist das Gold! – Hilfreich sind Priorisierungen, Pausen, Aufgabenplanungen und Achtsamkeit auf dich und dein Tun. – Wie gesagt: „Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!“, sagt Jesus im Evangelium. Es geht ihm wohl weniger um ein riesiges Oster- oder Martinsfeuer, sondern darum, dass wärmende, erhellende, anziehende Feuer am Brennen zu halten. Und auch hier gilt: Halte die Flamme am Brennen – und achte darauf, dass dein Brennstoff über die Nacht genügt. Die Spaltung entsteht, wenn der Brennstoff ausgeht, du überbrückst sie, indem du dich und deine Zeit einteilst, so, dass auch du selbst nicht „ausbrennst“.
Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen.
Wir aber sind oft blind.
Wir bleiben in den schönen und bösen Stunden hängen
und erleben sie nicht durch
bis an den Brunnenpunkt,
an dem sie aus Gott herausströmen.
Das gilt für alles Schöne
und auch für das Elend.
In allem will Gott Begegnung feiern
und fragt und will die
anbetende, hingebende Antwort.
Die Kunst und der Auftrag ist nur dieser, aus diesen Einsichten und Gnaden
dauerndes Bewusstsein und dauernde Haltung zu machen und werden zu lassen.
Dann wird das Leben frei in der Freiheit,
die wir immer gesucht haben. «
Mit den Dingen arbeiten und leben, nicht gegen sie
In jeder Schule der Achtsamkeit wirst du den Satz lernen, dass es dem Menschen gemäßer ist, mit den Dingen zu arbeiten und zu leben, nicht gegen sie. Auch wenn es manchmal schwerfällt, könntest du den Satz abändern in „Mit den Menschen arbeiten und leben, nicht gegen sie“, oder sogar „Mit dir, wie du bist, arbeiten und leben, nicht gegen dich“. Und sogar „Mit Gott (wie er/sie/es für dich erscheint) arbeiten und leben, nicht gegen ihn/sie/es“.
In diesem „Mit – nicht gegen“ liegt die Spaltung, an die ich mich von Jesus erinnert sehe, und die zu überwinden ich selbst vermag. Dann, wenn ich mit mir und nicht gegen mich lebe und arbeite. Wie sieht es bei dir aus?
So viel für heute, und für diese Woche.
Köln, 14.08.2025
Harald Klein
[1] Drewermann, Eugen (2009): Das Lukasevangelium. Bilder erinnerter Zukunft, Band 2: Lukas 12,2-24,53, Düsseldorf, 63; vgl. auch das „auf links gedreht“ vom 18. Sonntag im Jahreskreis: https://www.harald-klein.koeln/18-sonntag-im-jahreskreis-vom-reichtum-der-ich-bin-und-der-du-bist/ und vom 19. Sonntag im Jahreskreis: https://www.harald-klein.koeln/19-sonntag-im-jahreskreis-mein-schatz/
[2] zum Nachhören: https://www.youtube.com/watch?v=eeREVEnByUY&list=RDeeREVEnByUY&start_radio=1
[3] Drewermann, Eugen (2009): Das Lukasevangelium. Bilder erinnerter Zukunft, Band 2: Lukas 12,2-24,53, Düsseldorf, 65.