Keine Antwort ist auch eine Antwort
„Schick sie fort, denn sie schreit hinter uns her!“ (Mt 15,23). Die Geschichte dieser Forderung der Jünger an Jesu ist schnell erzählt. Es geht um eine kranke Tochter, die Jesus heilen möge. Und es geht um eine kanaanäische Frau, die aus der abgelehnten Fremde stammt, um eine – wenn du die Linien weiterziehen magst – mit anderen Bräuchen, Kleidern, Ess- und Trinkgewohnheiten, Erziehungsmaximen, eine mit anderen Göttern, mit anderen Weisen des Umgangs zwischen den Geschlechtern usw. Ein Bekannter erzählt abfällig vor wenigen Tagen von einer Begegnung im Supermarkt mit einer „Buschfrau“ an der Kasse. Er meinte damit eine Schwarze Deutsche. Die Weise des Redens von oder über eine „Andere“ hat sich wohl nicht verändert, und wenn, dann in einer globalisierten Welt eher zum Schlimmeren!
Nochmal „Schick sie fort, denn sie schreit hinter uns her!“ (Mt 15,23). Die Antwort Jesu an die Jünger ist keine Antwort auf die Aufforderung durch die Jünger, sie greift die Forderung in keiner Weise irgendwie tatkräftig aus: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.“ (Mt 15,24). Das hilft den selbst auch krakeelenden Jüngern nicht wirklich.
Ein Lernprozess Jesu
Und doch: Diese Forderung der Jünger stößt einen Lernprozess in ihm an, wird zum Impuls des eigenen Nachsinnens, wer eigentlich „sein Gegenüber“ ist – oder anders: wem „seine Sendung“ gilt. Eine erste Antwort formuliert er selbst, ich habe es oben schon geschrieben: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.“ (Mt 15,24).
Jetzt kommt die kanaanäische Frau, eine Art „Buschfrau“, kommt zu ihm, fällt vor ihm auf die Knie und sagt ihm: „Herr, hilf mir.“ (Mt 15,25) Jesus setzt abwehrend noch eins drauf: „Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den kleinen Hunden vorzuwerfen.“ (Mt 15,26) Mit ihr, meint Jesus, habe er und haben die Angehörigen seines Volkes nichts zu tun. Aber dann kommt die Wende im Lernprozess Jesu. „Da entgegnete sie: Ja, Herr. Aber selbst die kleinen Hunde essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihres Herrn fallen.“ (Mt 15,27)
Mitgefühl – Zeichen von Treue, nicht von Verrat
Was löst diese Haltung der kanaanäischen Frau bei Jesus aus? Matthäus schließt die Erzählung ab mit „Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Es soll dir geschehen, wie du willst. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.“ (Mt 15,28)
Was hier geschieht, geht über den angeblichen Wert der „Nächstenliebe“ im Christentum hinaus. „Nächstenliebe“ meint mittlerweile eine Abstufung von „Ich bin mir selbst der/die Nächste“ – und dann meine Partnerin/mein Partner und meine Kinder – meine weitere Familie – und die, die ich mir zu Familie gemacht habe. Wenn Jesus sagt, er sei „nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“ gesandt, dann kannst du die Vorgaben, die Gebräuche und Riten, die vielen Äußerlichkeiten aufzählen, die jemanden zum „Schaf des Hauses Israel“ werden lassen – ob verloren oder nicht. Nur: Die „andern“ sind draußen. Zugehörigkeiten aufgrund äußerer Gegebenheiten feststellen oder ablehnen nennt man Rassismus!
Gott sei Dank (!) hat Jesus den überwunden, indem er den Glauben (Achtung: nicht die Religion!) als Zeichen der Zugehörigkeit zu den verlorenen Schafen (Achtung: nicht des Hauses Israels, sondern zu seiner neu verstandenen Sendung zu den Menschen) anspricht.
Statt aufgrund seiner Religion die Formen der Nächstenliebe zu verraten, öffnet er sich einer Universalität der Menschen im Leid und in der Not. Die „Buschfrau“ aus Kanaan wird ihm zur Schwester, weil die spirituelle Erfahrung des Mitgefühls, das er ihr gegenüber verspürt, stärker ist als die religiöse Forderung der Nächstenliebe. Der ausschließendeMoment des Religiösen wird durch das spirituelle Zulassen des Mitgefühls in allem, was menschlich ist und bei allen, die Menschen sind überwunden. Mitgefühl verbindet – und regelt das Miteinander.
„Frau, dein Glaube ist groß“
Die Zusage Jesu an die kanaanäische Frau: „Dein Glaube ist groß!“ (Mt 15,28) würde ich mir gerne von Jesus zusagen lassen. Ich würde ihn dir und vielen anderen aus meinem Freundinnen- und Freundeskreis mitgeben. Ich würde ihn den Verantwortlichen in Kirche, der Politik ans Herz legen. Und manchen in den Parteien, die vor lauter „Buschfrauen“ den Menschen dahinter nicht mehr sehen. „Großer Glaube“ ist nicht quantifizierbar an den Besuchen der Gottesdienste oder Empfang der Sakramente, sondern qualifizierbar daran, inwieweit ich dem Menschen neben mir – egal, woher, welchen Geschlechts oder welcher Hautfarbe und, ja, und auch egal, welcher geschlechtlichen Orientierung – als Mensch begegne!
„Weltreligionen“ haben die Mitglieder einer Gruppe, eines Bekenntnisses, vielleicht einer Hautfarbe oder einer Gesinnung im Blick. „Universalismus“ überwindet das und kennt – zumindest in diesem Zusammenhang – ausschließlich den Menschen.
So viel für heute und für diese Woche.
Köln, 13.08.2026
Harald Klein