Bert Brecht und Max Frisch – Sich (k)ein Bild vom Menschen machen
Zwischen 1926 und 1956, seinem Sterbejahr, schrieb Bert Brecht kleine Prosaminiaturen, alltägliche Geschichten von Begegnungen „Herrn Keuners“ (oft nur „Herr K.“). Ein karger, sachlicher, manchmal rätselhafter Stil – alltägliche Fragen oft mit unerwarteten, dialektischen Antworten. Zwei kurze Beispiele:
Das Wiedersehen:
Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: „Sie haben sich gar nicht verändert.“ – „Oh“, sagte Herr K. und erbleichte.
Wenn Herr K. einen Menschen liebte:
„Was tun Sie“, wurde Herr K. gefragt, „wenn Sie einen Menschen lieben?“ – „Ich mache einen Entwurf von ihm“, sagte Herr K., „und sorge, dass er ihm ähnlich wird.“ – „Wer? Der Entwurf“‘ – „Nein“, sagte Herr K., „Der Mensch“‘[1]
In diesem Jahre 80 Jahre alt geworden ist der Tagebucheintrag von Max Frisch „Du sollst dir kein Bildnis machen“, den er im „Tagebuch 1946“ veröffentlicht hat.[2] Ich habe ihn unter der Rubrik „Gedankensplitter“ notiert, du findest diesen Tagebucheintrag hier.
Brechts kleine Texte und Frischs Tagebucheintrag mögen an Jahren ein hohes Alter haben, im Inhalt bleiben sie so jung, so präsent und so aktuell wie eh und je.
Es geht um die Versuchung, ja um die Gefahr, nicht den Menschen an seiner Seite zu lieben, sondern das Bild, den Entwurf, das du dir von diesem Menschen gemacht hast. Max Frisch hat den Ausdruck geprägt, die Liebe halte den Menschen „in der Schwebe des Lebendigen […], in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen.“[3] Die Versuchung ist groß, dem „Entwurf“ vom geliebten Menschen zu folgen, oder jede Veränderung zu verneinen – nach Brecht wie nach Frisch ist das das Ende jeder Liebe. Das gilt für dich, für mich, für uns – das gilt auch auf Jesus hin und von Jesus her.
„Für wen halten die Menschen den Menschensohn?“ – „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“
Zugegeben, das Evangelium kommt jedes Jahr, und immer, wenn vom „Gebiet Cäsaréa Philippi“ im Evangelium die Rede ist, falle ich innerlich zusammen – nicht wieder diese Frage. Aber: in jeder Beziehung, jeder Freundschaft jeder Partnerschaft ist sie unumgänglich, wenn es um „Fortschreiten“ und „Fortschreiben“ der Beziehung geht. Das „Sie haben sich gar nicht verändert“ in der ersten Geschichte von Herrn Keuner weist auf mangelnde Wahrnehmung des einen hin – oder auf wirklichen Stillstand beim anderen. So oder so – ein Mitgehen mit dem anderen, ein Begleiten der Entwicklung der Person wie des Miteinanders bleibt aus.
In den Erzählungen um Jesus ist es die Erwartung des Judas, die zum Verrat führt, ist es der Fehler des Pilatus, am Bild vom weltlichen König zu hängen, und ist es das Missverständnis der Emmaus-Jünger, die gehofft haben, dass Jesus die Machthaber entmachten wird. Der „Entwurf“ aus der zweiten Geschichte von Herrn Keuner, das festgezurrte Bild, das ich von dir oder du von mir hast, oder die Menschen von Jesus, verhindert wirkliche Begegnung, verhindert Mitgehen und Begleitung, verhindert, „einem Menschen zu folgen, in allen seinen möglichen Entfaltungen“, wie Max Frisch schreibt.[4]
„Ich aber sage dir: Du bist Petrus, der Fels …“
Der englische Dichter Edward Young hielt im 18. Jahrhundert fest: „Jeder Mensch wird als Original geboren, aber die meisten sterben als Kopie.“ Frisch betont in seinem Text, dass die Bilder, die andere in uns hineinsehen, unsere Wirklichkeit stark bestimmen. Der Fischer vom See Genezareth wäre von sich aus sicher nicht darauf gekommen, zum Fels der Kirche Jesu zu werden, wenn dieser nicht genau dieses Bild in ihn eingepflanzt hätte. In Max Frischs „Andorra“ wird der junge Andri von seinem Ziehvater für einen Juden gehalten und erzogen. Mehr und mehr begegnen ihm die Dorfbewohner mit Vorurteilen. Der Druck der Gesellschaft und eine drohende politische Krise treibt Andri am Ende in den Tod. Die Macht der Bilder – und die Auflehnung, der Kampf gegen sie, wenn es ums Leben geht.
Ein Grund der Gottes- und Kirchenkrise könnte sein, dass die Bilder, die Christen von Jesus haben, so festgezurrt sind. Hol sie dir zurück in die Schwebe des Lebendigen!
So viel für heute und für diese Woche.
Köln, 22.08.2026
Harald Klein
[1] Brecht Bertolt (1971): Geschichten vom Herrn Keuner, Frankfurt am Main, 26 und 33.
[2] Frisch, Max (1976): Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. 1944-1949. Bd. II.2, hier: Tagebuch 1946, Werkausgabe Edition Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main, 369-371.
[3] a.a.O., 369.
[4] ebd.