21. Sonntag im Jahreskreis – „… noch zu retten?!“

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Das Nadelöhr in der Sächsischen Schweiz

Meine mittlerweile 22jährige Nichte hat ein Wort, mit dem mich – nie ohne vorher verschmitzt zu grinsen – aufzuziehen versucht, und sie hat dazu allen Grund. Es ist sicher schon zehn oder mehr Jahre her, dass mein Bruder, mein damals ca. 10jähriges Patenkind und sie mir eine Wanderung durch die wunderschöne Sächsische Schweiz schenkten, auch auf Wegen, die eher den Kletterern vorbehalten waren. Durch eine der Sandsteinspitzen konnte man ca. 15 m über eine Leiter im Inneren hinaufklettern, sie mündete auf einem Plateau, auf dem man weiterwandern konnte. Die Stelle, in die hinein die Leiter mündet, heißt „Das Nadelöhr“, und nicht umsonst heißt sie so. Mit dem Rucksack auf dem Rücken (aber er hatte nur wenig Schuld daran) bin ich eben im „Nadelöhr“ stecken geblieben, musste ein wenig die Leiter hinunter, den Rucksack abziehen, ihn hinausreichen und kam dann – ehrlich gesagt immer noch mehr schlecht als recht – durch das „Nadelöhr“ hindurch. Wer meine Nichte kennt, weiß, dass sie das ihr Leben lang nicht vergessen und vor allem zur rechten Zeit anzubringen weiß!

Nun geht es im Evangelium heute nicht um das berühmte Kamel, das eher durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher in der Reich Gottes gelangte. Aber es geht um die Antwort Jesu auf die Frage eine nicht näher bezeichneten Mannes, ob es denn nur wenige seien, die gerettet werden. Die Antwort Jesu: „Bemüht Euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen.“

» Rituale sind symbolische Handlungen. Sie tradieren und repräsentieren jene Werte und Ordnungen, die eine Gemeinschaft tragen. Sie bringen eine Gemeinschaft ohne Kommunikation hervor, während heute eine Kommunikation ohne Gemeinschaft vorherrscht. Konstitutiv für die Rituale ist die symbolische Wahrnehmung. «
Byung-Chul Han (2019): Vom Verschwinden der Rituale. Eine Topologie der Gegenwart, 2. Aufl., Berlin, 9.

„Die enge Tür“ – Symbol einer Haltung der „Negativität“

Es gehört zu jeder Religion, Gebote und Gesetze aufzustellen, die in ihren Lehren wurzeln; es gehört zur Frömmigkeit, Riten, Vollzüge und Symbole zu schaffen, die ausrücken, dass man zu dieser Religion gehört. Religiöse Rituale „tradieren und repräsentieren jene Werte und Ordnungen, die eine Gemeinschaft tragen. Sie bringen eine Gemeinschaft ohne Kommunikation hervor, während heute eine Kommunikation ohne Gemeinschaft vorherrscht. Konstitutiv für die Rituale ist die symbolische Wahrnehmung.“[1] Das wird die Wahrnehmung dieses nicht näher bezeichneten Mannes gewesen sein: Da gibt es Menschen in unserer Umgebung, sogar aus unserer Religion, denen es an dieser symbolischen Wahrnehmung fehlt, die sich weder an vorgegebene Gesetze oder Gebote halten noch vorgegebene Riten mitvollziehen. Können diese Menschen gerettet werden, das will er wissen – was auch immer „Rettung hier meint?

Der Begriff der „Negativität“ kann hier helfen. Der Soziologe Byung-Chul Han spricht von „Negativität“ dann, wenn Anderssein erlebt wird, und zwar so, dass es befremdlich, wenn nicht gar bedrohlich wirkt. „Negativität“ meint hier mehr das Anderssein als eine Wertung – es sei denn, man verseht das Anderssein schon als negativ wertenden Faktor. Soll es ja geben, und nicht nur im Judentum zu Zeiten Jesu! In archaischen Gesellschaften oder Gemeinschaften versucht man, sich gegenüber dieser „Negativität“ durch Abstand, Ausschluss, Immunisierung abzuschotten. Von daher gilt die Frage des Mannes sicher den eigenen Brüdern und Schwestern, die aber – vielleicht im Sinne Hermann Hesses – „eigensinnig“ sind, nichts auf Gesetze, Gebote und Riten geben. Sie bleiben „draußen vor der Tür“ – Wolfgang Borchert gleichnamiges Nachkriegsdrama passt hier sehr gut hinein; sie passen im Bild Jesu und im Sinne des fragenden Mannes nicht durch die enge Tür, sie können wohl nicht gerettet werden, so seine Sorge, und wenn sie durch die enge Tür passen, dann höchstens im Modus des Rauswurfes, der Entfernung aus der Gemeinschaft.

Negativität heißt hier auch das Erfüllen fremder Gesetze, Gebote, Riten, Erwartungen, alles, was ich aus Angstbesser lasse oder in der Hoffnung auf Belohnung auch gegen meinen Willen tue – in einer Selbstkontrolle, in der ich mir Gewalt antue, sorge ich dafür, dass ich trotz und mit dem „Rucksack“, den andere mir packen, mich durch die enge Tür, durch das „Nadelöhr“ schiebe. Die Haltung des Neins, der Negativität mir selbst gegenüber hält mir die enge Tür offen. Ich lebe das, was andere mir zu leben erlauben. Da kann es eng werden im Leben, da kann einem die Luft wegbleiben.

»Die Gesellschaft der Authentizität ist eine Performancegesellschaft. Jeder performt sich. Jeder produziert sich. Jeder huldigt dem Kult, dem Gottesdienst des selbst, in dem man der Priester seiner selbst ist. «
Byung-Chul Han (2019): Vom Verschwinden der Rituale. Eine Topologie der Gegenwart, 2. Aufl., Berlin, 25.

„Die enge Tür“ – Symbol einer Haltung der „Positivität“

Gehört es zur Religion, Gebote und Gesetze aufzustellen, die in ihren Lehren wurzeln, gehört es zur Frömmigkeit, Riten, Vollzüge und Symbole zu schaffen, die zeigen, dass man zu dieser Religion gehört, so kommt in einer Zeit der Aufklärung der Moderne und der Postmoderne jetzt die Spiritualität hinzu. Ihr ist es zugehörig, nach einem Geist zu suchen und zu fragen, der das Leben gestallt will und – aus eigener Entscheidung heraus – soll. Traditionelle Religionen könnten hier punkten, verlieren aber zunehmend an Plausibilität – mittlerweile sind weniger als 50% der Bewohner*innen Deutschlands Christen. An die Stelle der „Negativität“ i.S.v. Geboten, Gesetzen und Riten ist eine „Positivität“ getreten, die besagt, erlaubt, und ermöglicht, dass wirklich alles gewählt werden kann, um eine Antwort auf diese Frage nach einem Geist zu geben, der das eigene Leben gestalten soll. Es gibt kaum noch in einem Land, nicht mal in einer Kirche übergreifende und umfassende Riten in der Form, wie Byung-Chul Han sie beschreibt, die eine wirkliche Gemeinschaft ohne Kommunikation zu bilden in der Lage sind. Statt Gemeinschaft ohne Kommunikation stehe jetzt Kommunikation ohne Gemeinschaft – jeder und jede such nach Authentizität für sich, präsentiert sich selbst. Noch einmal Byung-Chul Han: „Die Gesellschaft der Authentizität ist eine Performancegesellschaft. Jeder performt sich. Jeder produziert sich. Jeder huldigt dem Kult, dem Gottesdienst des selbst, in dem man der Priester seiner selbst ist.“[2]

„Positivität“ steht hier für eine neo-liberale Haltung des „anything goes“. Die Frage nach der „Rettung“, nach dem tiefen Empfinden und Erleben, das das Leben aufgehoben, gesichert, getragen ist, geht nicht mehr einher mit Angst, was man dafür alles lassen muss, was Gesetze, Gebote und Riten verbieten. Im Gegenteil: Die Frage nach der „Rettung“, nach dem tiefen Empfinden und Erleben, das das Leben aufgehoben, gesichert, getragen ist, bezieht sich auf das, was ich lassen muss, obwohl es mir vielleicht verheißungsvoll erscheint und vor allem ohne jede Konsequenz auch möglich ist. Ich kann nicht alles durch die enge Tür mitnehmen. Wieder ist es die Haltung des Neins, die mir die enge Tür offenhält, aber nicht, weil etwas oder jemand anderes mich zu diesem Nein motiviert und drängt, sondern weil ich es selbst so entschieden habe. Ich lebe das, was ich mir selbst zu leben erlaube, was ich mir ausgesucht und gewählt habe. Aber auch das kann eng werden – allein schon in der Entscheidung, im Pro oder im Contra.

» Rituale bringen eine Resonanzgemeinschaft hervor, die zu einem Zusammenklang, zu einem gemeinsamen Rhythmus fähig ist: ‚Rituale stiften soziokulturell etablierte Resonanzachsen, entlang deren vertikal (zu Göttern, zum Kosmos, zur Zeit und zur Ewigkeit), horizontale (in der sozialen Gemeinschaft) und diagonale (auf die Dinge bezogene) Resonanzbeziehungen erfahrbar werden‘. Ohne Resonanz ist man auf sich selbst zurückgeworfen und für sich isoliert. Der zunehmende Narzissmus wirkt der Resonanzerfahrung entgegen. Die Resonanz ist kein Echo des Selbst. Ihr wohnt die Dimension des Anderen inne. Sie bedeutet Zusammenklang. Die Depression entsteht am Nullpunkt der Resonanz. Die heutige Krise der Gemeinschaft ist eine Resonanzkrise. Die digitale Kommunikation besteht aus Echokammern, in denen man in erster Linie sich selbst sprechen hört. Likes, Friends und Follower bilden keinen Resonanzboden. Sie verstärken nur das Echo des Selbst. «
Byung-Chul Han (2019): Vom Verschwinden der Rituale. Eine Topologie der Gegenwart, 2. Aufl., Berlin, 19; zit. aus Rosa, Hartmut (2016): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, 2. AufbG., Berlin, 297.

Die Enge aushalten – Resonanzgemeinschaften bilden

So oder so – um am Leben und im Leben zu bleiben, um lebendig und nicht in der „engen Tür“ stecken zu bleiben, kommt man an der „engen Tür“ nicht vorbei (man soll ja auch hindurch kommen). Es macht einen Unterschied, ob ich im Bewusstsein lebe, „gelebt“ zu werden und nur das lebe und in meinem Leben zulasse, was Gesetz, Gebot und Ritus und die Menschen, die dafür stehen, von mir erwarten – oder ob ich mich an das Wagnis des eigenen Lebens traue, ob ich aus der Vielfalt dessen, was möglich, das ergreife, das mir Leben verheißt – wissend, dass mir damit vielleicht die „enge Tür“ weit genug aufsteht, aber andere geschlossen werden.

Hilfreich in diesem Weg sind Resonanzgemeinschaften, die durch selbst geschaffene Rituale des gemeinsamen Lebens und in geteilten und gelebten Werten und Zielen erwachsen. Ist in Gemeinschaften der „Negativität“ das „Ich“ in der Gefahr, unterzugehen und den Schritt durch die „enge Tür“ ins gelingende Leben nicht tun zu können, so ist es in Gemeinschaften der „Positivität“ das „Du“, das leicht übersehen und bedroht ist – schlicht, weil man es nicht in der Wahl dessen, wie es lebt, versteht.

Byung-Chul Han zitiert in diesem Zusammenhang Hartmut Rosa. Er fasst in den Begrifflichkeiten der Resonanztheorie diese Resonanzgemeinschaften und ihren Wert treffend zusammen: „Rituale bringen eine Resonanzgemeinschaft hervor, die zu einem Zusammenklang, zu einem gemeinsamen Rhythmus fähig ist: ‚Rituale stiften soziokulturell etablierte Resonanzachsen, entlang deren vertikal (zu Göttern, zum Kosmos, zur Zeit und zur Ewigkeit), horizontale (in der sozialen Gemeinschaft) und diagonale (auf die Dinge bezogene) Resonanzbeziehungen erfahrbar werden‘. Ohne Resonanz ist man auf sich selbst zurückgeworfen und für sich isoliert. Der zunehmende Narzissmus wirkt der Resonanzerfahrung entgegen. Die Resonanz ist kein Echo des Selbst. Ihr wohnt die Dimension des Anderen inne. Sie bedeutet Zusammenklang. Die Depression entsteht am Nullpunkt der Resonanz. Die heutige Krise der Gemeinschaft ist eine Resonanzkrise. Die digitale Kommunikation besteht aus Echokammern, in denen man in erster Linie sich selbst sprechen hört. Likes, Friends und Follower bilden keinen Resonanzboden. Sie verstärken nur das Echo des Selbst.“[3] Gut, dass es am Nadelöhr meine Nichte gab, die mir den Rucksack abnahm! Resonanzgemeinschaft eben!

Es ist manchmal zum Heulen: Da gehen die einen am Leben vorbei, weil sie all das tun, was andere von ihnen erwarten, und sehr selbstkontrolliert vieles verneinen, das sie in ein eigens Leben ruft; da gehen andere am Leben vorbei, weil sie vor lauter Sorge, etwas oder jemanden zu verpassen, immer noch meinen anderswo, mit jemand anderem oder auf andere Ziele und Werte hin sei mehr Leben zu finden – ohne einen Maßstab des „Genug“ oder des „Gut“ zu entwickeln. Und doch: Es ist nie zu spät, sich der „engen Tür“ zu stellen und in freudig-mutiger autonomer Selbstregulation – nicht in angstgeleiteter Selbstkontrolle – im Gespräch, im geteilten Leben mit anderen herauszufinden, im gemeinsamen Streben auf Ziele und im geteilten Leben von werten hin dieser engen Tür zu nähern. Durch sie hindurchgehend, finden sich Resonanzgemeinschaften, spürt man Zusammenklang und einen gemeinsamen Rhythmus. Und da, so Jesus, sind Letzte, die werden Erste sein, da sind Erste, die werden Letzte sein.

„Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen“, sagt Jesus, und zu ergänzen wäre, „…und freut Euch auf das, was dann kommt!“

Amen.

Köln 15.08.2022
Harald Klein

[1] Byung-Chul Han (2019): Vom Verschwinden der Symbole. Eine Topologie der Gegenwart, 2. Aufl., Berlin, 9.

[2] a.a.O, 25.

[3] a.a.O., 19f. – Byung-Chul Han zitiert hier Rosa, Hartmut (2016): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, 2. Auflage, Berlin, 297.