Ein Vorgeschmack auf die Fastenzeit?
Von Ehrenplätzen ist im Evangelium die Rede, nach denen die zur Hochzeit eingeladenen bei nahe danach gieren. Aber dann kommt die eine Beschämung, die mit dem Hinweis des Bräutigams einhergeht, man möge diesen (Ehren-) Platz verlassen, denn er sei für einen anderen bestimmt, und die andere Beschämung, dass die anderen Gäste das mitbekommen.
Menschen, die in dieser Kategorie der „Ehre“, des „Geehrt seins“ und der „Beschämung“ leben, bekommen von Jesus einen Rat: „Wenn du eingeladen bist, geh hin und nimm den untersten Platz ein, damit dein Gastgeber zu dir kommt und sagt: Mein Freund, rück weiter hinauf! Das wird für dich eine Ehre sein vor allen anderen Gästen. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (Lk 7,10f).
Wie schal klingt dieser Schluss in Jesu Rat – zumindest beim ersten Hören: sich selbst erniedrigen, um dann erhöht zu werden. Man hört und schmeckt schon die Fastenzeit – und das mit dem Bild einer Hochzeit! OK, versuchen wir mal gemeinsam, den Rat zu retten!
die ihr Schlimmstes nicht ausleben;
Laster sind Tugenden,
die ihr Bestes versäumen. «
Die Unterscheidung zwischen Würde, Selbstachtung und Ehrgefühl
Vergiss nicht, dass Jesus im Evangelium seine Worte „adressiert“: Er ist in das Haus eines Pharisäers zum Essen eingeladen, man beobachtet ihn genau, und als er – so der Evangelist Lukas – bemerkte wie sich die Gäste des führenden Pharisäers die Ehrenplätze aussuchten, erzählt er ihnen das Gleichnis von den Ehrenplätzen bei der Hochzeit, vom Erniedrigen und vom Erhöhen.
Würde als Laster und als Tugend
Da ist zunächst[1] Jesu Hinweis auf die Würde und auf die, die sie sich zurechnen. Die Ehrenplätze, so das Denken und Empfinden vor allem in hierarchisch organisieren Gesellschaften, zu denen auch die Kirche gehört, stehen den „Würdenträgern“ zu. Sie haben – aus welchem Grund auch immer – eine exklusive soziale Position. Da gibt es Geburtsrechte, oder religiöse Weihen o.ä. Im 19. Jhdt. kommt auch der Besitz des Kapitals dazu, der dessen Besitzern die „Ehrenplätze“ sicherte. Wo sie sind, ist ab da immer „oben“ oder ist ab da immer “vorn“.
Die demokratisch soziale Ehre hängt dagegen eher an Ehrentiteln, Verdienstkreuzen und -medaillen aller Art, die meist in Leistungen zugunsten kleinerer oder größerer Gemeinschaften wurzeln. Zumindest war es sicher mal so gedacht.
Jetzt aber: Der Verlust dieser angeborenen, übertragenen oder verdienten Würde wird von ihren „Besitzern“ als die größte Schande erlebt, die ihnen zustoßen kann. Selbst Jesus sagt es: Du wärest beschämt, wenn dich der Bräutigam des Platzes verweist. Aber: was genau verlierst du, wenn man dich und deine Würde zu beschränken versucht? Wie abhängig sind die Gäste des führenden Pharisäers, wenn sie sich die Ehrenplätze selbst aussuchen? Ein Fehler zu glauben, Würde mache (gesellschaftlich) frei!
Selbstachtung als Laster und Tugend
Kommen wir zur Selbstachtung. Der Frankfurter Philosoph Martin Seel schreibt: „Selbstachtung ist jene Art der Würde eines Menschen, die ihre Basis in seinem Selbstverhältnis hat. Ihr Erreichen oder Verfehlen entscheidet sich daran, wie wir uns in unserer Lebensführung zu unseren eigenen Standards und Ansprüchen verhalten. Der Grad unserer Selbstachtung […] ergibt sich daraus, wie sehr oder wie wenig wir in unseren divergierenden Tätigkeiten und Rollen unseren Erwartungen an uns selbst zu entsprechen vermögen.“[2]
Wie mag es um die Selbstachtung der Gäste im Gleichnis stehen, wenn sie nach den Ehrenplätzen gieren? Ich überlasse es deiner Wertung. Ein Mensch aber, der eine stimmige Selbstachtung hat und gebeten wird, einem anderen seinen Ehrenplatz abzugeben, kann aufstehen und zurückgehen, ohne zu zögern! Er verliert weder sich noch etwas dabei! Es geht bei der Selbstachtung mehr um ein subjektives Erleben, weniger um eine objektive Tat! Selbstachtung ist eine Kategoire von Ehre, die du dir selber gibst.
Ehrgefühl als Laster und Tugend
Das unterscheidet die Selbstachtung von der Ehre und noch mehr vom Ehrgefühl. Wieder ist es Martin Seel, der Unterschied und Zusammenhang zwischen Ehre und Ehrgefühl ins Wort zu bringen vermag: „Die Ehre eines Menschen liegt in seinem Ansehen in den Augen anderer – ein Ansehen, das ihm wegen eigener Leistungen, der Vortrefflichkeit seines Charakters oder auch der Zugehörigkeit zu einer ausgezeichneten Gruppe von Menschen zukommen kann. Das Ehrgefühl eines Menschen liegt in seinem tatsächlichen oder vermeintlichen Ansehen in den Augen anderer. In ihm kann sich auch sonnen, wer sich über das eigene Ansehen in einem erheblichen Maß täuscht. Diese potentielle Schere zwischen gefühlter und empfangener Anerkennung macht bereit das ganze Dilemma der sozialen Ehre aus. Denn die, die sich ihre Ehre zugutehalten, können dieses Guts nie sicher sein. Wer einen guten Ruf hat oder zu haben glaubt, lebt in der ständigen Befürchtung, er könnte ihn verlieren oder schon verloren haben.“[3]
Es gibt eine ständige Bedrohung der Ehre – sei es des führenden Pharisäers, bei dem Jesus zu Gast ist, sei es die Ehre Jesu, die in seiner Passion mit Füßen getreten wird, sei es deine oder meine im beruflichen wie im privaten Alltag, bis hinein in die Fragilität der Selbstachtung, die Martin Seel in einem kurzen Satz beschreibt: „So sehr man Ehre erwerbenmuss, erworben hat man sie erst, wenn einem ihr Zuspruch vonseiten der anderen widerfährt.“[4]
Jesus hebt wunderbar hervor, wie Ehre und Ehrgefühl sich von den Akteuren her unterscheiden können, oder wie diese „potentielle Schere zwischen gefühlter und empfangener Anerkennung“ (vgl. Anm. 3.) aussehen kann.
Einmal so: „… dann würde der Gastgeber, der dich und ihn eingeladen hat, kommen und zu dir sagen: Mach diesem hier Platz! Du aber wärst beschämt und müsstest den untersten Platz einnehmen“ (Lk 14,9).
Oder dann auch so: „… wenn du eingeladen wirst, geh hin und nimm den untersten Platz ein, damit dein Gastgeber zu dir kommt und sagt: Mein Freund, rück weiter hinauf! Das wird für dich eine Ehre sein vor allen anderen Gästen“ (Lk 14,10).
Ein österliches Evangelium!
Um der Angst vor Zurückweisung, dem bloßgestellt werden oder dem Verlust der so fragilen Ehre oder einer falsch verstandenen Würde zu entgehen, schlägt Martin Seel eine „Satisfaktion“, eine Genugtuung ganz eigener Art vor, die im Zusammenhang mit diesem Gleichnis vom Ehrenplatz bei der Hochzeit in Worten auch aus dem Munde Jesu hätte kommen können, die du – und mit dir auch der führende Pharisäer und die Schriftgelehrten – aber viel besser in seinem Auftreten und Wirken entdecken kannst. Martin Seel schreibt:
„Denkbar freilich sind Satisfaktionen einer ganz andren Art. Man kann aufhören darauf aus zu sein, von jedem und allen gleichermaßen geachtet zu werden. Man kann begreifen, dass von den vielen geschätzt zu werden gar nicht immer so ehrenhaft ist. Man kann anfangen, seine Ehre darin zu sehen, nicht so viel Aufhebens um die eigene Ehre zu machen. Man kann seinen Stolz darin finden, gerade nicht so aufzutreten, wie es einer Mehrheit als schicklich gilt. ‚Der Aristokrat liebt es zu missfallen‘, hieß es in Zeiten, da das Bürgertum nach Aufstieg und Anerkennung strebte. Einer wie La Rochefoucauld kann deshalb sagen: ‚Nur verächtliche Menschen befürchten verachtet zu werden.‘“[5]
„Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden“ – im Fall des Gleichnisses von „außen“. Und „wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ – im Fall des Gleichnisses zuerst von „innen“, in der Selbstachtung, in der Würde und in der Ehre, die du dir selbst erweist; und dann – so erzählt das Gleichnis – vielleicht auch noch von außen: „Rück weiter hinauf, Freund“. Es spricht viel für diese zweite Weise des Handelns. – Wenn das mal nicht mehr österlich als fastenzeitgemäß ist!
So viel für heute – und für diese Woche.
Köln, 29.08.2025
Harald Klein
[1] Bei den Überlegungen zu Würde, Selbstachtung und Ehrgefühl hat mich inspiriert: Seel, Martin (2012): 111 Tugenden. 111 Laster. Eine philosophische Revue, 3. Aufl., Frankfurt/Main, 96-104.
[2] a.a.O., 99.
[3] a.a.O., 101.
[4] a.a.O., 102, Hervorhebungen im Buch.
[5] a.a.O., 103.