22. Sonntag im Jahreskreis:
Auf deine innere Stimme hören

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Die Krise zwischen Petrus und Jesus

Verrückt! Im Evangelium des letzten Sonntags fragt Jesus die Jünger, für wen die Menschen ihn halten, und dann fragt er sie, für wen sie ihn halten. Dann dreht er den Spieß um: Jesus sieht in Petrus den Felsen, auf dem er seine Kirche bauen will. Er holt sich erst die Meinung der seinen und der anderen über sich selbst ein – und gibt preis, was oder wen er in Petrus sieht.

Und – wie man erwarten darf – dann sagt er den anderen, wie er sich selbst, seinen Weg, seinen Dienst und seine Sendung sieht: Leid – Tod – Auferstehung in Jerusalem. „Das soll Gott verhüten, Herr!“, sagt Petrus. „Das darf nicht geschehen.“ Verärgert fordert Jesus ihn auf, er – wohlgemerkt: der Fels, auf dem die Kirche gebaut werden soll – möge hinter ihn treten, sich ins Glied einreihen an den Platz, er ihm gerührt, ihm aus den Augen und aus dem Weg gehen. Sogar „Satan“ nennt er den Petrus. Verrückt!

Ich frage mich – und frage dich –, woher Jesus diese Sicherheit über sich und seinen Weg hat. Was ist es, dass ihm eine solche Sicherheit gibt? Eine Erscheinung, ein Traum, eine Stimme „von oben“? Oder doch eher eine innere Gewissheit, die er sogar „ganz offen“ (Mt 16,21) mit den Seinen teilt – ohne dass sie ihn auch nur annähernd verstehen.

Manche weisen auf die Prophetie der Heiligen Schriften Israels hin, andere auf die Menschenkenntnis Jesu. Mich überzeugt das nicht. Meine Antwort, die ich gerne mit dir teile: Es gibt in Jesus – übrigens wie in dir und mir – eine innere Stimme, die von Anbeginn der christlichen Spiritualität als die Stimme Gottes in dir oder der in dir lebende Gott bezeichnet wird.

Ich greife da gerne auf Johann Schffler (1624-1674) zurück, er ist besser bekannt als Angelus Silesius, als der „Schlesische Engel“. Seine Zwei- bzw. Vierzeiler im Gebetbuch „Der Cherubinische Wandersmann“ haben einen hohen Bekanntheitsgrad – manches wirst du kennen.

„Such ihn in deiner Brust…“

In der fünften Kantate des Weihnachtsoratoriums vertont J.S. Bach (1685-1750) die Suche der drei Magier nach dem göttlichen Kind. Der Chor singt: „Wo, wo, wo ist der neugeborene König der Juden?“ – Die Altistin antwortet auf die Frage im kurzen Rezitativ: „Such ihn in meiner Brust. Hier wohnt er, dir und ihm zur Lust.“ Gott hat Wohnung genommen – nicht im Leben des Menschen, nicht in dessen Handeln und Unterlassen, sondern in seinem Herzen, in ihm, in dir und in mir. Diese neuzeitliche Mystik hat Angelus Silesius beschrieben. Zwei kurze Belege von ihm, wo Gott zu finden sei, wenn du das Gespräch mit ihm suchst, halte ich fest, der zweite nicht so bekannt wie der erste , doch genauso tief:

„Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren,
Und nicht in dir, du bleibst doch ewiglich verloren.“
[1]

und

„Du darfst zu Gott nicht schreien, der Brunnquell ist in dir;
Stopfst du den Ausgang nicht, er fließet für und für.“
[2]

Dieses Bild von Gott und seiner Stimme in mir ahne ich in Jesu stillem Gebet am Berg, von dem in der Schrift oft die Rede ist. Es erklärt mir die Schweigemeditation und das kontemplative Gebet in vielen Weisen der Spiritualität.

Stimmen hören – sie erkennen – sie unterscheiden

Von Sören Kierkegaard ist das Wort überliefert: „Beten heißt nicht, sich selbst reden hören. Beten heißt still werden und still sein und warten, bis der Betende Gott hört.“

Und jetzt das „Aber“: Hast du das mal probiert, diese viertel-, halb- oder einstündige Schweigemeditation, oder gar Exerzitien über ein Wochenende, über acht Tage oder noch länger? Da sind eine Menge „Stimmen“ in mir am Werk, manche erkenne ich, manche verstellen sich und gaukeln mit „Gutes“ vor, das ich als „Schlechtes“ erfahre, oder umgekehrt, manche „Angst“ meldet sich, aber nur, wie ich mich „von schlechten Gewohnheiten weggerufen“ fühle.

Es braucht Übung, die Stimmen zu erkennen, sie zu unterscheiden. Und es braucht ein sensitives Geschick, um die Stimme Gottes in mir und für mich in dieser inneren akustischen Gemengelage zu identifizieren. Die Grundvoraussetzung dafür ist – so Ignatius von Loyola – weder „Wollen“ noch „Wissen“ noch ein „Übermaß als Lob und Preis und Tat“, sondern eine innere Freiheit und Verfügbarkeit: hören, spüren, was Gott für mich und von mir möchte, unterscheiden, wohin  das führt, und dann gehen. Für Jesus erwuchs daraus der Ruf auf den Weg nach Jerusalem.

Angelus Silesius greift dieses „Wollen“ und „Wissen“, aber auch das Übermaß an Gebetszeiten und Lobpreis, „Gottesdienst“ könnte man sagen auf und kritisiert es.

„Wie selig ist der Mensch, der weder will noch weiß,
Der Gott – versteh mich recht – nicht gibet Lob noch Preis.“[3]

„Tritt hinter mich“ – den Stimmen ihren Platz zuweisen

Es geht um „Stimmigkeit“ – ein Kriterium zum Erkennen der Stimme Gottes in mir ist, dass dieses Wort, dieser Ruf „stimmig“ ist. Er kann ebenso angstmachend wie ermutigend sein, ebenso viel Dunkelheit wie Licht aufweisen – das Hauptkriterium ist das der Stimmigkeit mit dir, mit deinen Werten, mit deinem – immer wieder anfragbaren – Bild von Leben und Lebendigkeit, wie es war und wie du es dir wünschst. Es mag klingen wie eine Nabelschau, ist es aber nicht – es geht nicht nur um dein Leben, es geht um das Leben derer, mit denen und für die du lebst ebenso wie um das Leben über sie alle hinaus.

In diesem Prozess deines Unterscheidens ist das A und O ist der Ausstieg aus dem Hamsterrad deines Lebens, die Ruhe „am Berg“, das Hören, das Erkennen, das Unterscheiden. Den Stimmen und den „Geistern“, die sich dahinter verbergen, muss ihr rechter Platz zugewiesen werden. „Tritt hinter mich, Satan“, fährt Jesus den Petrus an. Dessen „Stimme“ soll ihn nicht führen. Jesus baut auf den Geist, die Geister, die er unterschieden und für er sich entschieden hat. Sie solen für Führung in seinem Leben übernehmen. Angelus Silesius schreibt:

„Nichts ist, was dich bewegt, du selber bist das Rad,
das aus sich selbsten läuft und keine Ruhe hat.[4]

Am Ende ein Segen

Diese Unterscheidung der Geister und dieses Sich-überlassen bewirkt, dass Gott, der in dir lebt, dich belebt und durch dich hindurchscheint. Bei Angelus Silesius heißt das dann in einem wunderschönen – auch, aber anders verrücktem – Bild, mit dem ich schließen möchte:

„Gott ist in mir das Feuer und ich in ihm der Schein;
Sind wir einander nicht ganz inniglich gemein?“[5]

So viel für heute und für diese Woche.

Köln, 27.08.2026
Harald Klein

[1] Angelus Silesius (1982): Der Himmel ist in dir, Nr.62: In dir muss Gott geboren werden, Reihe „Klassiker der Meditation“, Der Cherubinische Wandersmann, Einsiedeln, S. 56.
[2], a.a.O., Nr.55: Der Brunnquell ist in uns, a.a.O., S. 55.
[3] a.a.O., Nr. 19: Das selige Stillschweigen, S. 51.
[4] a.a.O., Nr. 37: Die Unruh kommt von dir, S. 53.
[5] a.a.O., Nr. 11: Gott ist in mir und ich in ihm, S. 50.