23. Sonntag im Jahreskreis – Schöpfer oder Geschöpf Gottes sein?

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Von Jesus in den Senkel gestellt?

Auf den ersten Blick könntest du glauben, das Evangelium dieses Sonntags sei ein gefundenes Fressen für die griesgrämigen Moralapostel des Glaubens. Da ist die Rede davon, du müsstest Vater und Mutter, Frau, Kinder und Brüder, ja sogar dein eigenes Leben hinter dir lassen, um Jesu Jünger oder Jüngerin sein zu können. Oder du müsstest dein Kreuz tragen und hinter Jesus hergehen, um Jünger oder Jüngerin Jesu werden zu können.

Dann kommen zwei Rechenbeispiele: Wer einen Turm bauen will, muss seine Mittel berechnen; wer in den Krieg ziehen will, muss die Stärke seiner Truppen kennen. Wenn das nicht geschieht, machen sich Bau- oder Kriegsherr zum Narren, werden verspottet und verlacht. Daher besser den Bau oder den Krieg nicht beginnen, wenn die Mittel bzw. die Heere nicht ausreichen.

Dann der Schluss Jesu: „Ebenso kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet“ (Lk 14,33).

» Die Kultivierung verschreibt sich der Qualität,
die Optimierung der Quantität. «
Kops, Krisha (2023): Selbstoptimierung: Das vermessene Ich [online]https://ethik-heute.org/selbstoptimierung-das-vermessene-ich/ [02.05.2024]

Die Moralisten liegen falsch!

Es ist nicht da einzige, was du von Jesus im Evangelium hörst oder liest, und zugegeben, irgendwie passt dieses „hinter sich lassen“ von Vater, Mutter, Frau, Mann, Kinder, des eigenen Lebens nicht zu der Weise, wie du Jesus vielleicht in Exerzitien oder in Gebetszeiten kennengelernt hast; und hinter Jesus hergehen kannst du selbstredend mit und ohne Kreuz.

Hier einen moralischen Appell Jesu an die Menschen, die ihn begleiten, hören oder lesen zu wollen, scheint mir grundfalsch zu sein. Es ist absolut unsinnig zu glauben, je geringer ich von meiner Familie, von meinen Freundinnen und Freunden und gar von mir selbst denke, umso näher bin ich an Jesus dran! Sorry, ihr Moralapostel, ihr könnt das gerne tun, aber damit dient ihr mehr dem eigenen Ego als dem Herrn, seid Performer eurer selbst, nicht Jesu!

» Alles, was ohne Überlegung geschieht, [...] verhindert das Abwägen bei einer bewussten Lebensführung. Die Bewusstheit macht den Unterschied. «
Schmid, Wilhelm (2017): Das Leben verstehen. Von den Erfahrungen eines philosophischen Seelsorgers, Berlin, 138.

Schöpfer des eigenen Lebens sein?

Ich schlage den ersten Pflock für einen Gegenentwurf ein. Da ist die Rede vom Baumeister und seinem Turm und von Kriegsherrn und seiner Schlacht. Sie stehen für Menschen, die sich ihr eigenes Leben schaffen. Sie „performen“ Pläne, ihnen gelingen mehr oder weniger große Taten, sie führen das Leben als Start-up – mein Haus, mein Boot, meineFamilie, trumpfen sie auf, wie früher mal in der Sparkassenwerbung – und werden so zu Meistern der Selbstoptimierung. Da passt dann auch die Rede von deinem Vater, deiner Mutter, deiner Frau, deinem Mann, deinen Kindern und sogar deinem Leben dazu – schade nur, dass Jesus in dieser Rede die besitzanzeigenden Fürwörter nicht dazu genannt hat, vielleicht war die Menge zu groß? Die Mitglieder der „Höhle des Löwen“ jedenfalls wäre begeistert.

Mir scheint, Jesus prangert hier genau diese „Besitz anzeigen“ an, die das „Haben“ und das „Tun“ bezeichnen, nicht aber das „Sein“. Und mir scheint, dass die Menschen, die Jesus hier begleiten, vor allem „Schöpfer ihres eigenen Lebens“ sind oder sein wollen. Menschen, die das Beste – im quantitativen Sinn – aus ihrem Leben machen und in ihrem Leben erreichen wollen. Dietrich Bonhoeffer würde sagen: „etsi Deus non daretur“ – „als ob es Gott nicht gäbe“[1]Und auch die Schlussfolgerung Bonhoeffers stimmt: Wir erkennen, dass wir so leben, als ob es Gott nicht gäbe – wir erkennen es aber eben genau vor Gott! Im Evangelium steht er als Menschgewordener da und sagt es, und du liest die Erzählung darüber heute und lässt sich vielleicht sogar von ihm direkt ansprechen. „Erkennen vor Gott“ eben.

» Es ist der große Trost in meinem Leben: Was immer ich in meinem Leben nicht bin, was immer ich dir nicht bin – ich bin genug, dass ich bis jetzt von dir geliebt werde. «
Schlink, Bernhard (2021): Die Enkelin, Zürich, 129.

Geschöpf Gottes sein! Und bleiben!

Ich schlage den zweiten Pflock für einen Gegenentwurf ein. Platt gesagt: Nicht ich schaffe mir mein Leben, sondern ich empfange mein Leben von meinem Schöpfer. Lass mich mit einem Gebet und mit dem Text der zweiten Lesung des heutigen Sonntags diesen Gegenentwurf skizzieren.

Romano Guardini (1885-1968), Religionsphilosoph und jahrelang Jugend- und Studierendenseelsorger in Berlin, Tübingen und München, bringt das, was „Gott als Schöpfer meines Lebens“ meint, in einem Gebet auf den Punkt:

„Immerfort empfange / ich mich aus deiner Hand. / Das ist meine Wahrheit / und meine Freude. // Immerfort blickt mich / voll Liebe / dein Auge an, / und ich lebe / aus deinem Blick, / du mein Schöpfer / und mein Heil. // Lehre mich, / in der Stille /deiner Gegenwart / das Geheimnis zu verstehen, / dass ich bin. // Und dass ich / durch dich / und vor dir /und für dich bin.“

Für ich dieses Gebet freilassend ohne Ende, es ist als Anleitung zum Leben ein Gegenentwurf auch zu dem „etsi Deus non daretur“ Bonhoeffers und es beschreibt absolut keine Selbstoptimierung, dafür aber eine wirklich spirituelle Selbstkultivierung! Guardinis „Immerfort empfange ich mich aus deiner Hand“ ist vielleicht die schönste „Übersetzung in heutiges Deutsch“ von „Gott ist der Schöpfer deines Lebens“. Ich kann damit wirklich gut leben, denn ohne dieses Empfangen lebe ich atemlos, verkrümmt in mich (Luthers „incurvus in se“ ist die Beschreibung dessen, was Sünde bewirkt!) und vor dem, was ich unbedingt (lass dir das Wort auf der Zunge zergehen) zu tun und zu lassen habe, um mithalten zu können.

So viel um Gebet, jetzt die Zweite Lesung des heutigen Sontags, aus dem ntl. Brief des Apostels Pauls an Philemon, mit nur 25 Versen das kürzestes „Buch“ in der Bibel.

Knapp ein Achtel, die Verse 9b-17 sind in der Zweiten Lesung heute vorgegeben. Der Inhalt: Paulus ist 55/56 n.Chr. in Ephesus, wo er zu einem Hausarrest gezwungen wird. Dort hat er den entlaufenen Sklaven Onesimus kennengelernt, der dem Paulus in seiner Gefangenschaft dient. Paulus entschließt sich, diesen Gehilfen seines Arrestes zu seinem früheren christlichen „Besitzer“ zurückzuschicken. Er gibt ihm einen Brief mit, der Zeugnis vom Leben des Paulus nicht als Schöpfer seines Lebens, sondern als Geschöpf Gottes gibt. Du kannst selbst lesen, warum mich dieser kleine Brief ebenso anrührt wie Guardinis Gebet:

„Lieber Bruder!
Ich, Paulus, ein alter Mann, jetzt auch Gefangener Christi Jesu, ich bitte dich für mein Kind Onesimus, dem ich im Gefängnis zum Vater geworden bin.
Ich schicke ihn zu dir zurück, ihn, das bedeutet mein Innerstes.
Ich wollte ihn bei mir behalten, damit er mir an deiner Stelle dient in den Fesseln des Evangeliums. Aber ohne deine Zustimmung wollte ich nichts tun.
Deine gute Tat soll nicht erzwungen, sondern freiwillig sein.
Denn vielleicht wurde er deshalb eine Weile von dir getrennt, damit du ihn für ewig zurückerhältst, nicht mehr als Sklaven, sondern als weit mehr: als geliebten Bruder.
Das ist er jedenfalls für mich, um wie viel mehr dann für dich, als Mensch und auch vor dem Herrn. Wenn du also mit mir Gemeinschaft hast, nimm ihn auf wie mich!“

Die Menschen, die Jesus wirklich begleiten, die ihn performen ihn, nicht sich selbst – oder besser: gerade so sich selbst, wie sie geschaffen sind, die empfangen einen Onesimus, der ihnen in der Gefangenschaft beisteht, können ihn wieder abgeben – als geliebten Bruder, nicht als Sklaven – an den, dessen „Besitz“ er einst war, und Eintreten für ihre eigenen Wünsche, dass Onesimus zurückkehren darf als „Diener für einen, der in den Fesseln des Evangeliums“ gefangen ist.

So kann das aussehen: „Immerfort empfange / ich mich aus deiner Hand. / Das ist meine Wahrheit / und meine Freude.“ Das bin ich. „Nicht als Sklave, sondern als weit mehr: als geliebten Bruder (oder Schwester)“. Das bist du. Wie spannend und entspannend ist es, eher Geschöpf Gottes zu sein als Schöpfer des eigenen Lebens.

So viel für heute – und für diese Woche.

Köln, 02.09.2025
Harald Klein

[1] vgl. Bonhoeffer, Dietrich (1983): Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft. Herausgegeben von Eberhard Bethge, 13. Aufl.., Gütersloh, 177f.