Mit dem Substantiv beginnen: Binden, nicht Fesseln
Auch wenn du wahrscheinlich nicht wie ich am letzten Sonntag „Im Tal des Todes“ in Bad Segeberg warst, um dort die Karl-May-Festspiele um Winnetou und Old Shatterhand mitzuverfolgen, wirst du nicht lange brauchen, um „Fesseln“ und „Binden“ unterscheiden zu können.
Zugegeben, es gibt eine Graubereich in der Sprache. Du kannst mit „Binden“ jemanden „fesseln“. Aber im Sprachgebrauch sind „Binden“ doch zuerst im Zusammenhang mit Hygiene, mit Wunden, mit Schutz und Heilung verbunden, mit dem Verband, der etwas stützt und schützt, zusammenfügt und verknüpfen. Binden dienen der Heilung, der Gesundheit, der Hygiene.
Anders Fesseln. Mit Fesseln wirst du fest gebunden und festgebunden, sie schränkendeine Bewegungsfreiheit ein, wenn sie dir nicht gar genommen wird. Fesseln und Fesselspiele mögen – anders als Binden – auch Teil von sexuellen Praktiken sein, die nicht jedem oder jeder nachvollziehbar sind. Im Varieté waren im letzten Jahrhundert Entfesselungskünstler wie Harry Houdini (1874-1926) hoch im Kurs, der sich aus Zwangsjacken sogar unter Wasser befreien konnte. So ist es eben: egal wo und wie, Fesseln zielen auf Befreiung von ihnen.
Mit dem Verb fortsetzen: binden, nicht fesseln
Das im Kopf, jetzt Jesu Wort an seine Jünger: „Alles, was ihr auf Erden binden werdet, wird auch im Himmelreich gebunden sein…“ (Mt 18,18). Ich verstehe diesen Vers vom „binden“ her: alles, was an und aus freier Bindung im Rahmen der Kirche, aber auch und vielleicht vor allem darüber hinaus gebunden wird, hat die Kraft zum Halten, zum Bleiben, zum Tragen – um die Substantive von oben zu nehmen: freie Bindung schützt, heilt, ist sauber.
Aber: Du kannst als „binden“ vorgeben oder verkaufen, was als „fesseln“ gemeint ist. Da binden sich nicht zwei aneinander, sondern der/die eine fesselt sich an den/die andere. Da ist es mit der Bewegungsfreiheit schnell aus, da wächst das Misstrauen schneller als das Vertrauen. – Ich bin mir nicht so sicher, inwieweit kirchlich wie weltlich gut gemeinte „Bindungen“ im Tun, in der Praxis schleichend oder plötzlich vom „Binden“ ins „Fesseln“ umzuschlagen vermögen – und ob da das Wissen und die Elastizität eines Harry Houdini geraten wären. Wo Binden gesagt und Fesseln gemeint sind, ist es aus mit Schutz, Heilung, Sauberkeit.
Mit dem Partizip enden: gebunden, nicht gefesselt
Und jetzt die partizipiale Wendung: Heißt es „Ich bin/du bist gebunden“? Oder eher „Ich bin/du bist gefesselt“? In der Geistlichen Unterscheidung geht es zu Beginn um die gefühlsmäßige Bestimmung. Wie fühlt sich „gebunden sein“ für dich an, wie „gefesselt sein“? In den Bindungen, die du gesucht und angestoßen hast, und bei den Fesseln, die vielleicht gar nicht nur andere, sondern die du dir selbst angelegt hast? Spürst du die verschiedenen Arten von „Geschmack“, die eine gute, sichere Bindung[1] mit sich bringt? Und umgekehrt, den Geschmack, den Fesseln hinterlassen, weil du der/die Gefesselte, oder weil du der/die Fesselnde bist?
Das ist mir die Frage an diesem Sonntag: wie nimmst du den jeweiligen Geschmack wahr? Und wohin führt dich dieser Geschmack in deinem nächsten Schritt? Wäre ein wenig Dankbarkeit, die du auch ausdrücken kannst, angebracht, oder eher ein wenig „Houdini“?
Und zum Schluss: Wie auf Erden, so im Himmel…
War es zu Beginn noch derer Kalkberg von Bad Segeberg, den ich vor Augen hatte, ist es jetzt Kafarnaum, wohin Jesus nach der Verklärung und nach der Leidensankündigung hinabgestiegen ist. Irgendwo im Feld, nahe des See Genezareth, werden sie sitzen und miteinander reden. Ich sehe dich und mich mit dem Blick der anderen auf Jesus und höre jetzt den ganzen Satz: „Alles, was ihr auf Erden binden werdet, wird auch im Himmelreich gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, wird auch im Himmelreich gelöst sein.“ (Mt 18,18).
Ich kann nur für mich reden. Mich stört das „wird“ im Satzende. Mir ist das „ist“ lieber, spürbarer. Was auf Erden gebunden wird/gelöst, ist schon im Himmel gebunden/gelöst. Zusammensein in einer sicher-gebundenen Beziehung, statt aneinander gefesselt zu sein. Das braucht keine Worte der Erläuterung. Wer sich hier auf Erden sicher bindet, der/die erfährt, die erfahren das Himmelreich mitten unter ihnen – da, wo es hingehört.
So viel für heute und für diese Woche.
Köln, 02.09.2026
Harald Klein
[1] Die Psychologin Mary Ainsworth unterscheidet vier Formen von Bindungen: sicher-gebundener Bindungsstil; unsicher-vermeidender Bindungsstil; unsicher-ambivalenter Bindungsstil; desorganisierter Bindungsstil; vgl. [online] https://de.wikipedia.org/wiki/Bindungstheorie[02.09.2026] – Es liegt für mich auf der Hand, dass im Wort Jesu – und dann im Dienst der Kirche – nur vom sicher-gebundenen Bindungsstil Geltung haben kann.