Gehen, aber nicht verloren gehen
Schon verrückt, wie manche Evangelien ausgesucht, sortiert, gekürzt werden. Da findest du heute die drei „Gleichnisse vom Verlorenen“ aus Lk 15, die von der verlorenen Drachme (einer Sache), dem verlorenen Schaf (etwas dir anvertrautem) und vom verlorenen Sohn (einem dir nahen Menschen) erzählen, und als Kurzform werden die beiden Gleichnisse von der verlorenen Drachme und vom verlorenen Schaf zur Lesung angeboten, den verlorenen Sohn scheint man unterschlagen zu können!
Naja, den kennt man ja auch. Der „verlorene Sohn“, oft ist eher vom „barmherzigen Vater“ die Rede, ist wohl eines der bekanntesten Gleichnisse Jesu. Und es ist nicht nur der Sohn, den der Vater nicht verloren gehen lassen oder etwa aufgeben will. Die Botschaft des „nicht Verlorengehens“ ist eine der Kerngedanken Jesu und des Christentums, sie nimmt dich und mich mit hinein.
Ausgehend vom „nicht verlorengehen“ steht als Zielpunkt eines geistlichen Weges, quasi gegenüber, das „Sich finden“, seine Berufung, sein innerstes Wesen finden. Diesem Gedanken möchte ich gerne mit dem Gleichnis vom verlorenen Sohn mehr auf die Spur kommen.
Sich selbst finden
Ich fange – zugegeben: ein wenig schräg – an mit den Stufen der psychosozialen Entwicklung, die der Psychoanalytiker Erik Erikson bereits in den 1950er Jahren beschrieben hat.[1] Um es ganz kurz zu machen: Erikson beschreibt acht Spannungspole, die sich dem Menschen je nach Lebensalter beinahe aufdrängen und die er lösen muss, um in seiner eigenen Entwicklung weiterzukommen. Sie haben immer auch etwas mit den Bezugspersonen zu tun, die um diesen Menschen herum sind. Es beginnt schon in der frühen Kindheit mit der Spannung zwischen Urvertrauen und Urmisstrauen, die sich schon im Säuglingsalter zeigt; Bezugsperson ist hier vor allem die Mutter.
Eine spätere Spannung ist die von Identität und Identitätsdiffusion in der Adoleszenz, in der du im besten Fall ahnst, wer du bist bzw. in der du vielleicht unter einer Rollendiffusion leidest; Deine Kolleginnen und Kollegen, Freundinnen und Freunde oder andere Vorbilder sind in dieser Spannung deine Bezugspersonen, an denen du Orientierung finden kannst.
Die letzte der acht Stufen oder Spannungen, die des Seniorenalters, ist die zwischen Integrität und Verzweiflung. Du lernst, mit dir und deinem Leben im reinen zu sein, oder verzweifelst am Gefühl, nicht alles erreicht zu haben, was du erreichen wolltest. Hier sind die Bezugspersonen alle die, die zu deiner eigenen Welt gehören.
Henri Nouwens geistliche Deutung von Rembrandts Bild vom verlorenen Sohn
Weiter, und über Eriksson hinaus: Der aus den Niederlanden stammende und in den USA dozierende und lebende Theologe und Psychologe Henri J.M. Nouwen (1938-1996) hat eines der mich berührendsten Auslegungen und Bücher zum Gleichnis vom verlorenen Sohn bzw. vom barmherzigen Vater geschrieben.[2] Er setzt an bei Rembrandts Bild „Der verlorene Sohn“[3] und betrachtet, sicher unter Kenntnis der acht Stufen der Entwicklung von Eriksson, dieses Bild. Dabei nimmt er sich, seine Lebensgeschichte, die Stufen oder Spannungen nach Eriksson, die er dabei entdeckt hat, mit in die Deutung hinein. Er entdeckt sich dabei in der Rolle des Jüngeren Sohnes, aber auch des älteren Sohnes und weiß sich abschließend in die Haltung des Vaters gerufen, vielleicht besser: berufen!
Ohne lange erklären oder erläutern zu wollen, gebe ich dir drei Zitate aus dem Betrachtungen Nouwens weiter. Nouwen nimmt den „Weg“ des verlorenen Sohnes wie den Entwicklungsweg nach Eriksson, und deutet sie als Phasen eines geistlichen Weges, wie sie sich strukturell nicht nur bei ihm zeigen. In den drei „Phasen“ des Gleichnisses verweilen und voranschreiten, entspricht dem Stufenmodell Erikssons. Die Ausrichtung der „Phasen“ – für mich ein anderes Wort für „Stufen“ – sind für „geistliche Wege“ in einer ignatianischen Perspektive verallgemeinerbar.
Nouwen entdeckt sich in der Phase des jüngeren Sohnes, des älteren Bruders und weiß sich berufen in die Phase des Vaters. Bei diesen im Evangelium geschilderten Phasen zu verweilen mag helfen, dich selbst in dieses Gleichnis hineinzuversetzen und bei den drei handelnden Personen und „Phasen“, für die sie stehen, auszuharren. Entdeckend, was sie dir deutend sagen zu sagen vermögen. Hörend, was sie dir über deine Stufe der Entwicklung, auf der du zurzeit bist, vermitteln können. Staunend, was sie dir über ihre und damit über deine Berufung zu offenbaren vermögen.
Ich lasse Henri Nouwen sprechen.
Die erste Phase: Ich bin der verlorene Sohn/die verlorene Tochter
„In dem Jahr, als ich erstmals den verlorenen Sohn sah, war mein geistlicher Weg durch drei Phasen gekennzeichnet, die mir halfen, das Gefüge meiner Geschichte zu finden.
Die erste Phase war die Erfahrung, der jüngere Sohn zu sein. Die jahrelange Lehrtätigkeit an der Universität und die intensive Teilnahme an den Vorgängen in Süd- und Mittelamerika hatten in mir ein Gefühl der Verlorenheit geweckt. […] Als ich sah, wie zärtlich der Vater die Schultern seines jüngeren Sohnes umfasste und ihn ans Herz drückte, fühlte ich tief in meinem Innern, dass ich der Verlorene Sohn war, und wünschte, heimzukehren wie er, umarmt zu werden wie er. Lange Zeit sah ich mich als den Verlorenen Sohn, der auf dem Heimweg ist, und hoffte auf den Augenblick, wo mich mein Vater freudig begrüßen würde.“[4]
Die zweite Phase: Ich bin der ältere Bruder/die ältere Schwester
„Die zweite Phase meines geistlichen Weges begann eines Abends, als ich mit Bart Gavigan, einem Freund aus England, […] über das Rembrandt-Bild sprach. […] Ich hatte mich überhaupt noch nie als den älteren Sohn verstanden; aber kaum hatte mir Bart diese Möglichkeit angedeutet, da schossen mir auch schon zahlreiche Ideen durch den Kopf. […] Mein ganzes Leben lang war ich ein unauffälliger, angepasster und dem Zuhause verbundener Mensch gewesen. Aber trotz allem mag ich in Wirklichkeit gerade so verloren gewesen sein wie der jüngere Sohn. Auf einmal sah ich mich in einem ganz neuen Licht. Ich sah meine Eifersucht, meine Verärgerung, meine Empfindlichkeit, Dickköpfigkeit und Störrigkeit, vor allem aber verschleierte Selbstgerechtigkeit. Ich sah, wie oft ich in Klagen und Selbstmitleid verfiel und wie sehr mein Denken und Fühlen von Verbitterung durchzogen war. […]“[5]
Die dritte Phase: Werden wie der barmherzige Vater/die barmherzige Mutter
„Die dritte Phase des geistlichen Wegs von Henry Nouwen wird durch ein Wort von Sue Mosteller, die mit ihm in einer Arche-Gemeinschaft lebt, initiiert. Sie sagt: „Ob du nun der jüngere Sohn oder der ältere Sohn bist, du musst dir im Klaren sein, dass deine Berufung darin besteht, wie der Vater zu werden.“[6] (vgl. 36)
Ich bin mir sicher, dass ich dich gut allein mit den drei Zitaten lassen kann. Schau dir die acht Spannungen bei Eriksson an, finde dich wieder in ihnen und im Weg der drei Menschen aus dem Gleichnis. Und diese wunderschöne Betrachtung Nouwens gibt es noch zu kaufen!
So viel für heute – und für diese Woche.
Köln, 13.09.2025
Harald Klein
[1] Wenn du mehr dazu lesen möchtest, schau gerne hier nach: [online] https://www.pro-kita.com/paedagogik/konzepte/das-erikson-stufenmodell-8-phasen-der-identitaetsentwicklung/# [13.09.2025]
[2] Nouwen, Henry J.M (1991): Nimm sein Bild in dein Herz. Geistliche Deutung eines Gemäldes von Rembrandt, Freiburg.
[3] vgl. u.a. [online] https://www.rpi-loccum.de/material/kunst-im-ru-ku/Die-Kuenstler-/rembrandt [13.09.2025]
[4] Nouwen, Henry J.M (1991), a.a.O., 33.
[5] a.a.O., 33.f
[6] a.a.O., 36.