Wie Strukturen das (Er-) Leben leiten
Da liegt auf meinem Lesesessel das Geschenk einer guten Freundin, das „Kölner Buch der Religionen“[1], das 1982 erschienen ist und bereits damals schon 79 Glaubensrichtungen, Religionen, Kirchen und religiöse Gruppierungen vorstellt, die ihren Platz in der Stadt beanspruchen. Eine davon verbirgt sich unter dem Namen „Römisch-katholische Kirche“ zwischen „Rinsai Zen“ und „Rumänische Orthodoxe Kirche“. Und zwischen „Erste Kirche Christi. Christian Science“ und den „Freimaurern“ finden sich gleich sechs verschiedene Religionen, Kirchen, religiöse Gruppierungen, die das „Evangelische“ im Namen tragen, oft mit dem adjektivischen Zusatz „Freie“ verbunden. Um diese „Freie Evangelische Kirche“ geht es mir heute – mit Warmherzigkeit, kindlicher Freude und mit einem Schmunzeln.
Eine Vorbemerkung für den heutigen Text muss ich dafür kurz benennen. Zuerst kommt eine struktureller Hinweis. Danach leite ich über zu genau einem inhaltlichen Bezugspunkt des Nachdenkens über das heutige Evangelium: den dem Evangelium gemäßen (und damit befreiten und befreienden) Umgang mit Geld und Vermögen.
Ich beginne mit der Vorbemerkung in Sachen Struktur.
Zur Struktur der Evangelischen Freikirchen: zu ihrer Struktur gehören ihre staatliche und konfessionelle Unabhängigkeit sowie ihre Selbstfinanzierung. In meist kleineren Gemeinden leben sie Gemeinschaft in freiwilliger Mitgliedschaft. Glaube und Lehre haben ihren Fokus auf der Bibel, die Mitglieder betonen die Bedeutung der persönlichen Beziehung zu Gott durch und in Jesus Christus, dem sie sich und ihr Leben anvertrauen und übereignen. All dies geschieht in einer Vielzahl von Strukturen, oft in einer reglementierten Form von Gemeinschafts- und Glaubensleben. Geistgewirkt können die Mitglieder der Freikirchen eine Vielzahl von Ämtern und Aufgaben übernehmen. Die Vergabe geschieht durch Abstimmung miteinander.
Wenn du die Struktur der katholischen Kirche und ihrer Mitglieder in ihrer Erscheinung betrachtest, fallen sofort die Unterschiede auf. Weder eine staatliche noch eine konfessionelle Unabhängigkeit ist gegeben; meist wird die Gesamtkirche betont, deren Teil die einzelne Gemeinde und wiederum deren Teil der /die einzelne Gläubige ist. Glaube und Lehre haben ihren Fokus auf dem Katechismus, auf der Lehre. Der persönlichen (unmittelbaren und somit spirituellen) Beziehung zu Gott steht die durch die Sakramente vermittelte (mittelbare und liturgische) Beziehung gegenüber. Ämter und Dienste werden durch Weihe oder Beauftragung von „oben“ nach „unten“ weitergegeben, in dieser hierarchischen Ordnung haben Abstimmungen aller so gut wie keine Chance.[2]
Gehe mal in dein Empfinden und betrachte, wie das Leben und das Erleben in diesen eher gegensätzlichen Strukturen Unterschiede aufzubauen vermögen. Mein Empfinden sagt: Da ist auf der katholischen Seite die starke vermittelnde Rolle der Kirche im Verhältnis zu Gott zu nennen. Die viel stärker betonte evangelisch-freikirchliche Stärke der „Unmittelbarkeit in der Beziehung zu Christus“ möchte ich jetzt als inhaltlichen Bezugspunkt zum Evangelium dieses Sonntags nehmen. Diese Unmittelbarkeit, auch und gerade, wenn sie dir fremd erscheint, behalte bitte im Kopf.
Und betonen möchte ich: Mir geht es nicht um richtig oder falsch, sondern um ein Unterscheiden der Formen in der Weise, wie sie gewachsen und geworden sind. Jede dieser Formen hat ihre Stärken und ihre Schwächen, und jede bringt auf dieser Grundlage ihre „Schäfchen“ hervor. Die Frage ist, ob sich diese „Schäfchen“ auch mal gemeinsam auf die Weide trauen, um sich gegen den Wolf zu schützen oder um die geschenkte gute Weide ihres einen Hirten gemeinsam zu genießen.
2350 Bibelverse
über einen gerechten Umgang mit Geld.
2084 Verse im Neuen Testament
über Finanzen und Haushalterschaft.
16 der insgesamt 38 Gleichnisse
von Jesus Christus. «
Die (sehr vereinfachte) Alternative: Gott dienen oder dem Mammon?
Jetzt das Evangelium: Wenn du so willst, könntest du sagen, das heutige Evangelium liefert – zumindest zum Teil – einen neutestamentlichen Wire-Card-Skandal oder eine biblische CumEx-Affäre. Es geht um Geld, oder um noch nicht bezahlte Ware. Ein Verwalter wird zu seinem Dienstherrn gerufen, weil man ihm vorwirft, dass er dessen Vermögen verschleudere. Der Dienstherr kündigt ihm seinen Auftrag. Der „kluge Verwalter“ – das Gleichnis trägt tatsächlich diesen Titel! – will nicht schwer arbeiten und lädt pfiffig alle Schuldner zu sich, fragt, was sie dem Dienstherrn schuldig seien, und reduziert auf eigene Kappe deren Schulden. Er hat ja bei seinem Dienstherrn nichts mehr zu verlieren, aber bei dessen Schuldnern noch viel zu gewinnen.
Und jetzt kommt der Hammer. Jesus erzählte dieses Gleichnis, „lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte, und sagte: ‚Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes. Ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon[3], damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es zu Ende geht. […] Kein Sklave kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den anderen lieben oder er wird zu dem einen halten und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon‘“ (Lk 16, 8f.13).
Doch, das geht, allerdings mit einer Einschränkung! Der „kluge Verwalter“ macht es vor. Die „Klugheit“, von der Jesus spricht, liegt nun genau darin, nicht Religion und Geld, nicht Glaube und Mammon zu trennen, sondern sie sie zu unterscheiden und dann das eine für das andere zu nutzen. Nicht wie im Mittelalter und in der Renaissancezeit in der sog. „Simonie“, im Kauf der Ämter, sondern umgekehrt, um mit dem, über das ich verfügen kann (nennen wir es Konto, Sparbuch oder Depot), so zu verfügen, wie es im Geiste und im Sinne Jesu ist – auf mich selbst hin, und auf die, die um mich herum sind. Das meint „den Mammon nutzen“ – oder anstatt ihm zu dienen, ihn für mich und andere dienstbar zu machen. Und zwar nicht, weil ich es (von oben her) soll, sondern weil ich es (aus meiner Tiefe heraus) selbst will; nicht, weil es Aufruf ist, sondern eine Antwort, eine Berufung!
Uns Katholiken fällt diese Frage nach „Wie hältst du es mit dem Geld?“ nicht leicht, aus dem Konto, Sparbuch und dem Depot möge sich Gott doch heraushalten, und mein Nächster auch! Das ist schamhaft privat, dem Nächsten und auch Gott gegenüber. Es ist die freikirchliche Unmittelbarkeit des Verhältnisses zwischen Gott und Mensch, zwischen Schöpfer und Geschöpf, zwischen Christus und den Christen, die hier eine Brücke schlagen kann. Und da haben die Freikirchen und die, die deren Spiritualität leben, in ihrer gelebten Gottunmittelbarkeit uns Katholiken in ihrer Grundhaltung deutlich etwas voraus! Nochmal: „Wie hältst du es mit dem Geld?“ Bei meinen Recherchen zur Predigt heute bin ich auf eine Initiative im Internet gestoßen, die genau hier ansetzt, und die in mir – wie oben schon gesagt – ein warmes Herz, eine kindliche Freude und ein Schmunzeln auf den Lippen hinterlässt.
Gottes Wort als Drehbuch
für deinen Finanzlebensstil zu entdecken. «
Zum Beispiel: Bibelfinanz.de
„Wir möchten dich inspirieren, Gottes Wort als Drehbuch für deinen Finanzlebensstil zu entdecken.“[4] Fünf Männer und eine Frau verbergen sich hinter dem Label „BIBELFINANZ“. Sie erzählen von sich und ihren Glaubenserfahrungen in einer Unbekümmertheit, die mich bei keinem von ihnen einen Katholiken oder eine Katholikin vermuten lassen. Sie alle haben einen beruflichen Hintergrund, der mit Banken, Finanzen und Finanzdienstleistungen zu tun haben oder hatten.
Das leicht Revolutionäre steht ebenso auf der Startseite im Internet: „Finanzen biblisch gedacht“! Und versprochen: es wird biblisch, nicht kirchlich gedacht – kein Spendenaufruf!
Sich den „klugen Verwalter“ und seinen Umgang mit dem Geld – wohlgemerkt dem Geld eines anderen – anzuschauen, kann zur Frage führen, wie du mit deinen Finanzen umgehst, wie ich mit meinen Finanzen umgehe, und wem du und ich sie zur „Anlage“ überlasse. Die Frage nach deinem „Vermögen“ in so vielerlei Hinsicht stellt sich, aber auch das Wissen, dass die „Sicherheit“, die den sog. Vermögenswerten zugesprochen wird, oft nur Schall und Rauch ist. Wie viel Angst, wieviel Sorge, wieviel Wollust hast du eigentlich hinsichtlich deiner „Zahlen“ am Konto, am Sparbuch, im Depot? Und was versprechen sie dir, was versprichst du dir von ihnen?
Die Unmittelbarkeit der evangelisch-freikirchlichen Spiritualität kann verlocken, diese Fragen schlicht ins Gespräch mit Jesus zu bringen. Wie gesagt: die Männer und Frauen von Bibelfinanz wollen – noch einmal die Homepage – „dich inspirieren, Finanzen konsequent biblisch zu denken und Gottes Wort als Drehbuch für deinen eigenen Finanzlebensstil zu entdecken!“[5]
Statt verschämten Schweigens geteilte Freude über das, was du einsetzen kannst
Solltest du – wiederum gut katholisch – die Frage haben, ob die Bibel überhaupt etwas zu (deinen) Finanzen zu sagen hat, gibt dir die Seite eine ebenso verblüffende wie vielleicht auch erschreckende (weil verdrängte oder nicht zugelassene) Antwort: Sage und schreibe 2.350 Bibelverse haben einen gerechten Umgang mit Geld zum Inhalt; es handeln 2.084 Verse im Neuen Testament von Finanzen und Haushalterschaft. Und 16 der insgesamt 38 Gleichnisse Jesu haben einen finanziellen Inhalt.[6]
Mir scheint, dass mein Besitz, mein Hab und Gut in Haus und Depot zum „Mammon“ wird, wenn ich ihn im Hintergrund laufen und wirken lasse – von dort wirkt er dann auf mich ein. Und mir scheint, dass ich dann, wenn ich ihn vor mich stelle, ich ihn mir vorstelle und andere, vor allem Christus, mit draufschauen lasse, ich meinen Finanzlebensstil entwickeln kann, der von Gottes Wort und von ihm selbst inspiriert ist.
Ein Hoch auf die Unmittelbarkeit Jesu
Eine einzige Frucht dieser informativen uns inspirierenden Homepage will ich zitieren, die zeigt, was Jesus mitzuteilen vermag, wenn du das Gespräch in Sachen „Finanzlebensstil“ mit ihm suchst. In einer Leseprobe zum „BibelFinanz-Workbook Geld, du und Gott“ findest du die des Nachdenkens werte Gegenüberstellung „Wir können z.B.
- ein Bett kaufen (aber keinen Schlaf),
- Bücher (aber keine Weisheit),
- Nahrung (aber keinen Appetit),
- Kosmetik (aber keine Schönheit),
- ein Haus (aber kein Zuhause),
- eine Mauer (aber keine Sicherheit),
- Medizin (aber keine Gesundheit),
- Spaß (aber kein Glück),
- Anwälte (aber keine Gerechtigkeit),
- Likes (aber keine Freundschaften),
- Sex (aber keine Liebe),
- ein Kreuz (aber keinen Retter),
- Sterbehilfe, aber kein ewiges Leben).
Das, worauf es im Leben wirklich ankommt, können wir nicht für Geld kaufen, sondern nur aus Gnade von Gott empfangen. Die gute Nachricht lautet: Hierfür brauchst du kein prall gefülltes Bankkonto oder einen Kredit, wie uns häufig vorgegaukelt wird. Gott möchte Dich als sein geliebtes Königskind einfach aus seiner Fülle beschenken.“[7]
In dieser Unmittelbarkeit vor, mit und auch in Jesus verspricht BibelFinanz durch die (übrigens kostenlos angebotene) Teilnahme an einem der zahlreichen Kurse denen, „die sich nach einem entspannten und befreiten Umgang mit Finanzen für Gottes Ziele in ihrem Leben sehnen“[8] die Ermittlung einer individuellen „Genug-Summe“, um fündig und auskunftsfähig zu werden:
- Orientierung in Finanzfragen aus der Perspektive Ewigkeit;
- Frieden über finanziellen Fragestellungen;
- Zufriedenheit unabhängig vom Kontostand;
- Resilienz auch in Krisenzeiten;
- Fokussierung auf Gottes Agenda für dein Leben;
- Jüngerschaft durch ein tieferes Vertrauen in Jesus Christus.[9]
Über all dem steht, was in manchen Podcast-Beiträgen von BibelFinanz[10] immer wieder genannt wird: „Gott hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ (Röm 8,32). Auf dieses „Alles“ kommt es an! Weder du noch ich noch ein anderer, eine andere muss etwas zu diesem „Alles“, was uns geschenkt ist, dazugeben. Aber Menschen mit offenen Händen, die nicht ängstlich festhalten, können wir werden, Menschen mit offenen Herzen, die ruhig schlagen.
Weiter oben habe ich es schon geschrieben: Bei meinen Recherchen zur Predigt heute bin ich im Internet auf die Initiative BibelFinanz gestoßen, die genau hier ansetzt, und die in mir ein warmes Herz, eine kindliche Freude und ein Schmunzeln auf den Lippen hinterlässt. Vielleicht muss man mehr bei der Unmittelbarkeit der Beziehung zu Jesus ansetzen, die die Freikirchen haben, und vielleicht ist der katholische Ritus zu selbstverliebt, um aus dieser Kraft zu leben.
Ich schließe mit dem Vorwort von Ulrich Harbecke im ganz zu Anfang genannten Buch über die 79 Glaubensrichtungen, Religionen, Kirchen und religiöse Gruppierungen, die ihren Platz in Köln beanspruchen. Harbecke, für den Text zuständiger Mitarbeiter, endet sein Vorwort sehr einladend: „Das KÖLNER BUCH DER RELIGIONEN hat zwei Leitsätze: Man sieht nur, was man weiß, und: Gottes Lieblingsfarbe ist Bunt.“[11]
Ich ahne mehr als ich sie sehe – die Bibel als Drehbuch für meinen Finanzlebensstil. Und ich habe in Sachen Freikirchen „Gottes Lieblingsfarbe: Bunt“ ebenfalls ganz neu wertschätzen gelernt.
Danke für die Portion Herzenswärme, das Gespür kindlicher Freude und die Momente des Schmunzelns bei der Online-Begegnung mit Euch bei BibelFinanz – und gerne auf ein Treffen in Nürnberg oder in Köln.
So viel für heute, und für diese Woche.
Köln, 18.09.2025
Harald Klein
[1] Harbecke, Ulrich (1982): Das Kölner Buch der Religionen, KVW-Verlag Reinfeld.
[2] Bevor es falsch verstanden wird: ich beschreibe Grundhaltungen. Natürlich werden Katholik:innen, die sich um eine sehr persönliche Gottesbeziehung, z.B. in Exerzitien, mühen, diese Gottunmittelbarkeit als Grundhaltung ehrlich leben. Nur sind die Strukturen der katholischen Kirche auf solche Fragen nicht gerade eben ausgerichtet.
[3] „Mammon“ ist ein aus dem Aramäischen entlehnter Begriff, der ursprünglich „Besitz“ oder „Vermögen“ bedeutete. Das Wort wird in der Bibel vonJesus Christus verwendet und steht dort für „Unwahrheit“ und „Lüge“. Heute bezeichnet man mit dem Begriff abschätzig das Geld, das zum Herrscher über die Menschen wurde („schnöder Mammon“) – vgl.[online] https://de.wikipedia.org/wiki/Mammon#:~:text=Mammon%20ist%20ein%20aus%20dem,Unwahrheit“%20und%20„Lüge“. [18.09.2025]
[4] vgl. [online] https://bibelfinanz.de [18.09.2025]
[5] vgl. Anm. 4.
[6] vgl. [online] https://bibelfinanz.de [18.09.2025]
[7] vgl. [online] https://bibelfinanz.de/wp-content/uploads/2022/07/BibelBibelFinanz-Workbook-Geld-du-und-Gott-Leseprobe.pdf [18.09.2025]
[8] vgl. [online] https://bibelfinanz.de/online-akademie/cashflow/ [18.09.2025]
[9] ebd.
[10] Titel des Podcasts von BibelFinanz: „Oh Du Heiliges Geld“, 185 Sendungen [Stand: 18.09.2025]
[11] a.a.O., 13.