Great Expectations – Große Erwartungen
Freue dich nicht zu früh, ich habe mir nur den Titel und den Plot von Charles Dickens‘ Roman „Great Expectations“ (dt.: „Große Erwartungen“) von 1860/1861 geliehen. Dickens erzählt in der Ich-Form die Geschichte des Waisenjungen Pip, der durch einen unbekannten Gönner zu Geld kommt, der alles im Leben eines Snobs auf den Kopf haut und nach ganz vielen Verwicklungen schließlich seine Lebensgefährtin findet.
Kölns Gesichter in der Öffentlichkeit, auf den Straßen, in der Bahn werden immer mürrischer! Es sind die vielen politischen und gesellschaftlichen, aber auch privaten Diskussionen um „große Erwartungen“, um Verwicklungen in alles Mögliche, und ein dunkler, beinahe feindseliger Grundtenor im Umgang miteinander – dazu die Ausgänge der Landtagswahlen im Osten, die in mir die Frage wachrütteln: Welche Erwartungen habe ich noch an die Zukunft, die zugegebenermaßen kürzer wird, und ist dabei überhaupt noch Platz für große Erwartungen?
Große Erzählungen
Ich komme noch einmal auf den Begriff der „Großen Erzählung“ zurück. Dickens‘ Romane sind voll davon. Der Protagonist Pip in „Great Expectations“ erbt unverhofft – und dem Reichen, meint er, gehört die Welt. Eine große Erzählung. „Vom Tellerwäscher zum Millionär“, oder „Make America great again“ – „Große Erzählungen“. In Deutschland hatte die letzte große Erzählung nur drei Worte: „Wir schaffen das!“ Du erinnerst dich? Angela Merkel und der Beginn einer Willkommenskultur. Olaf Scholz‘ „Zeitenwende“, die „Transformation zur Klimawende“ der Grünen haben dann mehr noch als das „Wir schaffen das!“ gezeigt, dass die „großen Erzählungen“ nicht nur Zuspruch geben, sondern auch einfordernd sein können.
Um was es mir geht: „Große Erzählungen“ sind sinnstiftende Kernbotschaften, auch „Narrative“ genannt, die komplexe, historische, politische gesellschaftliche – auch familiäre und private – Entwicklungen in eine einfache, emotionale Geschichte verpacken. Diese Narrative erklären, woher das Land, die Stadt, die Institution, die Familie – ja, und auch der oder die einzelne – kommt, wo er oder sie steht, und vor allem, wohin es gehen soll.
Für hier und heute entscheidend: Große Erzählungen sind Kernbotschaften, die „groß“ werden dadurch, dass sie viele hören und das viele auf sie hören und sich davon leiten lassen. Aus großen Erzählungen können große Erwartungen und dann große Veränderungen, Reformen werden.
Ein Narrativ, das hierher passt, ist der Buchtitel „Erzählende Affen“ von Samira El Oassil und Friedemann Karig. Sie nehmen den „homo narrans“, den „erzählenden Menschen“ als Ausgangspunkt ihrer Reflexion zu unseren narrativen, also erzählenden Denkstrukturen. Ihre These ist ebenso frech wie fesch: „Die Theorie […] besagt, dass der Mensch kein Wesen ist, das sich von Fakten und Argumenten leiten lässt, um kluge, besonnene, gemeinwohlorientierte Entscheidungen zu treffen, sondern von Emotionen, Instinkten, Affekten – und Erzählungen. Dementsprechend sind wir eigentlich keine Vertreter der Spezies Homo sapiens, des ‚weisen Menschen‘, auch wenn wir es gerne wären, sondern eher eine Art Affe, der sich erst durch das Erzählen selbst weiterentwickelt hat.“[1]
„Welcher Mensch möchtest du sein?“ (Dominik Spenst)
Und jetzt der Schlenker zum Evangelium: „Weinberg“ ist in den Gleichnissen Jesu, in seinen „großen Erzählungen“ immer das Bild für das Reich Gott. In die von Bonhoeffer geforderte nicht-religiöse Sprache übersetzt das Bild für gelingendes, für unversehrtes und aufgehobenes Leben. Das ist die große Erzählung Jesu. Da geht es hin!
Und jetzt du: Welcher Mensch möchtest du sein? Der, der seine Ruhe will, der– und dann doch geht und mit seinem Leben eine Antwort gibt? Oder, der, der zusichert, er gehe – und sich dann doch ins „Private“, ins „Unentschiedene“ zurückzieht?
Letztlich sind es deine Werte, die durch die „großen Erzählungen“ in deinem Leben vielleicht gebildet, allemal wachgehalten werden. Mit Hilfe des 6-Minuten-Werte-Test aus der Feder von Dominik Spenst und seinem Team kannst du dir selbst auf die Sprünge helfen lassen, welche Werte wohl die deinen sind. Mit diesen Werten im Gespräch zu sein, dir von ihnen erzählen zu lasse und dich ihnen zu erzählen, kann zur „Frohen Botschaft“ für dich werden.
Vielleicht triggert das dann auch die „Großen Erwartungen“, von denen du, wie Charles Dickens in seinen „Great Expectations“ dann in der Ich-Form erzählen und dich mit anderen verbinden kannst. Das Leben hält große Erwartungen für dich bereit. Trau dich!
So viel für heute und für diese Woche.
Köln, 25.09.2026
Harald Klein
[1] vgl. Samira El Oassil: Erzählen ist eine evolutionäre Superkraft, in: Mythen und Sagen. Die Macht der großen Erzählungen. Geo Epoche 136(2026), 148-156, hier: 148.