Die schamhafte Bitte der Apostel an Jesus
Mutig sind sie, die Apostel. Kommen sie doch mit einer Bitte zu Jesus, die gerade bei Männern vielleicht da ist, aber nur selten geäußert wird: „Stärke meinen/unseren Glauben.“ Hand aufs Herz: Hast du diese Bitte mal von jemandem, und dann etwa einem Mann, gehört? Oder wurde sie von jemandem an dich gerichtet? Oder hast du sie jemandem vorgetragen?
Im stillen Gebet, in der Meditation, etwa in der buddhistischen Metta-Meditation könnte die Bitte für mich selbst lauten: „Möge mein Glaube gestärkt werden.“ Oder im Mitgefühl auf jemand anderes hin: „Möge ihr/möge sein Glaube gestärkt werden.“ Aber sonst…?
Ein Grund für die Schamhaftigkeit: die unsichere „Maßeinheit“
Ich frage mich, warum es gerade uns Katholiken so schwerfällt, um einen starken Glauben zu bitten oder darum, dass er eben gestärkt wird. Es könnte daran liegen, dass uns – im kleinesten Falle – die Maßeinheit fehlt, oder – im mittleren Falle – wir uns selbst als Maß nehmen, oder in Umkehr des kleinsten Falles, dass uns – im größten Falle – die vermutete Maßeinheit Angst macht.
Die kleinste Maßeinheit: Hier gilt das „Ich glaub nix, mir fehlt nix.“ Wer so lebt, der braucht keinen gestärkten Glauben, weil es nichts zu stärken gibt. Da geht es um Erfahrungswerte: wer nie die Schönheit der Berge und des Meeres erfahren hat, wer nicht weiß, wie gut z.B. ein Grauburgunder schmeckt oder wie bereichernd ein offener Austausch zwischen Freundinnen und Freunden sein kann, dem wird all das nicht fehlen. Die Berge-/Meer-/Wein- und Gesprächs-Liebhaberinnen und -liebhaber mögen diesen Menschen bedauern, dieser aber wird gar nicht wissen, warum!
Die mittlere Maßeinheit: „Sei in deinem Tun ein Gott“ – Im Jahr 1989 gedrehten Film „Der Club der toten Dichter“ lässt der charismatische Lehrer John Keating seine Schüler, einen nach dem anderen, einen Fußball schießen. Dem Abschuss geht ein Zitat aus der Philosophie voraus, u.a. auch das „Sei in deinem Tun ein Gott“. Wenn du dieser Maxime anhängst, gilt es, den Glauben an dich selbst zu stärken – und wahrscheinlich immer wieder en Rückschlag, den Zusammenbruch erleben zu müssen. Denn: Du bist „nur“ ein Mensch, und kein Gott, mit all dem, was zum Menschsein gehört. Diesen „Glauben“ stärken heißt, ziemlich allein und einsam die Nieder- und die Rückschläge annehmen und gestalten zu können.
Die größte Maßeinheit: Hier gilt das „Martyrium“. Die haben den stärksten Glauben, die ihr Leben für diesen Glauben, für diesen Gott hingegeben haben. Bald ist der Gedenktag des hl. Martin wieder da, dieser römische Hauptmann, der seinen Mantel mit einem Armen teilte, ist überhaupt der erste Heilige, der wegen seiner Nächstenliebe und nicht wegen einer blutigen Lebensübergabe das Attribut „heilig“ zugesprochen bekam. Aber egal wie man es dreht und wendet – es scheint, ein starker Glaube habe immer mit Hingabe, mit Abgabe, mit Aufgabe, mit Dreingabe, mit Ausgabe usw. zu tun. Starker Glauben scheint zu meinen: wenn nicht der Mantel, so ist zumindest irgendetwas anderes verloren und dahin.
Kurzformeln der Maßeinheit eines gestärkten Glaubens
Für die mittlere Maßeinheit ist die jeweilige Person, der einzelne Mensch so etwas wie eine Maßeinheit für die Stärke ihres Glaubens. Die kleinste bzw. größte Maßeinheit, die die Stärke des Glaubens zu messen vermag, kannst du aber in zwei Kurzformel bringen.
Die kleinste Maßeinheit führt ins „Gott sein lassen“, weil er schlicht für dich und dein Leben und Handeln keine Rolle spielt. Das kann bewusst geschehen und mit Entschiedenheit vollzogen werden; ich glaube allerdings, dass es eher eine Art „Ausschleichen“ ist, vor allem für die, die in der kirchlichen Jugendarbeit dabei waren, die eine „gute“ Gemeinde verlassen und im Neuen das Alte vermissen bzw. keinen adäquaten Anschluss finden o.ä.
Die mittlere Maßeinheit führt ins Erkennen, dass du dich selbst an Gottes Stelle gesetzt hast, und kann als Impuls zum „Gottsein lassen“ führen, um überhaupt einen Anfang zu finden, Glauben zu leben und wachsen zu lassen, ihn zu stärken.
Die größte Maßeinheit führt ins „Gott Gott sein lassen“, und hier spielt dann die vor allem in den Freikirchen betonte Unmittelbarkeit Gottes eine Rolle: Gott und die Hinwendung zu ihm nicht mehr verstehen als „Projektion“ (Ludwig Feuerbach), als „Opium des Volkes“ (Karl Marx) oder als „Opium für das Volk“ (Wladimir Lenin). Diese größte Maßeinheit fragt nicht nach Lehre, nicht nach Frömmigkeit, sondern nach einem Geist, aus dem heraus du dein Leben auf die Dauer und im Ganzen gestalten willst und gestalten kannst. Dabei spielt all das, spielen all die eine Rolle, die in dein Leben hineingehören; dabei spielt das Humanum, das Bild vor dir und von den Menschen um dich herum, das du hast, eine Rolle. Und dabei spielt, wenn dieser Geist auf Gott oder auf Jesus Christus bezogen ist, eben dieser Gott, eben dieser Jesus Christus eine Rolle.
mich aus deiner Hand.
Das ist meine Wahrheit
und meine Freude.
Immerfort blickt mich
voll Liebe dein Auge an,
und ich lebe aus deinem Blick,
du mein Schöpfer und mein Heil. «
„Ein bisschen schwanger geht nicht!“
„Ein bisschen schwanger geht nicht!“ – in meiner Westerwälder Heimat war das so etwas wie die Ermutigung (und auch Beschreibung), etwas ganz oder gar nicht zu tun, oder anders: ein Aufruf zur Abkehr von Halbherzigkeit, worauf auch immer sie sich beziehen mag. Kalt sein, oder heiß, aber nicht lau, um ein Bibelwort aus Offb 3,15f aufzugreifen.
Es wird dich niemand aufhalten, wenn du „Gott sein lässt“. Es bleibt für dich die Frage, ob dieser Schritt vielleicht eine Leerstelle hinterlässt, und wenn ja, wie du diese Leerstelle füllen möchtest. Und ob oder wie das für dich geht. Es kann sei, dass dieser Schritt und dieser Prozess dich einiges an Zeit und Übung kostet.
Es wird dich niemand aufhalten, wenn du das „Gottsein lässt“. Im Gegenteil: Hier beginnt so etwas wie ein Leben auf Augenhöhe mit denen, die um sich herum sind.
Es wird dich niemand aufhalten, wenn du „Gott Gott sein lässt“. Es bleibt für dich die Frage, ob dieser Schritt dir Leerstellen füllt, die für dich schon spürbar sind – und wenn ja, wie du mit diesem „Füllen“ umgehen wirst, d.h.: ob und wie das für dich geht. Aber wenn es beim „Gott sein lassen“ eine Zeit dauert, bis du „durch“ bist mit dem Thema, so wirst du beim „Gott Gott sein lassen“ gerade nicht fertig mit dem Thema. „Gott sein lassen“ schließt ab mit einem Thema, einer Geschichte, einer Lebensdeutung. „Gott Gott sein lassen“ schließt auf, eröffnet dir Tag für Tag einen neuen Blick auf dich, auf die um dich herum, auf die Welt, in der du bist. Das kann anstrengend werden, aber gut. Das ist die tiefste Sehnsucht Gottes, das tun zu dürfen für dich – dieses Tun anzunehmen meint dieses „Gott Gott sein lassen“.
Ein bisschen schwanger geht nicht! Ich glaube wirklich, dass nur das „Gott sein lassen“ der Weg sein kann, willst du dir in aller Ungebundenheit und Freiheit gerecht werden. Und ich glaube genauso entschieden, dass nur das „Gott Gott sein lassen“ diesem Gott den Platz im Leben seiner Geschöpfe gibt, den er verdient. Und zwar – das ist mir wichtig – mit Blick auf die Lebendigkeit, die Freiheit, die Schönheit und das Vermögen seiner Geschöpfe in allem! Das „Gottsein lassen“ wäre die Voraussetzung dafür.
Gott Gott sein lassen – den Glauben stärken
In der Betrachtung sehe ich Jesus, wie ich ihm diese Bitte vortrage: „Herr, stärke meinen Glauben.“ Und er liest mir drei Texte vor und legt sie mir, nein, auf keinen Altar, „nur“ auf den Schreibtisch, der eine ähnliche Bedeutung für mich hat. Ich gebe sie dir weiter:
Sören Kierkegaard:
Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde,
da hatte ich immer weniger zu sagen.
Zuletzt wurde ich ganz still.
Ich wurde, was womöglich noch ein größerer Gegensatz zum Reden ist,
ich wurde ein Hörender.
Ich meinte erst, Beten sei Reden.
Ich lernte aber, dass Beten nicht bloß Schweigen ist, sondern Hören.
So ist es:
Beten heißt nicht, sich selbst reden hören.
Beten heißt:
still werden und still sein und warten,
bis der Betende Gott hört.
Erich Fried:
Dich
dich sein lassen
ganz dich
Sehen
dass du nur bist
wenn du alles bist
was du bist
das Zarte
und das Wilde
und was sich losreißen
und anschmiegen will
Wer nur die Hälfte liebt,
der liebt dich nicht halb,
sondern gar nicht
der will dich zurechtschneiden
amputieren
verstümmeln
Dich dich sein lassen
ob das schwer oder leicht ist?
Es kommt nicht drauf an mit wieviel
Vorbedacht und Verstand
sondern mit wie viel Liebe und mit wieviel
offener Sehnsucht nach allem –
nach allem
was du ist
Nach der Wärme
und nach der Kälte
nach der Güte
und nach dem Starrsinn
nach deinem Willen
und deinem Unwillen
nach jeder deiner Gebärden
nach deiner Ungebärdigkeit
Unstetigkeit
Stetigkeit
Dann
ist dieses
dich dich sein lassen
vielleicht
gar nicht so schwer.
Romano Guardini:
„Immerfort empfange ich mich aus deiner Hand.
Das ist meine Wahrheit und meine Freude.
Immerfort blickt mich voll Liebe dein Auge an,
und ich lebe aus deinem Blick,
du mein Schöpfer und mein Heil.
Lehre mich, in der Stille /deiner Gegenwart
das Geheimnis zu verstehen, dass ich bin.
Und dass ich durch dich und vor dir und für dich bin.“
Ob es deinen Glauben zu stärken vermag? Meinen schon!
So viel für heute und für diese Woche.
Köln, 29.09.2025
Harald Klein