27. Sonntag im Jahreskreis:
Respekt und Maß

  • Auf Links gedreht - Das Evangelium
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Das Gleichnis von den bösen Winzern

Nein, das Stichwort „Respekt“ – etwa vor allem Geschaffenen – oder „Maß“ – etwa in der Lebensführung, sei es die eigene oder die gemeinsam mit anderen, hängt ausdrücklich nicht damit zusammen, dass heute der 800. Todestag des hl. Franz von Assis ist. Und auch die mittlerweile vier bzw. zwei Wochen zurückliegenden Wahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin könnten Anstoß zu den beiden Tugenden geben. Tun sie aber nicht, wenngleich sie am Ende doch noch kurz auftauchen.

Nein, denn es geht mir um ein Einfühlen in die Geschehnisse im heutigen Evangeliums. Die haben mit all dem zu tun, aber in anderer Weise.

Kurz der Inhalt, den Jesus erzählt: Ein Gutsbesitzer legt einen Weinberg an, schützt ihn mit einem Zaun und einem Turm und verpachtet ihn an Winzer. Zur Erntezeit will er seinen Anteil an den Früchten holen lassen. Die Winzer weigern sich den Boten gegenüber, einen prügeln sie, einen bringen sie um, einen steinigen sie. Auch als er mehrere schickte, tun die Winzer wie bei den ersten drei. Dann schickt der Gutsbesitzer seinen Sohn, von dem er hofft, die Winzer mögen ihn respektieren. Tun sie aber nicht, sie packen ihn, werfen ihn aus dem Weinberg und bringen ihn in maßlosem Verhalten um. Jesus stellt die Frage, was der Herr des Weinbergs mit jenen Winzern tun wird – und kurz die Antwort: Er wird den Weinberg diesen Winzern nehmen und einem Volk geben, dem es gebührt.

» Ich kenne keinen anderen Weg zur Bewusstheit: Nur was man versteht, lässt sich ändern. Was man nicht versteht, und wessen man sich nicht bewusst wird, verdrängt man, Sie ändern sich nicht. Doch sobald Sie etwas verstehen, ändert es sich. «
de Mello, Anthony (1992): Der springende Punkt. Wach werden und glücklich sein, 2. Aufl., Freiburg, 63.

Die Feinde kommen von innen

So, jetzt zu „Respekt“ und „Maß“. Es gehört sich für ein „auf links gelesen“, dass der Blick ins Evangelium auch das anschaut, was gerne vergessen geht. Jesus beginnt mit dem Gutsbesitzer, der einen Weinberg anlegt – das würde doch schon genügen, oder? Aber nein, Jesus erzählt weiter, dass er ringsum einen Zaun zieht, eine Kelter aushebt und einen Turm baut. Dann verpachtet er den Weinberg an die Winzer. Jesaja erzählt in Jes 5 ähnlich.

Zaun, Kelter, Turm – welche Rolle spielt das für das Gleichnis? Jeder Winzer, jeder Gärtner, mittlerweile jeder Hauseigentümer könnte die Antwort geben: Die Wächter auf dem Turm halten Ausschau nach den Feinden, den Gegner, den Räubern von außen – und der Zaun hält sie genau da, eben vom Weinberg fern. Selbst wenn sie umlagert wären – den Wein könnten die Winzer innerhalb des Weinbergs keltern, nichts ginge verloren. Mir kommen die Grenzzäune an Frankreichs Küste, in Israel, zwischen den USA und Mexiko in den Sinn. Und natürlich denke ich an die Berliner Mauer und an den 1962 erschossenen 17jährigen Peter Fechter, an dessen Grab ich noch vor wenigen Wochen stand.

Was der Gutsbesitzer sich nie hätten träumen lassen: Turm und Zaun nützen aber auch gerade gar nichts, wenn die Feinde von innen kommen! Kennst du das? Kennst du die?

» In dem System, das sie gemacht haben
Ist Menschlichkeit eine Ausnahme.
Wer sich also menschlich erzeigt
Der trägt den Schaden davon. «
aus: Brecht, Berthold (1995). Die Gedichte in einem Band, hrsg. vom Suhrkamp-Verlag in Zusammenarbeit mit Elisabeth Hauptmann, Frankfurt/Main, 8. Aufl., 1155.

Die inneren Feinde erkennen

Innerhalb des Schutzraumes, innerhalb der Mauern kommt es nun mehrfach zu Prügeleien, Morden und Steinigungen. Der Grund dafür: Die Weigerung der Winzer, dem Gutsbesitzer das abzugeben, was ihm allein schon von Rechts wegen  zusteht. Vor fünfzig Jahren, 1976, hat Erich Fromm die Existenzweisen von „Haben“ oder „Sein“ unterschieden. Die Identität durch das, was die Winzer haben (auch wenn es ihnen nicht zusteht), die Angst vor Verlust, die Aggression dem gegenüber der ihnen „etwas wegnimmt“, macht sie zu Mördern. – Und hier möchte ich zum ersten Mal „Respekt“ und Maß“ ausdrücklich nennen, im Modus des Fehlens, der Abkehr davon!

Dagegen der Gutsbesitzer, der von außen in das „Innerhalb“ von Zaun, Turm und Kelter gehen wird. Jesus lässt sein Handeln offen. Er vermutet aber, dass der Gutsbesitzer ganz aus seiner Seinsmitte heraus handelt. Von Strafe ist kein Wort zu lesen, aber davon, dass die Winzer „fallen“ werden, dass sie „zerschellen“, und dass Menschen wie ihnen das Reich Gottes, im Bild: der Weinberg, weggenommen werden wird. – Und hier möchte ich zum zweiten Mal „Respekt“ und „Maß“ ausdrücklich nennen, in den Folgen, die das Fehlens und die Abkehr davon mit sich bringen. Aber umgekehrt auch als zwei Tugenden, die der „Existenzweise des Seins“ nach Erich Fromm mehr als zuträglich sind.

» Selbstbestimmung kann nach außen hin gelesen werden: Dann bedeutet sie Bewegungsfreiheit. Man kann sie aber auch nach innen lesen: Dann geht es darum, dass ich im Denken, Erleben und Wollen so bin, wie ich sein möchte. Entsprechend fehlt mir die Selbstbestimmung, wenn Erleben und Selbstbild auseinanderklaffen. «
Bieri, Peter (2015): Wie wollen wir leben? 6. Aufl., München, 57.

Und jetzt die vergangenen Wahlen und Franz von Assisi

Ich nehme den Appell mit, nicht primär Zäune und Türme zu bauen, um die Feinde von außen – ich lasse bewusst offen, wer das für mich sei oder für dich sein könnte – auszuschließen, mich abzuschotten, sie a la „Heute Show“ lächerlich zu machen und mich moralisch über sie zu stellen. Ich  nehme den Appell mit, gemeinsam den Weinberg voll Respekt und Maß haltend zu gestalten. Und das gerne in der Liebenswürdigkeit, der Zärtlichkeit und der Entschiedenheit des Franziskus.

So viel für heute und für diese Woche.

Köln, 02.09.2026
Harald Klein