Das Coming of Age Jesu
Wenn ich mir wünschen dürfte, welcher Autor oder welche Autorin die Coming-of-age-Phase Jesu, seinen „Werde-Gang“ zu dem, den wir kennen, im Roman erzählen solle, ich würde mich sofort für Benedict Wells entscheiden. Alle seine Romane sind schlüssige Erzählungen dieses Weges bei seinen Protagonisten. Der Evangelist Matthäus liefert für seinen Protagonisten Jesus vom Ende des zweiten bis zum Beginn des vierten Kapitels dessen „Coming of Age“, einen vielschichtigen Prozess des Heranwachsens Jesu, beinahe so, als hätte eine Anliehe bei Benedict Wells gemacht. Da wird am Ende des zweiten Kapitels die Flucht Josefs, Mariens und Jesus erzählt, dann die Rückkehr nach Galiläa, genauer: nach Nazareth, Jahre später und nach dem Tod des Herodes. Das dritte Kapitel schildert dann das Vorbereiten der Wirkens Jesu. Die Person Johannes‘ des Täufers – so etwas wie ein Lehrer, ein Vorbild Jesu – tritt in den Vordergrund, dann die Taufe und danach die Versuchung Jesu. Er scheint gerüstet zu sein für seinen Weg mit den Menschen und in der Welt. Matthäus schildert in zwei kleinen Sätzchen den Übergang vom Verlassen des Elternhauses nach Kafarnaum, um dort zu wohnen: „Als Jesus hörte, dass man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, zog er sich nach Galiläa zurück. Er verließ Nazareth, um in Kafarnaum zu wohnen, das am See liegt, im Gebiet von Sebulon und Naftali.“ (Mt 4,12f.
Geführt von Wort und Welt
Hier in Kafarnaum tritt Jesus zum ersten Mal öffentlich auf, zeigt sich den Menschen, ganz offen, wie er ist und mit dem, für das er eintritt. Warum Kafarnaum? Jesaja schreibt in einer bekannten Formulierung: „Das Volk, das im Dunkel lebte, hat ein helles Licht gesehen“ – und spricht im Vers vorher vom Land Sebulon und dem Land Naftali. Kafarnaum liegt in diesem Landstrich. Der Ort ist Programm – als künftiger Wohn- und Wirkungsort Jesu. Er hat sich vom Wort der Schriftführen, vielleicht verführen lassen; ob er nach Taufe und Versuchung schon so weit ist, sich selbst als „helles Licht“ zu sehen, oder ob es dazu den Zuspruch der Seinen noch braucht, ich vermag es nicht zu beurteilen.
Aber nicht nur das Wort in der Schrift führt und hält ihn in Kafarnaum. Die Stadt ist die Stadt des Simon und des Andreas; Jesus ruft hier die ersten Jünger, Simon und Andreas, in seine Nachfolge; Jakobus und Johannes folgen bald. Er predigt hier anfangs in der Synagoge, heilt einen Lahmen. Die Bergpredigt ist nahe Kafarnaums zu verorten, vielen Heilungen, unter anderem sowohl die des Dieners des römischen Hauptmanns von Kafarnaum als auch die der Tochter des Synagogenvorstehers finden dort statt, sein Ruf verbreitet sich von hier aus, Scharen von Menschen aus der Umgebung suchen ihn auf und hoffen auf Heilung ihrer Kranken und ihrer selbst. Die Verklärung findet nahen Kafarnaums statt, ebenso die Brotvermehrung. War es oben das Wort der Schrift, das Jesus führte, so ist es jetzt das Wort der Welt, das ihn in Kafarnaum bleiben lässt. Bis hinein ins 18. Kapitel schildert Matthäus das Wirken Jesu in Kafarnaum und in ganz Galiläa, lässt ihn dort wohnen und auftreten, predigen und heilen, aufbauen und kritisieren. Von der Richtigkeit, der Echtheit und der Wahrheit seiner Botschaft ist nicht nur er überzeugt. Auch die, die ihm nachfolgen, um bei ihm zu bleiben, und viele derer, die zu ihm kommen, um ihn zu sehen, zu hören oder zu berühren, dass hier einer präsent ist, der von Wort und Welt sich hat führen lassen und in Wort und Welt zu führen vermag.
'Nulla si truova insieme nato e perfetto.'
(Nichts ist zugleich im Entstehen begriffen und schon vollkommen.) «
Kafarnaum – die Komfortzone Jesu
Es kann ein zu einem neuen Erleben Jesu führen, seinen Weg mit dem sog. „Drei-Zonen-Modell“ aus der Erlebnispädagogik zu betrachten. Die drei Phasen[1], in denen sich lernende Menschen immer wieder – sei es aufgrund des Wortes der/einer Schrift oder aufgrund des Wortes/Rufes der Welt – bewegen und die sie durchlaufen, sind die Komfortzone, die Lernzone und die Panikzone.
Die Komfortzone setzt im Bereich des Menschen an, in dem er sich wohl, geborgen, selbstwirksam und selbstsicher fühlt. Gewohnheiten und Routinen helfen ihm zur Struktur. Er hat für das, was von ihm erwartet wird, Kompetenzen entwickelt. Wenn du das Matthäus-Evangelium liest, wird dir in den ersten 18 Kapitel Jesus seiner Komfortzone gezeigt; und so könnte es weitergehen, wenn nicht das Wort der Schrift und das Wort der Welt ihn dazu brächten, die Komfortzone in Richtung Lernzone zu verlassen.
mit deinen Talenten zusammentreffen,
dort liegt deine Berufung. «
Nazareth und Jerusalem – die Lernzone Jesu
Andere Namen, die es in der Fachliteratur zu dieser Lernzone gibt, sind Wachstums- oder Risikozone. Unsicherheit entsteht, auch bei Jesus. Alte Regeln funktionieren in seinem Denken, in seinem Tun nicht mehr. Er geht in eine Hab-Acht-Stellung vor den Autoritäten seiner Zeit, vor den Schriftgelehrten und den Pharisäern, Menschen seiner Religion, seines Volkes, die er als größere Gefährder erlebt als die Besatzungsmacht der Römer. Das Wort der Schrift und das Wort der Welt drängt ich dazu, sich in aller Unsicherheit den Herausforderungen zu stellen und sie anzugehen. Der Kreis der Jünger um ihn herum, aber auch der Zuspruch, die Annahme des Volkes, die er immer wieder erlebt, lassen die Lern-, Wachstums- oder Risikozone für kurze Zeit zur erweiterten Komfortzone werden, in denen er Neues etablieren konnte.
Jerusalem – die Panikzone Jesu
Die Panikzone wirst weder du noch ich noch Jesus sich aussuchen. In sie kommst du, komme ich, kommt er hinein, wenn großer Stress sich einstellt, wenn Routinen und Gewohnheiten versagen, wenn das Risiko in der Lernzone, das du eingegangen bist oder das er eingegangen hat, nicht aufgegangen ist, wenn die nächsten zu gehenden Schritte den Geschmack von Feindseligkeit haben. In der Feindseligkeit der Autoritäten in Jerusalem liegt der Grund für die Besiegelung des Todes Jesu, im Gebet am Ölberg und im Todesschrei am Kreuz drückt Matthäus diese Panik in Jesus aus.
Im Idealfall wirst du die Panikzone aber als eine Fortsetzung der Lern-, Wachstums- oder Risikozone verstehen können. Die Möglichkeit besteht, aufgrund eigener Courage und Leidenschaft und/oder mit Hilfe von Menschen um dich herum einen Weg aus der Panikzone zu finden. Das wäre ein gewaltiger Schritt in eine gewaltig gewachsene und sich als äußerst stark erweisende neue Komfortzone. Mancher überstandene Schicksalsschlag, manches betrachtete und geheilte Trauma gehört hierhin. Nicht umsonst heißt es dann, man fühle sich wie auferstanden von den Toten!
um Gefühlen nicht mehr ausgeliefert zu sein,
sondern sie ins Bewusstsein zu holen
und mit Menschen zu teilen, die mir wichtig sind. «
Geführt vom Wort der Schrift und vom Wort der Welt
Du kannst die Heilige Schrift, oder Schriften/Bücher, die dir heilig sind, oder deinen Tagebüchern entnehmen, wie dein Coming-of age, dein Erwachsen- und Reifwerden im Leben geworden ist und immer noch wachsen und werden kann.
Aber: Jochen Mai betont: „Das Leben beginnt am Ende der Komfortzone.“[2] Die Entwicklung deiner, meiner, Jesu Persönlichkeit beginnt da, wo selbstgesteckte Grenzen verlassen werden, von Neuland unter die Füße genommen wird und wir uns regelmäßig neuen Aufgaben stellen. Es ist im Leben Jesu abzulesen, wie es sicher in deinem oder in meinem Leben abzulesen wäre, würden wir uns die Zeit zu dieser Lektüre gönnen: „Wachstum vollzieht sich in Etappen.“[3] Für Jesus kannst du Etappen benennen mit Bethlehem/Nazareth – Kafarnaum – Auf dem Weg nach Jerusalem – Jerusalem. Und für dich?
So viel für heute und für diese Woche.
Köln, 24.01.2026
Harald Klein
[1] ich beziehe mich in der Darstellung des Drei-Zonen-Modells auf die Ausführungen von Jochen Mai auf [online] https://karrierebibel.de/3-zonen-modell/ [24.01.2026]
[2] ebd.
[3] ebd.