32. Sonntag im Jahreskreis – Kinder der Auferstehung

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Die Fangfrage der Sadduzäer

Ich glaube, mir geht es heute wie den Sadduzäern, der religiös-konservativen Strömung in Israel. Deren Privileg war es, die Hohepriester zu stellen, die den Dienst am Tempel wahrnahmen und die dabei mit der Besatzungsmacht, mit den Römern, kooperierten. Mir geht es vielleicht auch wie dir, weil ich heute im Evangelium zum ersten Mal bewusst mit einem Bildwort Jesu konfrontiert werde, das ich bisher noch überhaupt nicht kannte.

Der Kontext: Die Sadduzäer, die eine Auferstehung der Toten bestreiten, wollen Jesus eine Fangfrage stellen. Sie zitieren das Gesetz des Mose. Das regelt die Frage nach dem Auskommen einer Witwe. Wenn ein Mann, der einen Bruder hat, stirbt, soll der Bruder des Verstorbenen die Witwe zur Frau nehmen, um dem verstorbenen Bruder Nachkommen (und der Mutter so eine Versorgung, ein Auskommen im Alter) zu schaffen.

Aber dann: Wenn ein Mann kinderlos stirbt, sechs Brüder hat, und einer nach dem anderen heiratet die Witwe, und jeder von ihnen stirbt, ohne Nachkommen gezeugt zu haben, sodass am Ende die Witwe kinderlos stirbt – wessen Frau wird sie dann nach der Auferstehung sein? Sie hat doch alle sieben zum Mann gehabt! Damit wollen die Sadduzäer „fangen“.

Die Antwort Jesu ist lang, ich mute sie dir trotzdem zu, weil sie so schön ist! Jesus antwortet: „Die Kinder dieser Welt heiraten und lassen sich heiraten. Die aber, die gewürdigt werden, an jener Welt und an der Auferstehung der Toten teilzuhaben, heiraten nicht noch lassen sie sich heiraten. Denn sie können auch nicht mehr sterben, weil sie den Engeln gleich und als Kinder der Auferstehung zu Kindern Gottes geworden sind. Dass aber die Toten auferstehen, hat schon Mose in der Geschichte vom Dornbusch angedeutet, indem der den Herrn den Gott Abrahams, den Gott Isaaks und den Gott Jakobs nennt. Er ist doch kein Gott von Toten, sondern von Lebenden; denn für ihn leben sie alle“ (Lk 20, 34-38)

Lese die Antwort ruhig zweimal oder dreimal, schau, an welchen Worten du hängebleibst, was Jesu Worte an innerem Widerspruch hervorrufen können, oder was dir sinnlos erscheint – aber gib ihnen auch die Chance, ein wirklicher Zuspruch für dich werden zu können. Ich versuche mal, genau daraufhin zu schreiben – zum Zuspruch.

» Die heutige Krise der Religion ist nicht einfach darauf zurückzuführen, dass bestimmte Glaubensinhalte ihre Gültigkeit verloren haben, dass wir nicht mehr an Gott glauben oder dass die Kirche jedes Vertrauen eingebüßt hat. Es gibt vielmehr strukturelle Gründe, deren wir uns zwar nicht bewusst sind, die aber verantwortlich sind für die Abwesenheit Gottes. Zu ihnen gehört der Verfall der Aufmerksamkeit. Die Krise der Religion ist somit auch eine Krise der Aufmerksamkeit, eine Krise des Sehens und des Hörens. Nicht Gott ist tot. Tot ist der Mensch, dem sich Gott offenbarte. «
Byung-Chul Han (2025): Sprechen über Gott. Ein Dialog mit Simone Weil, Berlin, 9.

Kinder dieser Welt – Kinder der Auferstehung

Da ist es jetzt, das Wort, das ich bewusst ein erstes Mal bewusst gelesen oder gehört habe: „Kinder der Auferstehung“. Ich gebe zu, dass ich es zuerst auf dem „Sadduzäer-Ohr“ vernommen habe. Na klar, ich höre es im „entweder – oder“. Jesus wertet in den Ohren der Sadduzäer scheinbar ab. Die Sadduzäer und die, die nicht zu ihm gehören oder seinen Weg, seine Lehre nicht teilen sind bloß als „Kinder dieser Welt“ ab. Für sich und die Seinen nimmt er, jetzt aufwertend, den Titel „Kinder der Auferstehung“ in Anspruch. Dieses Auf- und Abwerten ist ja bis heute fester Bestandteil in Gesellschaft und Kirche, oder?

Dann habe ich es aber im „sowohl – als“ auch gehört“. Und siehe da: eine Überraschung: Jesus und die Seinen sind, wie du und ich, erst einmal „Kinder dieser Welt“. Damals galt das mosaische Gesetz, das das Zusammenleben regelte, heute würde ich so gerne die Geltung der demokratischen Grundrechte oder der Menschenrechte nennen, aber das ist gerade nicht leicht. „Kinder dieser Welt“: Hier geht es um die Weise, wie ich die Welt, das Leben, alle Ansprüche und Aufgaben und das Vorankommen im Leben und Zusammenleben arrangiere, abarbeite, gestalte. Hier spielt das Gesetz, hier spielen Rituale und Gewohnheiten ihre Rolle. Die „Kinder dieser Welt“ kann ich mit den Sinnen wahrnehmen – und bin selbst als solches wahrnehmbar.

„Kinder der Auferstehung“ – diese Deutung kann danebenstehen oder umfassend sein. Mir scheint es hier um „Nachfolge“ im besten Sinne zu gehen. Haltungen spielen hier eine Rolle, die eigene Sicht auf die Dinge, die Menschen, die Welt. Eine Sicht, die Leben mehr will als Tod, der die Selbstkultivierung wichtiger ist als die Selbstoptimierung. Gesetz, Ritual, Gewohnheit kann mitgemacht werden, aber die innere Haltung, die innere Wertung all dessen gibt all dem eine eigene Farbe. „Kinder dieser Welt“ sind mit den Sinnen wahrnehmbar, „Kinder der Auferstehung“ sind geworden durch „Reframing“, durch Deutung und Veränderung von Mustern, durch Übernahme und Einübung der Deutung, durch Veränderung von Haltung.

» Der Geist bedarf der Stille, um etwas ganz Anderes hervorzubringen oder zu empfangen. Am Ort der Schöpfung herrscht Stille. Der kontemplative Zustand des Geistes ist ein Schwebezustand, ein Schwellenzustand, in dem das bereits Bekannte oder Ausgeformte zeitweise ausgesetzt wird und Platz macht fürs ganz Andere. «
Byung-Chul Han (2025): Sprechen über Gott. Ein Dialog mit Simone Weil, Berlin, 72.

Aktivität und Passivität

Die „Kinder dieser Welt“ leben im Modus des Arbeitens, die Philosophin Hannah Ahrendt hätte hier die „vita activa“ verortet. Und die „vita contemplativa“ hätte sie den „Kindern der Auferstehung“ zugeschrieben. Wenn die Zusammenschau der Gegensätze – Nikolaus von Kues spricht von der „coincidentia oppositorum“ – zwischen „Kindern des Lichtes und „Kindern der Auferstehung“ zerbricht, wenn nur der eine Pol leben darf, werden die „Kinder des Lichtes“ weltabhängig und die „Kinder der Auferstehung“ weltverleugnend. Auch diesen Zusammenbruch der Zusammenschau der Gegensätze erlebst du allenthalben, eher gruselig, oder?

Jesu Wort ernst nehmend, geht es nicht darum, hier einen Dualismus zweier „Kinder“ hochzuhalten, wie es die Pharisäer mit ihrer Gesetzesreligion und die Sadduzäer mit ihrer Form der Opfergottesdienste tun. Es geht Jesus nicht um „drinnen“ oder draußen“. Es geht ihm um den „In-eins-Fall“, es geht ihm darum, aufzuzeigen, dass es für die aktiven „Kinder dieser Welt“ ein „Drinnen“ als „Kinder der Auferstehung“ gibt. Und umgekehrt: dass es für die „passiven“ Kinder der Auferstehung“ einen Ruf nach dem Draußen, in die Weltgestaltung gibt.

Im Blick auf die Fangfrage der Sadduzäer: Der siebenfachen Witwe war es nicht gegönnt, vermittelt durch das Gesetz des Mose und die sieben verstorbenen Ehemänner eine Grundsicherung im Alter zu bekommen. Aber das gilt für sie als „Kind dieser Welt“. Ich bin davon überzeugt, dass es im Leben nach dem Tod auch nicht die Bohne einer Rolle spielt. Und wenn alles gut geht, wir die Witwe die Hilfe der „Kinder der Auferstehung“ erfahren, die sich in der Hilfe der Kinder dieser Welt“ realisiert.

» Wahrnehmung ist extrem gefräßig geworden. Ihr fehlt jede kontemplative Weite. Sie isst permanent. Der Konsum ist ihre Grundhaltung. […] Essen befriedigt nur Bedürfnisse. Allein Schauen erlöst uns aus der sinnentleerten Immanenz des Konsums. «
Byung-Chul Han (2025): Sprechen über Gott. Ein Dialog mit Simone Weil, Berlin, 9f.

Kinder müssen empfangen werden

Eines noch: Sowohl die „Kinder dieser Welt“ als auch die „Kinder der Auferstehung“ müssen empfangen werden. Irgendwie gehören immer zwei zur Empfängnis. Und: Wo bitte steht denn in der Rede Jesu an die Sadduzäer etwas von der Pforte des Todes, durch die hindurchzuschreiten die „Aufnahmeprüfung“ für die Empfängnis des „Kindes der Auferstehung“ ist?

Ich habe oben schon geschrieben, wie verfehlt es ist, die beiden Arten von „Kind“ im Modus des „entweder – oder“ zu verstehen. Im Modus des „sowohl – als auch“ umfängt das eine das andere. Aber Achtung: Die Weise der „Kinder des Lichtes“, die „vita activa“ hat die Kraft, die Weise der „Kinder der Auferstehung“, die „vita contemplativa“, zu erdrücken.

Mir gefällt das Bild, dass im Modus der „Kinder der Auferstehung“, den ich ja schon in diesem Leben empfangen kann, das meine Haltungen, meine eigene Sicht auf die Welt, die Leben mehr will als Tod, dass meine Selbstkultivierung, die mir mehr wichtig ist als meine Selbstoptimierung, den Modus „Kind dieser Welt“ umfangen, gestaltet und gehalten kann.

Was für ein schönes Bild von Gott Jesus am Ende weitergibt: (Lk 20,38) „Er ist doch kein Gott von Toten, sondern von Lebenden, denn für ihn leben sie alle“. Es gelten schlichtweg nicht mehr die Gebote, deren Erfüllung den „Kindern der Welt“ zum Überleben helfen, sondern es kommen, allerdings auf anderer Stufe, die An-Gebote Gottes dazu, die die „Kinder der Welt“ empfangen und annehmen dürfen, um zu „Kindern der Auferstehung“ zu werden.

So viel für heute – und für diese Woche.

Köln, 05.11.2025
Harald Klein