Wohin geht deine Aufmerksamkeit?
Eine unsinnige Frage, die da als Überschrift steht. Am 28.11.2025 ist der „Black Friday“, und vor allem im Online-Handel geht es um „unschlagbare Angebote“ und bei Anschaffungen und Käufen um „Einsparnisse“ in enormer Höhe – leider vergessend, dass die „unschlagbaren Angebote“ sehr wohl einen Schlag bekommen, wenn du sie schlicht ignorierst, und in noch enormerer Höhe wären die Einsparnisse, würdest du dem „Black Friday“ oder der „Black Week“ gar keine Aufmerksamkeit schenken.
Aber ach, die Verlockungen! Bei mir, du weißt es, sind es die Bücher. Bei dir – da weiß ich es nicht. Weißt du es? Und jetzt – rasanter Wechsel – bei den Menschen in Jerusalem sind es die schönen Steine des Tempels, die Weihegeschenke, die ich schmücken. Sie kommen im heutigen Evangelium über die äußerlichen Schönheiten der Tempelwelt nicht hinaus.
Jesus geht verbal brutal mit ihnen um: „Es werden Tage kommen, an denen von allem, was hier steht, kein Stein auf dem anderen bleibt, der nicht niedergerissen wird“ (Lk 21,6). Das ist nur der Anfang. Zwölf lange Verse lang malt Jesus ein Szenario des Untergangs, in dem es um die Zeit bis zum „Ende“ geht: Kriege, Erdbeben, Auslieferungen an Gewaltmächte, Gefängnis, Folter, Auslieferungen von Eltern und Geschwister, Freunde und Verwandte, die zum Feind werden – alles ist drin.
Warum macht Jesus so etwas?
Sich den eigenen Habitus klar machen
Mir erschließt sich dieser apokalyptische, das Ende beschreibende Text nur, wenn ich ihn als eine Art adäquate Antwortauf das Geschwätz und das Gehabe der Tempelbesuchenden verstehe. Deren „Black-Friday-Aufmerksamkeit“ zeugt von einer Oberflächlichkeit, die einfach nur schmerzt. „Schau, die schönen bearbeiteten Steine, und dann die Weihegeschenke da links in der Ecke“ – und hast du nicht gesehen, und hast du schon gehört… – der französische Soziologe Pierre Bourdieu (1930-2002) hat den Begriff des Habitus geprägt und beschreibt damit einen „sozialisatorisch erworbenen, mental sowie körperlich verankerten und insofern relativ stabilen Komplex aus Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata, die durch die sozialpositionalen Umstände ihrer Entstehung gekennzeichnet sind.“[1] Kleine Verstehenshilfe: stelle dir einfach eine Zusammenkunft der Jungen Linken, der Jusos, der Jungen Union, der Jungen Liberalen, der Jugendorganisation der AfD – gibt es da wieder eine? – und einer Konfirmanden – bzw. Firmgruppe vor… oder noch aktueller: einem Oberstufenkurs kurz vor dem Abitur, die diskutiert, ob man jetzt zum neuen Wehrdienst gehen soll oder nicht. Was bringen die „von zu Hause“ mit? Welche Werte sind ihnen „tief innewohnend“, und wie „verkörpern“ sie sie? Wie drückt sich dieses „Verkörpern“ aus? Was nehmen sie eher wahr, was eher nicht? Was denken sie, und warum dies und nichts anderes – und ist das, was sie denken veränderbar? Und dann: wie beeinflusst all das ihr Handeln – und natürlich auch ihr Unterlassen? Sie sind, um ein Wort des Priors von Taizé, Frère Matthew, zu zitieren, „Gefangene des eigenen Algorithmus“[2]
Von daher ein erstes Zwischenergebnis: Wenn Jesus diese Worte an die Schar der über die schön bearbeiteten Steine am Tempel und an die Weihegeschenke Staunenden gesagt hat, braucht das nicht notwendig eine kommende Zeit im Sinne des Chronos meinen, eines sich anbahnenden kalendarischen Zeitpunktes. Seine Rede könnte auch als eine gekommene Zeit im Sinne des Kairos meinen. Die griechische Mythologie stellt den Gott Kairos mit einem Pferdeschwanz dar – man muss ihn, den rechten Zeitpunkt, packen, sonst ist er vorüber.
In der Begegnung mit Jesus ist dir die Möglichkeit nicht nur gegeben (Chronos), sondern sogar geraten (Kairos), dich deines Habitus klar zu werden: Wohin geht deine Aufmerksamkeit? Warum ist das so? Und was könnten auch andere Sichtweisen sein – vor allem: welche Verheißungen liegen darin? Stell dir vor, du wärest in oder neben den oben angeführten Gruppen: was würdest du wohl hören, was könntest du wohl beisteuern? Und: was könne sich bei dir zum Leben verändern?
Im Übergang leben können – statt im Überfluss leben wollen
Jetzt weiter: Die politische Diskussion scheint unsere Gesellschaft zu lähmen und/oder zu spalten. Der Ruf zum wirtschaftlichen Aufschwung, der wichtiger ist als Klima-, als Menschenrechts-, als Minderheitenpolitik, geht mehr auf Tod denn auf Leben! Und die Angst vor einem künftigen Krieg führt Menschen entweder in die Richtung Rückzug, Depression Hoffnungslosigkeit, oder im Gegenteil in die Richtung Überfluss um jeden Preis, solange es noch geht. Lieber Oberfläche, und davon viel, als Tiefe und Tiefgang! Dazu haben wir keine Zeit (mehr).
Aufmerksamkeit, die auf Masse und Menge in der Gegenwart geht, gehört in das Feld des Chronos. Ich nehme mit, was es mitzunehmen gibt. Es ist vielleicht mehr die Sorge als die Lust, die mich im Überfluss zu leben treibt, immer und immer wieder, Chronos eben! Und ein sich daraus entwickelnder Habitus – und das Schlimmste: du merkst es nicht nur nicht, du glaubst noch nicht mal mehr daran, dass es auch anderes gibt, und die Sehnsucht danach, nach dem Kairos-Moment, fehlt dir auch.
Simone Weil (1909-1943), die französische Mystikerin, schreibt: „Die kostbarsten Güter soll man nicht suchen, sondern erwarten. Denn der Mensch kann sie aus eigenen Kräften nicht finden, und wenn er sich auf die Suche nach ihnen begibt, findet er statt ihrer falsche Güter, deren Falschheit er nicht zu erkennen vermag.“[3]
Ein zweites Zwischenergebnis: In all den oben genannten Gruppen, egal aus welchem Lager, scheint die Suche nach einem ihrem Habitus entsprechenden Überfluss innezuwohnenden. Du willst in einem Überfluss wohnen wollen, was auch immer den „Überfluss“ begrifflich füllt. Und mit allen Mittel und allem „Kapital“ – Bourdieu unterscheidet hier klug ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital[4] – wirst du versuchen, diesen Überfluss halten zu wollen. Es käme dem Niedergang der Existenz nahe, würde dieser Überfluss sich verringern oder gar verlustig gehen.
Von daher verstehe ich die harte Rede Jesu als Versuch, die erhärteten Strukturen im Habitus der Menschen aufzubrechen, um deren inneren Kern, ihre Seele, zu erreichen. Es fasziniert mich, dass er der „Haltung“ des Fixiertseins auf den Überfluss den ständigen „Aufbruch“ der Bewegung des Übergangs entgegenstellt.
Der Übergang: Ich habe ihn, aber er hat mich nicht!
Ein kurzer Gedanke zum Übergang, oder zur „Transformation“, einem neuen Zauberwort in der Pastoraltheologie. Aus dem, was ist, etwas anderes gestalten, das mehr dem Leben dient – so möchte ich den Begriff gern umschreiben. Der unscharfe Begriff dabei ist dann der Begriff des „Lebens“ – je nach Habitus sicher anders besetzt.
Die Wende in der Rede Jesu liegt in der Bewertung dieses Übergangs. Was da alles angesprochen wird, was da alles mit den Menschen geschehen wird, und da ist nicht vom vermeidlichen „Black Friday“ die Rede, sondern von Prozessen, Erdbeben, Auslieferungen u.v.m.
Der springende Punkt liegt darin, dass für die, die im „Überfluss“ leben, all das als Bedrohung schon jetzt erlebt wird. Im tiefsitzenden Empfinden gaukelt Chronos vor: „Sichere dich ab, richte dich ein, das kommt eher heute als morgen“ – und du tust es. Was morgen sein könnte (Konjunktiv), bestimmt (Indikativ) dein heutiges Handeln. Eine der tiefgründigsten Fragen, die ich in diesem Jahr gehört habe, lautet: „Wie beeinflusst etwas, das in Zukunft sein kann, deine gelebte Gegenwart heute?“ Und Kairos flüstert: „Du hast diesen Übergang, in jedem Moment deines Tuns, aber lass nicht zu, dass er dich hat. Gestalte ihn, aber lass nicht zu, dass er dich gestaltet“ – und du kannst es tun!
Der Black Friday klopft an (Chronos), aber du entscheidest, ob du ihm öffnest (Kairos).
Wohin geht deine Aufmerksamkeit? Wie steht es um deinen Habitus, deine drei Formen deines „Kapitals“? Jesus schließt diese Rede mit den Worten: „Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen“ (Lk 21,19). Indikativ!Dieses Wort korrespondiert mit der atl. Lesung (und einem zweiten Indikativ), darin schreibt der Prophet Maleachi: „Für euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen, und ihre Flügel bringen Heilung“ (Mal 3,20ab).
So viel für heute, und für diese Woche.
Köln, 14.11.2025
Harald Klein
[1] vgl. [online] https://www.socialnet.de/lexikon/Bourdieu-Pierre#toc_3_4 [1411.2025]
[2] vgl. [online] https://katholisch.de/artikel/65688-taize-prior-machtverlust-der-kirchen-ist-unglaubliche-chance [14.11.2026]
[3] Weil, Simone <1924>: Das Unglück und die Gottesliebe, Berlin, 97.
[4] vgl. Anm. 1.