Christkönigssonntag
Der letzte Sonntag vor dem Beginn des Advents nimmt Christus als König nicht nur seines Volkes und seiner Zeit und seines Volkes, sondern des gesamten Universums und aller Zeiten in den Blick. In diesem Jahr wird dieses Gedenken 100 Jahre alt, Papst Pius XI. hat es 1925 eingeführt – und bald darauf bekam es eine weltpolitische Dimension, war dieses Fest doch ein Zeichen der Abgrenzung gegen das totalitäre System des Nationalsozialismus in Deutschland und gegenüber anderen faschistischen Systemen vor allem in Europa. Die Aussage dieses Festes – Christus ist unser König, nichts und niemand sonst – hätte wohl sowohl damals wie auch heute anders und stärker betont werden sollen, bringt es doch uns Christen eher in die Rolle der Vasallen, der Dienerinnen und Diener dieses Königs, den wir freimütig als unseren Herrn anzuerkennen gebeten sind. Mal dir selbst aus, wie die Wirklichkeit aussieht – und wo/wie du in dieser Wirklichkeit stehst! Und auch, wie sie aussehen könnte!
Das Evangelium des Christkönigssonntags lenkt den Blick – wie sollte es anders sein – auf Jesus als den König. Wenn sein „geistlicher Thron“ für mich auch eher der Gipfel des Tabor in der Verklärungsszene oder der Gipfel des Berges der Seligpreisungen in der Bergpredigt ist, so ist Jesu „weltlicher Thron“ letztlich das Kreuz. Es ist Pilatus, der Jesus im Verhör fragt: „So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es: Ich bin ein König du in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Wer aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme“ ( Joh 18,37 in der Übersetzung der Lutherbibel 2017). Das heutige Evangelium lässt die Passionsgeschichte Jesu aber hinter sich uns setzt gleich bei der Kreuzigung an. Jesus Kreuz, sein „Thron“. Und der Spott der Welt ist die Huldigung, die ihn erreicht.
Gottwärts gerichtete Konditionalsätze
Kurzer Einschnitt, ein wenig Grammatik der Sprache, die auch Grammatik des Glaubens ist. „Wenn morgen die Sonne scheint, fahre ich mit dem Rad den Rhein aufwärts bis Bonn.“ Solche Satzarten heißen Konditional- oder Bedingungssätze. Sie beschreiben Handlungen, die nur unter einer bestimmten Bedingung stattfinden – oder umgekehrt: sie beschreiben Bedingungen, aus denen heraus bestimmte Handlungen entspringen können, sollen, müssen. Die Konditionen, die Bedingungen können magisch sein („Sie liebt mich, sie liebt mich nicht“), sie können erfahrungsbedingt sein („Ein fauler, feuchter März ist jedes Bauern Schmerz“), sie können auf Bevollmächtigungberuhen („Nur der Staatsanwalt kann den Freisprich erwirken.“). Der eine der beiden Räuber, die neben Jesus gekreuzigt wurden, zielt auf letzteres: „Bist du denn nicht der Christus? Dann rette dich selbst und auch uns!“ Man hört förmlich seine Ungeduld: „Nun mach schon, Alter! Zeig, was du kannst.“
Und Jesus zeigt, was er kann!
dann ist er eine neue Schöpfung:
Das Alte ist vergangen,
siehe, Neues ist geworden. «
Dekreation – Aufhören, selbst etwas aus sich zu machen
Ein zweiter Einschnitt: Es ist ein Begriff [1]der Spiritualität Simone Weils (1909-1943), der ihr Denken und Glauben besonders auszeichnet, der Begriff der Dekreation – Byung-Chul Han übersetzt ihn mit „Ent-Schöpfung“.
Kurz gesagt meint dieser Begriff, weder dich noch etwas auf Gedeih oder Verderb selbst „schaffen“ zu wollen – auszusteigen aus dem „wenn du es kannst, dann mache es doch“ und so auf dein eigenes ursprüngliches „Schaffen“, auf deiner eigenen „Schöpfung“ zu bestehen (sei es die Schöpfung deiner selbst oder die Schaffung eines Geschöpflichen). Es geht Simone Weil darum, in Aufmerksamkeit, Stille, innerer Leere wahr- und anzunehmen, was von Gott her auf sie zukommt. Das Entgegenkommen Gottes muss und wird nicht schmerzfrei sein. Und dennoch: die Dekreation befreit von der vermeintlichen Notwendigkeit, selbst „etwas“ oder „jemanden“ aus sich zu machen. Byung-Chul Han setzt dem lauten Ruf nach Authentizität den der Dekreation gegenüber:
„Unter dem Zwang der Authentizität versuchen wir heute verzweifelt, etwas, jemand zu sein. Die Authentizität ist der Dekreation entgegengesetzt, die uns auffordert, nichts, niemand zu sein, sich im Selbstverzicht zu üben. Und der Imperativ der Kreativität, der der neoliberalen Produktionslogik gehorcht, macht uns blind gegenüber der wahren Schöpfung. Erbärmlich ist der neoliberale Kreativitätsrausch angesichts der Herrlichkeit der göttlichen Schöpfung, angesichts der Schönheit des Universums, die ein Sakrament darstellt. Jede menschliche Hervorbringung, die sich Schöpfung nennen darf, setzt den Selbstverzicht voraus. Das Genie der Aufmerksamkeit ist ohne Selbst.“[2]
Die letzten Worte Jesu – seine Lebensübergabe …
Und jetzt seien die beiden Einschnitte zusammengeführt. Jesu letzte Worte am Kreuz, die ihm die Evangelisten in den Mund legen, deuten darauf hin, dass er sein Leben und vor allem sein Sterben ganz in dieser Tradition der Dekreation sah, wenn er auch den Begriff sicher nicht kannte. Seine letzten Worte bezeugen seine „Dekreation“.
Im Evangelium nach Markus wird zum ersten Mal von den beiden Räubern erzählt, und aus der Menge herab schreit jemand: „Hilf dir doch selbst und steig herab vom Kreuz!“ (Mk 15,29). Auch hier geht Jesus nicht auf den Zuruf, auf die Schmähung ein. Letzte Worte Jesu kennt Markus nicht, hier schreit Jesus laut auf, dann haucht er seinen Geist aus (Mk 15,37).
Im Evangelium nach Matthäus sind es Leute, die vorüberkommen, Jesus verhöhnen und ihm zurufen: „Du willst den Tempel niederreißen und in drei Tagen wieder aufbauen? Wenn du Gottes Sohn bist, hilf dir selbst und steig herab vom Kreuz!“ (Mt 27,40). Den Hohenpriestern, Schriftgelehrten und Ältesten legt Matthäus ein ähnliches Spottwort in den Mund: „Anderen hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen. Er ist doch der König von Israel! Er soll vom Kreuz herabsteigen, dann werden wir an ihn glauben“ (Mt 27,42). Und noch deutlicher sei meine These gestützt von den sich anschließenden Worten der jüdischen Amtsträger: „Er hat auf Gott vertraut: der soll ihn jetzt retten, wenn er an ihm Gefallen hat; er hat doch gesagt: Ich bin Gottes Sohn“ (Mt 27,43). Ein kurzer Schlusssatz der spottenden Menschenmenge gilt den beiden weiter oben schon genannten Räubern: „Ebenso beschimpften ihn die beiden Räuber, die man zusammen mit ihm gekreuzigt hatte“ (Mt 27,44). Dann geht der Blick auf Jesus. „Um die neunte Stunde ruft er Eli, Eli, lema sabachtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Einige von denen, die dabeistanden, und es hörten, dachten, er rufe nach Elija. Und als einer der Soldaten ihm mit einem Schwamm auf dem Stock Essig zu trinken gibt, kommt noch einmal Spott aus den Reihen der Soldaten: „Lass doch, wir wollen sehen, ob Elija kommt und ihm hilft“ (Mt 27,46-49). Vom Sterben Jesu überliefert Matthäus dagegen nur lakonisch kurz: „Jesus aber schrie noch einmal laut auf. Dann hauchte er seinen Geist aus“ (Mt 27,50)
Im Evangelium nach Lukas finden sich die Worte, die auch Matthäus zitiert, dass Jesus anderen geholfen habe, nun aber sich selbst helfen solle, wenn er der Messias Gottes sei (Lk 23,35). Vorher betet er für die, die ich kreuzigen: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34). Es sind Soldaten, die ihm Essig zu trinken geben und zu ihm sagen: „Wenn du der König der Juden bist, dann hilf dir selbst!“ (Lk 23,37). Auch hier höhnt einer der Verbrecher: „Bist du denn nicht der Messias? Dann hilf dir selbst und auch uns!“ (Lk 23,39), und wird vom anderen Verbrecher zurechtgewiesen, der daraufhin Jesus bittet: „Jesus, denk an mich, wenn du heute in dein Reich kommst.“ (Lk 23,42). Jesus antwortet ihm vom Kreuz: „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23,43). Und am ehesten spricht wohl das „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“ (Lk 23,46) für diese Annahme der Dekreation Jesu in seinem Sterben.
Bleibt das Evangelium nach Johannes. Auch er nennt die beiden anderen Mitgekreuzigten (Joh 19,18), die aber keine weitere Rolle spielen. Hier ist es Pilatus, der mit dem berühmten Schild mit der Aufschrift INRI („Jesus Nazarenus Rex Judaeorum“; Jesus von Nazareth, König der Juden) Jesus seine Anerkennung als König zuspricht und sie stehen lässt, auch wenn die Hohenpriester dies kritisierten. Im Gegensatz zum Hohn, den die anderen Evangelien in der Sterbeszene Jesu schildern, führt Jesus vom Kreuz herab seine Mutter Maria und seinen Lieblingsjünger Johannes zusammen in eine Art „Familiarität Jesu“, für die mir der Begriff der „Gefährtenschaft“ einfach lieber ist: „Frau, siehe, dein Sohn […] Siehe, deine Mutter!“ (Joh 19,26f)“ Den Moment des Sterbens lässt Johannes ausdrücken in einem „Mich dürstet“ (Joh 19,28), was für mich einen Durst und eine Hoffnung auf ein Leben deuten, die er von Gott erwartet, nicht mehr von sich selbst. Und sein „Es ist vollbracht“, begleitet von der Aussage, er habe sein Haupt geneigt und seinen Geist aufgegeben(Joh 19,30) drückt für mich exakt diese Dekreation aus, die Simone Weil in ihrer Spiritualität verhofft und die Byung-Chun Han mit den Worten beschreibt: „Aus Liebe einwilligen, Nichts zu sein, ist keine Zerstörung, sondern ein Überstieg in eine höhere Wirklichkeit.“[3]
… und was du damit machen kannst
Aus all dem wird klar, um welche Frage es den beiden Verbrechern, den Hohenpriester, den Schriftgelehrten, den Soldaten und denen, die um das Kreuz herumstanden, letztlich geht: um die Frage an Jesus, was er tun könne oder was er tun müsse, um sein Leben zu retten, zu erhalten, zum Gelingen und Wachsen zu bringen.
Jesu Antwort ist beinahe nur Schweigen, still sein – nicht nur denen gegenüber, die ihn verhöhnen, sondern auch dem gegenüber, auf den er seine Hoffnung auf Leben setzt, dem Vater, Gott. „Dekreation“ meint, dass nicht er sein Leben „schafft“, sondern dieses „Schaffen“ lässt, um sich vom Vater her formen und gestalten zu lassen.
Hundert Jahre alt ist die lehramtliche Antwort auf die Frage, wem letztlich dein, mein, und oder gar das oder alles Leben gehört. Christus ist König! Dekreation meint, dein Leben in die Hand nehmen, um es Christus zu überlassen. Das ist kein Entschluss, dass ist ein Einüben, ein Überlassen, das ein Leben lang braucht.
Dem dienen bei Simone Weil die Mittel der Aufmerksamkeit auf alles Lebendige um dich herum, das Wagnis zur Dekreation, Momente und Zeiten der Leere und der Stille, die du aushalten kannst, das Genießen der Schönheit auf so vielen Feldern des Lebens, aber auch das Annehmen und Aushalten des Schmerzes, der während deines Lebens sich immer wieder meldet. Wenn die Menschen am Leidensweg Jesu meinen, sein Leben sei nicht mehr zu retten, hilft es, sich das Bild Jesu anzueignen, der er von „Leben“ hat.
Soviel für heute und für diese Woche.
Köln, 21.11.2025
Harald Klein
[1] Neben Dekreation nennt Byung-Chul Han als Stichworte zur Spiritualität Simone Weils Aufmerksamkeit, Leere, Stille, Schönheit und Schmerz, vgl. Byung-Chul Han (2025): Sprechen über Gott. Ein Dialog mit Simone Weil, Berlin.
[2] a.a.O., 43f.
[3] a.a.O., 42.