5. Sonntag im Jahreskreis:
„Sei, was du bist!“

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Jesu „Ihr seid…“ in der Bergpredigt

Da kommen heute wieder Sätze im Evangelium, zu denen die Vortragenden nur den Anfang vorlesen müssten, und die Menschen in den Bänken ergänzen das, was kommt. Zugegeben, es gibt zumindest eine Alternative. Wenn es zu Beginn des Evangeliums heißt: „In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Ihr seid…“, und du solltest den Satz ergänzen, könntest du sagen „Ihr seid das Salz der Erde“ oder alternativ „Ihr seid das Licht der Welt“.

Um es vorwegzusagen: Ich möchte darauf hinaus, dass das „Ihr seid…“, das Jesus zu den Seinen spricht, die gleiche Wahrheit hat wie das „Ich bin …“ in seinen Bildworten über sich selbst, z.B. „Ich bin der Weinstock , ihr seid die Reben“ (Joh 15,5) Zu beiden, zu den Ihr-seid/Du-bist-Worten, und noch viel mehr zu den Ich-bin-Worten könntest du einige Beispiele finden. Der Aussageinhalt ist immer der gleiche, und von dem möchte ich dir erzählen.

» Ihr seid das Salz – nicht: ihr habt das Salz. Es wäre eine Verkürzung, wollte man mit den Reformatoren die Botschaft der Jünger dem Salz gleichsetzen. Ihre ganze Existenz, sofern sie durch den Ruf Christi in die Nachfolge neu begründet ist, diese Existenz, von der die Seligpreisungen redeten, ist gemeint. Wer vom Ruf Jesu getroffen in seiner Nachfolge steht, ist durch diesen Ruf in seiner ganzen Existenz Salz der Erde. «
Bonhoeffer, Dietrich (2015): Nachfolge, DBW 4, hrsg. von Eberhard Bethge, Gütersloh, 111.

Jemand sein – etwas aus sich machen

Dafür setze ich bei einer anderen Alternativen an, die mich seit beinahe drei Jahren begleitet. Der Münchner Philosoph Krisha Kops hat im Mai 2023 einen Artikel zum Thema „Selbstoptimierung: Das vermessene Ich“ auf den Seiten von www.ethik-heute.org zur Verfügung gestellt[1]. Hierin stellt er den Begriff der Selbstoptimierung – immer mehr, schneller, besser, gewinnbringender, ein Tun – dem der Selbstkultivierung – etwas Stetiges, Sich-wiederholendes, Fürsorgendes, eine Haltung – gegenüber. Oder in einem Satz: Die Selbstoptimierung hat kein Maß; die Selbstkultivierung beruht auf Muße und Wiederholung. Die kleine Zwischenüberschrift über diesem Teil des Textes ist deswegen gewählt, weil sie eine dritte Erklärung zur Unterscheidung von beidem anbietet: Der/Die Selbstoptimierende ist stets bedacht, noch etwas aus sich zu machen, egal auf welchem Gebiet. Der/Die Selbstkultivierte dagegen ist schon jemand; das „Weiter“ oder „Anders“ der Selbstkultivierten beruht nicht auf Zahlen, Maßen, Schnelligkeit oder Beträgen, sondern auf dem antiken „erkenne dich selbst“, wisse, wer du bist. Oder: nutze deine Gaben, kenne deine Grenzen, vertraue darauf, dass das Leben (oder Gott oder das Universum) dich rufen oder dir zeigen, wo der nächste Schritt zur Kultivierung deines Lebens angeboten, vielleicht sogar geboten ist.

» Wenn Jesus nicht sich selbst, sondern seine Jünger das Salz nennt, so überträgt er ihnen die Wirksamkeit auf der Erde. Er zieht sie in seine Arbeit hinein. Er bleibt im Volke Israel, den Jüngern aber überträgt er die ganze Erde. «
Bonhoeffer, Dietrich (2015): Nachfolge, DBW 4, hrsg. von Eberhard Bethge, Gütersloh, 110.

Was, wenn du auf dem Berg säßest?

Und jetzt du. Male dir die Szene auf dem Berg aus, die Menge an Menschen, aus verschiedenen Schichten, Klassen, Milieus. Die, die nah an Jesus dran sind, und du selbst, mit der Nähe zu Jesus, die halt einfach die deine ist.

Und jetzt hörst du so klar wie im Vortrag des Evangeliums im Gottesdienst die Worte Jesu, die auch dich meinen: „Ihr seid das Salz der Erde!“ oder „Ihr seid das Licht der Welt!“

Die leichteste Alternative ist die unentschiedene: Jesus meint die anderen, er kennt mich ja nicht, gottseidank! Ich höre ihm zu, lasse Seine Worte durch mich durch, sie tun ja nicht weh. Aber „Licht der Welt“? Ich wüsste nicht, wer das sein sollte, wenn ich mich hier so umschaue. Ich sicher nicht. Da gibt es bessere.

Oder Jesu Wort trifft den Selbstoptimirenden in dir: Im ersten Moment könnte es passieren, dass da eine innere Stimme jubelt: „Ja, endlich erkennt es einer!“ Aber unmittelbar danach folgt ein “Und was muss ich (noch/jetzt) tun, damit mein (!) Licht vor allem im Haus leuchtet?“ Länger, heller wärmer muss mein Licht werden. Schließlich wird es dir ziemlich mulmig, wenn du Jesu Ergänzung hörst: „Man stellt auch nicht eine Leuchte an und stellt sie unter einen Scheffel, sondern auf den Leuchter, dann leuchtet sie allen im Haus“ (Mt 5,15). Wie gesagt: Die Selbstoptimierung hat kein Maß. Wann ist es genug? Was geschieht mit dir, wenn ein anderer einen „helleren Kopf“ hat?

Und schließlich hört der Selbstkulivierende in dir Jesu Worte am Berg. Muße und Wiederholung sind tragende Säulen dieser Lebensform. In der Meditation, im Gebet kannst du dir dieses Wort sagen lassen: „Du bist das Licht der Welt!“ Du kannst dir deine „Welt“ abstecken, wie die Goldgräber und die Rancher in den alten Karl-May-Romanen ihre Claims und Weiden abgesteckt haben. Diese deine Welt ist der erste Ort, an dem du „Licht“ und Salz sein kannst. Du kannst sie jederzeit öffnen, nicht, um mehr Licht oder für mehr Licht zu sein, sondern um auch dort Licht zu sein. Der Impuls dazu kommt aus dir, von innen, nicht von außen!

Nicht die Menge, das Übermaß, sondern die Qualität: „So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen“ (Mt 5,16). Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob Jesus sagt: „Ihr seid das Licht der Welt!“ oder ob du meinst, du müsstest dich zum Licht der Welt machen.

Soviel für heute, und für diese Woche.

Köln, 06.02.2026
Harald Klein

[1] vgl. Kops, Krisha (2023): Selbstoptimierung: Das vermessene Ich [online] https://ethik-heute.org/selbstoptimierung-das-vermessene-ich/[06.02.2026]