6. Sonntag im Jahreskreis:
Disziplin – Klarheit in den Dingen, die du tust

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Martin Seel: 111 Tugenden, 111 Laster

Es ist einfach nur wohltuend, ein philosophisches Buch zur Ethik zu lesen, das schon im Untertitel zeigt, wo es lang geht. Der Titel des 2012 in 3. Auflage in Frankfurt erschienenen Buches lautet „111 Tugenden. 111 Laster. Eine philosophische Revue“. Und wenn du jetzt glaubst, sein Autor, der Frankfurter Philosoph und Hochschullehrer Martin Seel, würde zuerst 111 Tugenden beschreiben und dann 111 Laster danebenstellen, hast du dich gehörig geschnitten. Martin Seel beschreibt in absolut klarer, in lesenswerter und witziger Sprache 111 Tugenden und zeigt dabei auf, wann und wie sie sich zu Lastern wandeln. In der Buß- und der Osterzeit mehr dazu, da möchte ich jedem Sonntagsevangelium genau eine Tugend samt dem ihr entspringenden oder zumindest verwandten Laster diesem Evangelium zuordnen.

» Das Humane ist dem Menschen nicht gegeben, sondern aufgegeben. «
Schulz von Thun, Friedemann (2021) Erfülltes Leben. Ein kleine Modell für eine große Idee, München, 157.

Radikalisierte Disziplin: „Ihr habt gehört… – nun gehorcht!“

Für dieses Vorhaben braucht es Disziplin. Auch eine Tugend. Ich hätte gerne einen Vorgeschmack auf den Aschermittwoch und auf die Zeit bis Pfingstmontag gegeben. Aber: Im Buch von Martin Seel mit den 111 Tugenden taucht die Disziplin nicht auf. Ist Disziplin als Tugend „out“? Erinnert der Begriff zu sehr an den Kadavergehorsam des III. Reiches? Als Bernhard Bueb, 30 Jahre lang Leiter der Schule in Schloss Salem, 2006 sein „Lob der Disziplin“ veröffentlichte, erntete er heftige Kritik – gilt das noch in Seels „Revue“ der Tugenden und Laster?

Im heutigen Teil aus der Bergpredigt hörst du einen Jesus, der Disziplin nicht nur einfordert, sondern in einen ganz neuen Rahmen stellt. Achtmal kommt das wohlbekannte „Ihr habt gehört…“ vor, und es wird übertroffen von dem „Ich aber sage euch“. Jesus verweist die Menge und jeden einzelnen in der Menge auf die Worte des Moses und dessen Gesetzt: „Ihr habt gehört…“. Bis auf den heutigen Tag ist im jüdischen Glauben eine Disziplin im Gehorsam auf die Gebote gegeben. Jüdische Identität drückt sich im Halten der mosaischen Ge-und Verbote aus. Das ist die Glaubensdisziplin im Sinne des Moses. Disziplin wird radikalisiert: derjenige erweist sich als gläubiger Jude, der die Gebote Gottes, von Mose überliefert, hält, und die Erläuterungen befolgt, die über Jahrhunderte zu diesen Geboten gegeben wurden.

» ‘Will ich so leben, wie ich lebe?‘ – Ich möchte drei Dimensionen der Selbstfindung unterscheiden: (1) Wie ich mich vorfinde (2) Wie ich mich finde (3) Wie ich mich erfinde. «
Schulz von Thun, Friedemann (2021) Erfülltes Leben. Ein kleine Modell für eine große Idee, München, 177.

Disziplinierte Radikalität: „Ich aber sage euch… – Klarheit in den Dingen, die du tust!“

Dem setzt – vielleicht frech, vielleicht aus seinem Selbstverständnis – Jesus sein „Ich aber sage euch…“ entgegen. Das vielleicht bekannteste Beispiel steht in Mt 5,27f: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.“

Im Nachspüren bei diesem und bei den anderen „Ich aber sage euch“-Sätzen Jesu gehen mir drei Dinge auf:

Zum einen: Man könnte meinen, Jesus setzt noch einen drauf! Die von Mose geforderte radikalisierte Disziplin  wird noch enger ausgelegt – es ist bereits Ehebruch (zumindest im Herzen), eine andere Frau anzusehen, um sie zu begehren. Ich kann und will mir nicht vorstellen und dir nicht zumuten, dass Jesus mit solcher Verengung uns die Luft zum Atmen nehmen möchte!

Zum zweiten: Jesus dreht den Spieß um. Das mosaische „Du sollst nicht die Ehe brechen“ lässt er stehen. Aber: es geht ihm nicht mehr um die Frau, nicht um dein Gegenüber; es geht ihm um dich! Hast du klar, wohin dein Blick geht? Wohin er dich bringt? Gibt es für dich eine „Ordnung der Blicke“, die dir die Welt öffnet und nicht eng macht? Hast du klar, wohin du schauen und wohin du deinen Blick besser nicht richten solltest – weil du weißt, was an Ordnung bzw. an Unordnung daraus folgt?

Zum dritten: Das ist Übung und Einübung, das ist Abwägen und Entscheiden. Und das, genau das ist Disziplin. Ein Kollege von mir hat vor mehr als 20 gern gesagt: „Disziplin ist Klarheit in den Dingen, die man tut.“ Es geht in diesen Sätzen Jesu in der Bergpredigt um eine disziplinierte Radikalität: Wo schaust du hin, wo schaust du weg? Willst du das? Was heißt das für den, für die, für das, was du in den Blick nimmst oder eben übersiehst? Hast du dich hier (und anderswo) deine Klarheit  gesucht und hoffentlich gefunden? Oder braucht es mehr bzw. andere Übung und Einübung, mehr bzw. anderes Abwägen und Entscheiden?

» Man kann aufhören darauf aus zu sein, von jedem und allen gleichermaßen geachtet zu werden. Man kann begreifen, dass von den vielen geschätzt zu werden gar nicht immer so ehrenhaft ist. Man kann anfangen, seine Ehre darin zu sehen, nicht so viel Aufhebens um die eigene Ehre zu machen. Man kann seinen Stolz darin finden, gerade nicht so aufzutreten, wie es einer Mehrheit als schicklich gilt. «
Seel, Martin (2012): 111 Tugenden. 111 Laster. Eine philosophische Revue, 3. Aufl., Frankfurt/Main, 103.

Disziplin – keine 112 Tugend

Und so wird zumindest mir und vielleicht auch Dir klar, dass Martin Seel gar keiner 112. Tugend, nämlich die Disziplin, in seiner philosophischen Revue einen Auftritt gewähren konnte. Radikalisierte Disziplin meint Fremdsteuerung. Disziplinierte Radikalität meint Selbststeuerung. Sie schaut auf deine eigenen Tugenden und Laster und befragt sie, ob sie der Klarheit in den Dingen, die man tut, dienen (Tugenden) bzw. schaden (Laster). Und dabei klärt sich, wo die Tugend zu einem Laster wird bzw. was im Laster an Tugendkraft zu finden ist.

So viel für heute, und für die Tage bis Aschermittwoch.

Köln, 11.02.2026
Harald Klein