8. Sonntag im Jahreskreis – In der Schule Jesu

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„In jener Zeit…“ – „es war einmal“?

Da liegen halt immer acht Tage zwischen dem letzten und dem heutigen Sonntagsevangelium. Um das abzumildern und aufzufangen, beginnt das Evangelium heute (mal wieder) mit „In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern…“ – und es geht genau da weiter, wo es am letzten Sonntag endete. Die Woche davor – das gleiche Spiel, und vor zwei Wochen, da begann die Feldrede (das Gegenstück des Lukas zur Bergpredigt des Matthäus, Sie wissen schon). All diese nennen wir es einmal sprachlichen Zuwendungen Jesu zu den Menschen mit „er sagte“ einzuleiten, tut schon weh. Mich erinnert es an das „Es war einmal…“ der Märchen. Eine Rede, die über drei Sonntage verteilt ist, möchte ich lieber mit „Jesus lehrte“ beginnen lassen, ich glaube, das trifft es eher. Allemal sind es keine bloßen Geschichten oder Erzählungen Jesu für damals, sondern Impulse, die auch heute noch ins Leben aufgenommen werden wollen. In der Definitionswut der Moderne müsste man vom „informellen Lernen“ im menschlichen Miteinander reden, es sei denn, man würde in Jesus auch den Lehrenden sehen und betonen, dass man in dessen „Schule“ geht, um in einer Weise des „formellen Lernen“ sich von ihm in so etwas wie eine christliche Lebenskunst locken zu lassen.

An zwei Sätzen aus der (Lehr-) Rede Jesu im heutigen Evangelium möchte ich gerne aufzeigen, was ich damit meine. Beide sind über die Grenzen des Christlichen als Redewendungen zumindest sinngemäß bekannt: „Zieh zuerst den Balken aus Deinem Auge, dann kannst Du zusehen, den Splitter aus dem Auge Deines Bruders herauszuziehen“ (Lk 6,42) und „Es gibt keinen guten Baum, der schlechte Früchte bringt, noch einen schlechten Baum, der gute Früchte bringt. Jeden Baum erkennt man an seinen Früchten“ (Lk 6,43).

»Resonanz [...] bezeichnet ein wechselseitiges Antwortverhältnis, bei dem die Subjekte sich nicht nur berühren lassen, sondern ihrerseits zugleich zu berühren, das heißt handelnd Welt zu erreichen vermögen. «
Rosa, Hartmut (2016): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, 2. Aufl., Berlin, 270.

Lernen und Lehren auf der „diagonalen Resonanzsachse“

Ein Wort vorweg, das dem „in der Schule Jesu sein“ gilt. Die Resonanztheorie Hartmut Rosas beschreibt Resonanzachsen, die für eine berechtigte Hoffnung auf Resonanzerfahrung stehen. Sie können horizontal – von Mensch zu Mensch, auf Augenhöhe -, vertikal – den ganzen Menschen umfassend und umgebend – und diagonal – ausgerichtet auf eine Dingwelt – sein. Mit einem Lehrstoff innerhalb eines schulischen Rahmens in Resonanz zu kommen, rechnet Rosa zur diagonalen Resonanzachse. Es kann schiefgehen[1]: Lehrende empfinden Schülerinnen und Schüler als Bedrohung, als bloß desinteressiert, er muss ihnen den Lehrstoff aufzwingen; Schülerinnen und Schüler sind vom Thema gelangweilt, fühlen sich überfordert, es herrscht ein Klima der Antipathie den Mitschüler*innen und den Lehrenden gegenüber; beiden Seiten erscheint der Lehrstoff als Zumutung, als etwas, das nichts zu sagen weiß, nicht anspricht, der nur anödet. Rosa zeichnet neben dieses Entfremdungsdreieck ein Resonanzdreieck: Lehrende erreichen die Schülerinnen und Schüler, vermitteln Begeisterung und lassen sich auch selbst „berühren“; Schülerinnen und Schüler sind vom Thema gefesselt, fühlen sich angenommen und aufgehoben und sind offen, auch füreinander; der Lehrstoff erscheint beiden Seiten als ein Feld von bedeutungsvollen Möglichkeiten und Herausforderungen.

»Yesterday is history.
Tomorrow is a mystery.
And today? Today is a gift.
That's why we call it
the present. «
Eleanor Roosevelt (1884-1962) zugeschrieben

Jesus lehrt

Stellen Sie doch mit dem Bild von Hartmut Rosa Jesus mal ins schulische Resonanzdreieck. Dazu lassen Sie uns, um als erstes den Lehrenden zu betrachten, zurück zu Los, an den Beginn der Feldrede, an den Sonntag vor drei Wochen gehen. „In jener Zeit stieg Jesus mit den Zwölf den Berg hinab. In der Ebene blieb er mit einer großen Schar seiner Jünger stehen und viele Menschen aus ganz Judäa und Jerusalem und den Küstengebieten von Tyrus und Sidon waren gekommen. Jesus richtete seine Augen auf seine Jünger und sagte: Selig, Ihr Armen …“ (Lk 6,17.18a.20)

Ein bisschen wie die erste Stunde in der Schule. Der Lehrer, die Lehrerin kommt in die Klasse und seht in einem bunten Haufen junger Menschen von überall her. Und mit dem ersten Blick und dem ersten Wort hat Jesus sie für sich, hat sie füreinander: „Selig seid ihr!“ Man müsste es heute sicher anders sagen, aber der Wortsinn und die Intention möge doch dieselbe sein. Erinnern Sie sich an solche „Anfänge“ – seien sie gehört oder in allen möglichen Zusammenhängen ausgesprochen. Oft genug ist Kirche eher „alttestamentlich“ und von Mose auf dem Berg geprägt: Anstelle des „Selig…“ kommt das „Du sollst…“, oft auch als „Du sollst nicht…“ verkleidet. Man mag da neben dem „OutinChurch“ beinahe ein „OutofChurch“ herbeiwünschen: Mit solchen Du-sollst-(nicht)-Worten trat der Lehrer Jesus nicht auf, zumindest nicht, um Menschen zu gewinnen, um in Resonanz mit ihnen zu treten.

Dann geht der Blick als zweites auf die, die in die Schule Jesu gehen – das sind sicher die, die bei den hohen Austrittszahlen sitzen geblieben sind, aber auch eine Menge, die der Schule, nicht aber dem Lehrer Jesus den Rücken gekehrt haben. Es ist nicht das Schulgebäude, die Bilder, die Beleuchtung, der Geruch – wenn nicht schulischnach nassen, alten Schwämmen und schmierige Kreide, so doch kirchlich nach Kerzenwachs und an den Wänden hängendem Weihrauch oder was Ihnen noch so in die Nase kommt – was die Menschen da auf dem Feld in Jesu Schule suchten. Sicher kein Zufall, dass Lukas das Bergland Judäa mit Jerusalem, aber auch die Küstenstädte Tyrus und Sidon nennt. Ins „Deutsche übersetzt“: das waren Menschen aus Kiel und Bremerhaven, aus Pirna und aus Ruhpolding; und in das Leben der Großstädte übersetzt – setzen Sie doch die Nationalitäten und die Vielfalt der Hautfarben samt den zugehörigen Kulturen ein. Es ist das „Selig“ der Lehrenden, die das „Selig“ der Menschen untereinander und zueinander provoziert – „hervorruft“ heißt das aus dem Lateinischen übersetzt. Wenn ich mit jedem, mit jeder von Euch kann und Interesse an Euch, Respekt Euch gegenüber zeige, dann könnt Ihr das auch! So geht’s! Wer so auftritt, wer sich so den andern gegenüber präsentiert (auch im Sinne von „Präsent“ – Geschenk), tagtäglich präsentiert, wo auch immer, dem/der nimmt man ab, was er/sie sagt. Dieser Mensch ist tatsächlich ein Geschenk für alle anderen.

Bleibt das Dritte, der Lehrstoff. Hier fasziniert mich das, was ich in den drei Jesus-Büchern von Papst Benedikt XVI. immer wieder gelesen habe: Die Analogie zwischen Jesus und Moses. Ich stelle mir Mose am Sinai vor, wie er den Israeliten die Gesetzestafeln entgegenhält und ihnen das „Du sollst“ bzw. das „Du sollst nicht“ einbläut – keine gute Basis für frohmachende Resonanz, zumindest für uns Heutige, würde ich behaupten. Demgegenüber betont Jesus nicht nur das, was ich soll/nicht soll, sondern er nimmt ich in das Verhältnis zu den anderen hinein, das auch sein Verhältnis zu ihnen ist. Sie erinnern sich an die beiden Sätze aus dem heutigen Evangelium, die ich weiter oben schon nannte: „Zieh zuerst den Balken aus Deinem Auge, dann kannst Du zusehen, den Splitter aus dem Auge Deines Bruders herauszuziehen“ (Lk 6,42) und „Es gibt keinen guten Baum, der schlechte Früchte bringt, noch einen schlechten Baum, der gute Früchte bringt. Jeden Baum erkennt man an seinen Früchten“ (Lk 6,43). Die Tatsache, dass es den Splitter in meinem Auge und manche faule Frucht in meinem Leben gibt, macht es wirklich einfachere, den Menschen neben mir als Bruder oder Schwester anzunehmen. Und macht es (und mich) menschlicher.

» Das Leben aber gelingt [...] nicht per se dann, wenn wir reich an Optionen und Ressourcen sind, sondern, so banal, ja tautologisch dies zunächst klingen mag: wenn wir es lieben. Wenn wir eine geradezu libidinöse Bindung an es haben. Es, das sind dabei die Menschen, die Räume, die Aufgaben, die Ideen, die Dinge und Werkzeuge, die uns begegnen und mit denen wir es zu tun haben. «
Rosa, Hartmut (2016): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, 2. Aufl., Berlin, 24.

Aufbruch ins Feld

Wenn wir Sozialarbeiter*innen vom „Feld“ reden, Feldexperimente (im Gegensatz zu Laborexperimenten) machen, dann heißt das: Hinaus gehen! Ab ins „Feld!“ Darum geht es! Am Mittwoch beginnt mit dem Aschermittwoch die Fastenzeit mit einer eigenen „Leseordnung“ – und die Feldrede wäre auch nach wenigen Versen mit dem Mann, der sein Haus auf Felsen statt auf Sand baut, beendet.

Die Fastenzeit wäre gut gefüllt, wenn es gelänge, in Resonanz zu kommen, mit mir selbst, mit anderen Menschen in der Familie und im Freundeskreis, aber auch politischen Themen  – auf horizontaler Resonanzachsen – mit Gegenständen, Lehrstoffen, Fragen des Konsums und der Lebensführung – auf diagonalen Resonanzachsen – aber auch in Begegnungen mit Religion und Spiritualität, Kunst, Natur und Geschichte auf vertikalen Resonanzachsen. Das Gefühl im Miteinander zu haben, dass ein innerer Draht vibriert zwischen mir und dem bzw. all denen, die mir begegnen, so, dass es nach außen wirkt. Darum könnte es gehen beim „Kehre um und glaube an das Evangelium“, jedenfalls dann, wenn Jesus der Lehrer ist.

Amen.

Köln 25.02.2022
Harald Klein

[1] Vgl. dazu Rosa, Hartmut (2016): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin, 402-420..