Verw:ortet im April 2022: Kichimi, Ichiro / Koga, Fumitake (2019): Du musst nicht von allen gemocht werden. Vom Mut, sich nicht zu verbiegen, Reinbek (Erster Teil)

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Eine Psychologie der Anwendung neben einer Psychologie des Besitzes

Am Ende der lit.cologne ist dieses Buch zweier japanischer Autoren so etwas wie eine literarische Fortsetzung des Festivals. Kichimi, 1950 geboren, studierte klassische westliche Philosophie mit dem Schwerpunkt auf Platon. Sein zweites Interesse galt der sog. Individualphilosophie Alfred Adlers. Koga, 1973 geboren, ist Autor mehrere Sachbücher. Sein Interesse an Alfred Adlers Philosophie – oder ist es eher eine Psychologie? – führte ihn zu Kichimi. In ihren Gesprächen machte sich Koga einige Notizen, die schließlich zum Inhalt des Buches führten.

Unterteilt ist das Buch in fünf Abende, zur Lektüre angeboten werden die Dialoge zwischen einem fiktiven „Jungen Mann“ und einem älteren „Philosophen“ – unschwer erkennt man die Gesprächssituation zwischen Kichmi und Koga. Die Titel der fünf „Abende“ sind „Dem Trauma begegnen“, „Alle Probleme sind zwischenmenschliche Beziehungsprobleme“, „Die Aufgaben der anderen abweisen“, „Wo der Mittelpunkt der Welt ist“ und „Bewusst im Hier und Jetzt leben.“

» Die Freud’sche Psychoanalyse ist eine Psychologie des Besitzes und mündet schließlich in den Determinismus. Die Adler’sche Psychologie andererseits ist eine Psychologie der Anwendung, und Sie sind es, der darüber entscheidet. «
Kichimi, Ichiro/Koga, Fumitake (2019): Du musst nicht von allen gemocht werden. Vom Mut, sich nicht zu verbiegen, Reinbek, 127.

Mich faszinierte (neben dem Titel und der Zusage des Buches auf dem Deckblatt) sehr schnell die Unterscheidung zwischen der „Psychologie des Besitzes“ – Freuds und Jungs „Ich“, „Überich“ und „Es“, die zum Menschen gehören und sein Verhalten quasi aus der Vergangenheit beeinflussen – und der „Psychologie der Anwendung“ – Adlers verschiedene Denk- und Handlungsangebote, die von der erwünschten, erhofften oder angestrebten Zukunft her einwirken und ihre Kraft haben.

Die Zitate sind wegen ihrer „Sprengkraft“ ausgewählt, oder weil sie wirkliche Reibungsflächen für einen mutigen Blick nach vorn darstellen. Sie sind aus Zusammenhängen im Gespräch herausgelöst und von daher oft nicht einfach verstehbar. Es genügt, wenn sie neugierig aufs Buch – und aufs Ausprobieren – machen. Im April werden Zitate aus den ersten beiden „Abende“ angeboten, im Mai folgen die Zitate der anderen drei „Abende“. Die Seitenzahlen (in Klammern nach den Zitaten auf der verw:ortet-Seite) beziehen sich auf das oben angegebene Buch.

Die Einleitung und die Zitate können hier  heruntergeladen werden.

Köln, 01.04.2022
Harald Klein