„Aus der Seuche entsteht etwas Neues.“

  • Aus der Reihe getanzt - Gedankensplitter
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Um was es geht

Nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie und noch während ihrer Auswirkungen treffen sich der Jurist Ferdinand von Schirach und der Philosoph Alexander Kluge zweimal mittels eines „Instand-Messaging-Dienstes“ zu einem Austausch über das Leben im„Trotzdem“ und als „Trotzdem“. Bereits 2017 haben die beiden großen Denker einen Dialog über die „Herzlichkeit der Vernunft“[1]über juristische und philosophische Zugänge z.B. zur Person und zum Prozess des Sokrates, über die Formen des Terrors und die Langsamkeit der Politik vorgelegt. In „Trotzdem“[2] gehen sie auf knappen 80 Seiten und in der Form der Mitschrift zweier Gespräche der Frage nach, was die Corona-Pandemie und der politische bzw. rechtliche Umgang mit ihr für die Ordnung der Gesellschaft und für die bürgerliche Freiheit bedeutet.

Einen Gedankensplitter möchte ich hier weitergeben, einen, der im Blick auf Corona – auch einige Jahre später – im wahrsten Sinen des Wortes – „aus der Reihe tanzt.“ Schirach zieht eine Parallele der Corona-Pandemie zur Pest des 14. Jahrhunderts in Italien und zum „Decamerone“ des Boccaccio:

Wie aus der „Seuche“ etwas Neues entstehen kann

Schirach erinnert im Gespräch an Boccaccio und den Rahmen seines Decamerone (entstanden zwischen 1348-1353): Während der Pest ziehen sieben Frauen und drei Männer in ein Landhaus in Fiesole und schützen sich so vor der Ansteckung der Pest. „Sie bleiben 14 Tage. Dort ist es ‚viel erfreulicher als der Anblick der kahlen Mauern in unserer Stadt‘. An zehn Tagen erzählen sie sich Geschichten über die Liebe. Es sind 100 kleine, hinreißende, manchmal erotische Novellen. Sie haben Recht, lieber Herr Kluge, Literatur ist keine Macht, aber so kann sie zum Trost werden.“
Kluge: „Aus der Seuche entsteht etwas Neues.“[3]

Mich beschäftigt die Frage, ob Alexander Kluge Recht hat, Recht haben kann. Meine Frage ist: Kann aus der Seuche etwas Neues entstehen – und wenn ja, wie? Vielleicht so:

Ein erster Schritt: Die Seuche – vielleicht nur ein anderes Wort für „große Krise“ – wahrnehmen, in ihrer Wahrheit anerkennen und annehmen. Alles lassen, wie es war, bleiben, wo und wie ich bin, führt dann unweigerlich zu einer der vielen Arten des Todes.

Ein zweiter Schritt: Distanz schaffen! Ich kann der Seuche, der Krise nicht davonlaufen, aber ich kann Raum schaffen zwischen ihr uns mir. Das meine ich innerlich wie äußerlich. Ein Satz aus der Achtsamkeitslehre: Zwischen Reiz und Reaktion ist immer ein Raum.

Ein dritter Schritt: Innerlich wie äußerlich diesen Raum füllen mit Menschen, die mir guttun, denen ich guttue. Wenn das – zugegebenermaßen rechtlich anfragbar – verboten bleibt, kann das über Kontakt „im Netz“ geschehen; es umspannt nicht nur die Erde, es kann mich auch tragen und halten.

Ein vierter Schritt: Sei es in Realpräsenz, sei die Präsenz über Bildschirm vermittelt – jetzt gilt es zu entscheiden, was gemeinsam zu tun ist. Mit den anderen Menschen, auch mit den Stimmen in mir. Und da kommt das Decamerone des Boccaccio ins Spiel. Zehn Menschen – sieben junge Frauen und drei junge Männer – erzählen sich an zehn Tagen jeweils zehn Geschichten unterschiedlichster Art. Sie können ernst, traurig und lehrhaft sein, auch erotisch, haben menschliche Schwächen und schlaue Ideen zum Thema „Leben“. Alle haben eines gemeinsam: sie lassen die Seuche, die Krise hinter sich und schauen nach vorn, entwerfen und malen Bilder einer „Welt danach‘“.

Ein fünfter Schritt: Ferdinand von Schirach sagt, Literatur sei keine „Macht“, aber sie könne so zum „Trost“ werden – gemeint wohl für die 10 Menschen in der Villa in Fiesole im 14. Jahrhundert, aber ebenso für die, die heute diese Novellen, diese Erzählungen lesen. „Trost“ im Zusammenhang mit Literatur ist mir zu wenig. Das ist mir zu „schöngeistig“, zu „vertröstend“. Der Trost nimmt der Seuche, der Krise nicht ihre Macht, sie vermag wohl meine Standhaftigkeit zu fördern, aber nicht mein Vorwärts- und Weitergehen. „Trost“ ist nicht nichts, aber er ist nicht alles!

Ein sechster Schritt: Alexander Kluge bleibt nicht beim Trost stehen, sondern betont den „Fort-Schritt“, wenn er antwortet: „Aus der Seuche entsteht etwas Neues.“ Wenn Pläne und Hoffnungen durchkreuzt sind, muss das nicht das Ende schlechthin sein – es ist halt das Ende der Pläne und Hoffnungen. Es entsteht etwas Neues, sagt Kluge. Es entsteht! Die Frage ist, wohin du blickst. Die zehn jungen Menschen in Fiesole hätten zurückblicken können in die Zeit vor der Seuche, die jetzt vorbei ist, zu viele Menschen haben ihr Leben lassen müssen, und vieles ist dem Erdboden gleichgemacht. Sie hätten hineinblicken können in die Gegenwart der Seuche, in das Sterben ringsumher, vor dem auch sie nicht gefeit sind, selbst nicht einmal an ihrem Rückzugsort. Und sie können vorwärtsblicken, in eine Zukunft, die sie gestalten und in der sie leben wollen. Schirachs Wort „Die Literatur ist keine Macht, aber so kann sie zum Trost werden“ gibt auf einmal Richtung und Impuls zum Weitergehen an. Für manche mögen hier die biblischen Bücher und Figuren hilfreich sein, oder Lebensgeschichten spiritueller Menschen unterschiedlichster Religionen und Weltanschauungen. Ich glaube, dass der Geist, der in so vielen Arten der Literatur Trost – i.S. v. Freude und Geschmack am Leben – zu spenden vermag, auch den Mut zum Aufbruch in etwas Neues gibt. Ein beinahe „selbst verständlicher“ Satz östlicher Spiritualität lautet: „Der Mensch kommt hin, wohin er schaut“. In der „Seuche“, in der „Krise“ einen Fokus zu setzen auf die tiefe Wahrheit der guten Inhalte der großen Erzählungen, sie mit einem fassbaren und erreichbaren Ziel verbinden, und dann gut unterscheidend die Richtung, die Schritte zu wählen, die dich diesem Ziel näher bringen – das ist die Weise, wie aus der „Seuche“ eine „Suche“ wird, wie aus ihr Neues entstehen kann.

Köln, 21.08.2026
Harald Klein

[1] vgl. Schirach, Ferdinand von/Kluge, Alexander: Die Herzlichkeit der Vernunft, München, 2017.
[2] dies.: Trotzdem, München, 2020.
[3] a.a.O., 44.