Dreifaltigkeitssonntag: Seinen Friedrich Wilhelm drunter setzen

  • Predigten
  • –   
  • –   

Mal umgangssprachlich gefragt

Das vom Innsbrucker Rechtswissenschaftler Prof. Gerhard Köbler 1995 herausgebrachte Etymologische Rechtswörterbuch informiert, die „Unter-schrift“ sei eine Lehnsübersetzung zum lateinischen sub– „unter“ bzw. scribere – „schreiben“. Die Unterschrift weise den zum Zeichen der Anerkennung des Inhalts unter den Text einer Urkunde gesetzte eigenhändig geschriebenen Namen einer Person aus.[1] Sie beschließt und bekundet ein Rechtsgeschäft, dass etwas ganz Großes – wir feiern an diesem Wochenende 75 Jahre Grundgesetz -, etwas Geschäftliches – den Kauf eines Autos – oder auch etwas Privates, – z. B. die Verfügungen für Dein Lebensende – als gültig von Dir/für Dich und für die, die mit „im Boot“ sind, bezeichnen.

Umgangssprachlich sagt man schon mal schnell und flapsig, man müsse noch „seinen Friedrich Wilhelm[2] drunter setzen“ – natürlich aus dem einen Grund, damit das, was über der Unterschrift steht, eben als vom Unterschreibenden gesehen und anerkannt wird und von ihm her so behandelt werden wird. Hier könntest Du von „urkundlichen“ Handeln sprechen.

Mal umgangssprachlich gefragt: Worunter setze ich meinen, worunter setzt Du Deinen „Friedrich Wilhelm“, wenn es darum geht „urkundlich“ zu bestätigen, dass Du oder ich Christ oder Christin bist?

Und damit ist die Brücke zum „Dreifaltigkeitssonntag“ geschlagen. Letztlich ist es das Bekenntnis zum dreifaltigen Gott, das Deines „Friedrich Wilhelms“ bedarf, um Gültigkeit zu erhalten und um als geltend wahrgenommen zu werden.

» In der christlichen Dogmatik wird Jesus der Sohn Gottes genannt. Wie aber, wir sähen in ihm ein Du, das uns nie zu einem Es macht, das nie zum Zentrum einer Aktivität wird, die uns in Objekte verwandelt, sondern das bleibend etwas ist, das mit sich reden lässt und das wir anreden dürfen? «
Drewermann, Eugen (2003): Das Johannesevangelium. Bilder einer neuen Welt. Erster Teil, Düsseldorf, 68.

Das Missverständnis: Der Vater und der Sohn und der Heilige Geist

Der Maitag heute ist zu schön, um trockene Theologie zu betreiben. Aber ein Missverständnis – zumindest scheint es mir so – möchte ich aufzeigen. Jesus spricht im Matthäus-Evangelium quasi testamentarisch, es sind seine letzten Worte, mit dem letzten Vers des Evangeliums, das heute gelesen wird, endet auch das Matthäus-Evangelium. Er erscheint seinen Jüngern ein letztes Mal und sagt: „Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf Erden. Darum geht und mach alle Völker zu meinen Jüngern, tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich Euch geboten habe. Und siehe, ich bin bei Euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,18b-20).

In diesen testamentarischen Worten Jesu klingt es nach Aufzählung: Der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Der Monotheismus, der Glaube an den EINEN Gott scheint aufgehoben, und ob die „Drei“ zusammengehören und nach innen („innertrinitarisch“) zueinander verhalten oder nach außen wirken, die Spekulationen darüber füllen Buchregale und Jahrhunderte!

Du merkst schnellt: Hier redet man „über“, weniger redet man „mit“ oder „aus“. Schade!

» Alle intensiven Beziehungen unter Menschen lassen sich durch eine zentrale ‚Standpunktgemeinsamkeit‘ beschreiben. [...]. Fragt man nach Jahren, was Menschen wesentlich, jenseits aller Augenblicksschwankungen, zusammenhält, so ist es fast immer eine Gemeinsamkeit fundamentaler Werteempfindungen und (religiöser) Überzeugungen. Dazu zählt nicht, dass zwei Menschen sich in allen Fragen ‚einig‘ sind – dass sie dieselbe politische Partei wählen oder in dieselbe Kirche gehen, dass sie dieselben Hobbys hegen oder den gleichen Freizeitsport betreiben -, unverzichtbar aber ist eine gleiche Sicht auf die Menschen, bedeutsam ist eine Gleichartigkeit der Wahrnehmung menschlicher Not, entscheidend ist eine zumindest vergleichbare Bereitschaft, darauf einzugehen. ‚Am selben Strick zu ziehen‘ bildet irgendwann das wohl tiefste Glück der Verbundenheit, vorausgesetzt, an diesem ‚Strick‘ hängt menschlich Wertvolles, bewegt sich etwas, das über Sinn und Unsinn, über Gelingen und Misslingen des Lebens entscheidet. Und diese ‚Standpunktgemeinschaft‘ ist es, die der johanneische Jesus sowohl zwischen sich und seinen Jüngern als auch zwischen den Jüngern untereinander betrachtet. «
Drewermann, Eugen (2003): Das Johannesevangelium. Bilder einer neuen Welt. Zweiter Teil, Düsseldorf, 231.

Ein Lösungsversuch: Der Vater durch den Sohn im Heiligen Geist

Anstatt die Frage nach den drei „Personen“ in Gott oder „Erscheinungsformen“ Gottes zu fragen, kannst Du dieses „dreifaltige“ oder „dreieinige“ Reden über Gott als Beziehungsgeschehen deuten. Um es knapp zu sagen: „Gott Vater“ steht für ein transzendentes, jenseitiges und von menschlicher Seite nicht fassbares „Wesen“ („Etwas“ oder „Jemand“ mag ich nicht schreiben). Die tiefste Sehnsucht dieses „Wesens“ ist es, sich seinem Gegenüber (1) ganz und (2) selbstzu offenbaren, sich zu zeigen, mitzuteilen.

Im „Gott Sohn“ geschieht das in einer Weise, die wir Menschen verstehen können; er erzählt von der Selbst-Offenbarung Gottes, und er lebt sie, besser: sie lebt in ihm! Hier geht es eben nicht um ein Etwas von Gott, neben dem noch vieles andere sein könnte; in Jesus geschieht und vollzieht sich die „Selbst-Offenbarung Gottes“, darüber hat der Theologe Karl Rahner unermüdlich geschrieben.

Der gleiche „Geist“ dieses „Wesens“ Gottes ist zum Einen Gott selbst, zum Anderen in Jesus Mensch geworden und von ihm in Wort und Tat verkündet, und dieser Geist geht in Taufe und Firmung über auf die, die Taufe und Firmung empfangen – und (als Zusatzfunktion!) die ihren Friedrich Wilhelm daruntersetzen! Du kennst den schönen Satz von Angelus Silesius: „Wird Christus tausendmal / in Bethlehem geboren / und nicht in Dir, / so bist Du doch verloren.“ Diese Gottesgeburt in Dir, im Menschen – ich glaube, sie wird zu wenig ernst genommen. Kein Wunder: sie ist zwar tiefer Grund zur Freude, sie nimmt Dich aber auch in Pflicht, sofern Du „unterschrieben“ hast.

Die Unterschrift leisten, meinen „Friedrich Wilhelm daruntersetzen: Ich glaube fest daran, dass die sog. Dreifaltigkeit nicht nur etwas ist, was als Beziehung von Gottes Seite durch Jesus voll und ganz gezeigt und dann im Heiligen Geist ermöglicht wird. Ich glaube fest daran, dass es ein Antwortgeschehen braucht.

Das setzt die Suche nach dem Heiligen Geist voraus, in Dir, und dort, wo Du lebst. Eugen Drewermann spricht von einer „Standpunktgemeinschaft“, die Jesus und seine so verschiedenen Jünger hatten, und erhofft sich diese „Standortgemeinschaft auch in und für die Kirche – bestenfalls sogar von ihr initiiert. Frère Roger Schutz, der Gründer von Taizè gab denen, die Taizè besuchten, immer wieder mit auf den Weg: „Lebe das, was Du vom Evangelium verstanden hast. Und wenn es noch so wenig ist. Aber lebe es.“ [3]

» Dilige et quod vis fac.« -
» Liebe und tu, was Du willst. «
Die Spielregel Gottes!
Augustinus von Hippe: In epistulam Ioannis ad Parthos, tractatus VII, 8.

Was steht über Deinem Friedrich Wilhelm?

So bleibt die Frage, was Du – am ehesten im Geiste, vielleicht aber auch in einem persönlichen kleinen Glaubensbekenntnis als „Urkunde“ – unterschreiben magst und kannst. Ein paar Fragen können helfen:

Was vom Wesen Gottes scheint Dir durch Jesus auf? Oder vielleicht so: Was wird Dir durch Jesus von oder über Gott deutlich? Wofür möchtest Du Jesus dankbar auf die Schulter klopfen, und wegen was bzw. wofür kannst Du ihn nur unverständlich anschauen oder auch ziemlich sauer und verstimmt sein?

Dann das „Empfangt den Heiligen Geist!“ Kannst Du Deinen Friedrich Wilhelm unter die Zusage Gottes setzen, dass Gottes Wesen in Dir lebt, wirksam ist? Dass Du in der Lage bist, Gottes Liebe zur Welt zu bringen (übrigens: nichts anderes hat ja Maria getan!). Dass Du in der Lage bist, an dem Ort, wo Du lebst, das Reich Gottes wachsen und werden zu lassen, weil er in Dir lebt?

Wie gesagt: Eugen Drewermann würde Dir raten, eine „Standpunktgemeinschaft“ zu suchen, und Frère Roger Schutz würde Dir ans Herz legen, dass Du das, was Du vom Evangelium verstanden hast, lebst. Auch wenn es noch so wenig ist. Aber lebe es.

Vielleicht ist dieses Leben dessen, was Du verstanden hast, nichts anderes, als Deinen Friedrich Wilhelm darunter zu setzen. Und das quasi dreifaltig, dreieinig!

Amen.

Köln, 24.05.2024
Harald Klein

[1] vgl. [online] http://www.koeblergerhard.de/der/DERU.pdf – Art. „Unterschrift“, S. 420 [24.05.2024]

[2] Der preußische König Friedrich Wilhelm I, der von 1713-1740 regierte und u.a. die Volksschulpflicht einführte, unterzeichnete seine Dokumente immer mit beiden Vornamen, die er voll ausschrieb; vgl. [online] https://www.geo.de/geolino/redewendungen/6525-rtkl-redewendung-friedrich-wilhelm-unter-etwas-setzen [24.05.2024]

[3] vgl. [online] https://www.kirche-im-swr.de/beitraege/?id=32439 [24.05.2024]