Dritter Adventssonntag:
Was hast du sehen wollen?

  • Anstößig - Darüber lohnt es zu reden
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Die Bilder in deinem Kopf

Zwei kleine Übungen aus Psychologie-Vorlesungen, die mir noch sehr präsent sind. Ich kann es dir nur aufschreiben, wirksamer ist, es, wenn du den Satz hörst: „Professor Müller betritt die Aula“. Wenn du magst, schließe deine Augen und sage dir diesen Satz – und dann beobachte, welche Bilder dir dein Gehirn, wie von Zauberhand gemalt, anbietet. Wie sieht „Professor Müller“ aus, schau auf die Kleidung, die Bewegung, die Mimik, das Alter…

Und dann, die Realität überprüfend, stellst Du fest, dass dieser Professor Müller eine Frau Professor Müller ist, aus den Philippinen stammend, die einen älteren deutschen Akademiker vor einigen Jahren geheiratet und dessen Namen angenommen hat. Diese erste Realitätsüberprüfung erklärt dann auch, das, was du mit offenem Blick, mit offenen Augen siehst. Hier geht es um die erst einmal wertfreie Überprüfung der Bilder, die du im Vergleich zu denen im Hirn, n der Vorstellung oder auch in der Empfindung mit dir herumträgst. Letztere dienen der Einordnung der Erscheinungen – leider so, dass der Wunsch nach Einordnung oft größer ist als die objektive Realität des Wahrgenommenen bzw. des Wahrzunehmenden.

Nicht genug, dass die Bilder in deinem Gehirn an der Realität vorbeigehen können, auch den wahrgenommenen Bildern von außen, um dich herum ist nicht immer zu trauen. Die zweite kleine Übung aus den Psychologie-Vorlesungen hängt an einem kurzen Video, zu dem ich nichts weiter verraten möchte als: Schau es dir an – und verspreche dir, dass du einfach überrascht sein wirst, sofern du das Experiment noch nicht kennst.[1] Aber ab dem Moment danach ist das „Bild“ in deinem Hirn implantiert, du wirst diese „Überraschung“ ab sofort immer wieder entdecken, wenn du das Video siehst oder wenn davon erzählt wird.

» Geschichte ist die Gewissheit, die dort entsteht, wo die Unvollkommenheiten der Erinnerung auf die Unzulänglichkeiten der Dokumentation treffen. «
Barnes, Jason (2013): Vom Ende einer Geschichte, München, 25.

Den Blick weiten wollen

Jetzt das Evangelium des 3. Advent. Jesus ist erbost über die Menge, die sich über Johannes den Täufer empört. Er sei doch kein Prophet – zumindest entspricht er in der von ihnen gesehenen äußeren Realität wohl nicht dem, was sie sich unter einem „Propheten“ vorstellen; sein Ruf zur Umkehr fordere mehr und anderes, als sie zu geben bereit seien, und er nehme sie in Verantwortung – wie ein Professor oder eine Professorin, die die Suche nach Wahrheit den Studierenden anheimstellt, als ihnen „ihre akademische Wahrheit“ zu diktieren.

Darin liegt genau das Problem. Es gibt eine Unterscheidung zwischen dem, was du siehst (oder anderweitig sinnlich entdeckst), was du davon wahrnimmst und für wahr nimmst, und was die Wahrheit des für wahr Genommenen ist. Wenn „Wahrheit“ so eindeutig wäre, gäbe es keine Lüge. Es ist einer der interessantesten Sätze der Philosophie, die Heinz von Förster geprägt hat und die in diesem Wahrnehmungsproblem ihre Wurzel hat: „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners.“[2]

Dreimal stellt Jesus die Frage an die Menge: „Was habt ihr denn sehen wollen?“ – „Was habt ihr sehen wollen, als ihr hinausgegangen seid?“ „Wozu seid ihr hinausgegangen?“ Nimm die Fragen Jesu mal als Frage an dich, kurz vor der Feier der Menschwerdung Gottes: „Was willst du sehen?“ – „Was willst du sehen, wenn du aus deinen Bildern und Schablonen mal herausgehst?“ – „Wozu willst du hinausgehen aus deinen Mustern, Gewohnheiten, Ritualen, Alltäglichkeiten?“

Oder anders: Lebt in dir noch der Wunsch, dass dein Blick sich weiten darf, oder empfindest du das dann eher als eine Gefahr mit sich bringende Grenzüberschreitung? Die Juden, zu denen Jesus erbost spricht, sollten eigentlich das Gebet des Jabez kennen, dass in ihren Heiligen Schriften überliefert ist: „Segne mich und erweitere mein Gebiet“ (1 Chr 4,10). Da geht es um mehr als „nur“ um Landnahme – es verweist auf die Erweiterung des Geistes, der Blickmöglichkeiten, der wahrgenommenen Realität. Für mich ist es das Gebet der wirklich Studierenden. Die einzige Crux: du musst es von dir aus, für dich wirklich wollen.[3]

» Wie oft erzählen wir unsere eigene Lebensgeschichte? Wie oft rücken wir sie zurecht, schmücken sie aus, nehmen verstohlene Schnitte vor? Und je länger das Leben andauert, desto weniger Menschen gibt es, die unsere Darstellung infrage stellen, uns daran erinnern können, dass unser Leben nicht unser Leben ist, sondern nur die Geschichte, die wir über unser Leben erzählt haben. Anderen, aber - vor allem - uns selbst erzählt haben. «
Barnes, Jason (2013): Vom Ende einer Geschichte, München, 117.

Den Blick weiten können

Die Methode schlechthin dafür ist der Dialog, sei es der mit den anderen Menschen oder der mit dem, was durch sie und in ihnen bewirkt wird. Auch ein schöner Satz aus der Philosophie: Wirklich ist bzw. Wirklichkeit ist das, was wirkt.

Das Evangelium beginnt mit der Frage des im Gefängnis sitzenden Johannes über dessen Jünger an Jesus: „Bist du es, der kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ Jesus verweist auf das, was sie hören und sehen können, was Wirkung gezeigt hat: Blinde sehen wieder, Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium verkündet. Selig, sagt Jesus, wer an ihm keinen Anstoß nehme – wer also den Blick frei habe für ihn, befreit von den Bildern ihm Kopf und von den Urteilen anderer.

Wie du deinen Blick weiten (lassen) kannst? Höre auf die, die dir anderes sagen, statt auf die, die dich und das Deinewiederholen. Das alte Modell von These – Antithese – Synthese: deine Wahrheit“ kennen, die „Wahrheit“ der anderen hören, die eigene „Wahrheit“ dadurch zur gemeinsamen „Wahrheit“ vergrößern. „Segne mich, und erweitere mein Gebiet!“ – da liegt viel Segen, viel Gebietserweiterung in Sachen Wahrheit und im weit werden. „Segne mich und erweitere mein Gebiet“ – die fromme, die spirituelle Formulierung für die Möglichkeit des lebenslangen Lernens. Schlicht, um der Wahrheit näher zu kommen, deiner eigenen, meiner eigenen, unserer und der Wahrheit der Welt.

So viel für heute – und für diese Woche.

Köln, 13.12.2025
Harald Klein

[1] um der Überraschung willen keinen Titel – nur der Link: [online] https://www.youtube.com/watch?v=IGQmdoK_ZfY [13.12.2025]

[2] vgl. von Foerster, Heinz / Poerksen, Bernhard (2006): Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker, Heidelberg.

[3] Mein mir selbst gegebenes Versprechen für Advent und Weihnachtszeit ist ja die Auseinandersetzung mit Biografie und Theologie Dietrich Bonhoeffers. Es sei nur kurz angemerkt, dass die Biographie von Eberhard Bethge den hier beschriebenen Vorgang zwar nicht nennt, er lässt sich aber auch bei Bonhoeffer beobachten. Bonhoeffers Bild vom Leben orientiert sich weitgehend an dem Erleben seiner drei älteren Brüder. Dazu gehört zwar das Studieren, aber in einer Richtung, die noch keiner seiner Brüder eingeschlagen hat – es sei wenig an anderer Motivation für das Theologiestudium erkennbar, schreibt Bethge. Aber: das Studium muss nicht nur dort gesucht werden, wo ein „Bonhoeffer“ zu studieren beginnt, in Tübingen nämlich; nein, es muss auch die Verbindung zur „Verbindung“ eingegangen werden, zu den „Igel“, wie sich die kleine Studentenverbindung selbst bezeichnet. Am Beginn seines Erwachsenen-Daseins ist Dietrich Bonhoeffer ganz gefangen oder ganz zu Hause in den Bildern seiner Familie. Dass dann aus dem „Theologen“ ein „Christ“ und ein „Zeitgenosse“ wird, hängt absolut an der Offenheit für und an der Begegnung mit Menschen und gesellschaftlich-politisch-kirchlichen Strukturen zusammen. Durch sie konnte er den Blick weiten und wurde zu dem, den wir heute noch kennen und schätzen.