Aus dem heutigen Evangelium
Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen;
wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde,
wird niemals mehr Durst haben;
vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe,
in ihm zu einer Quelle werden,
deren Wasser ins ewige Leben fließt.
[…]
Gott ist Geist,
und alle, die ihn anbeten,
müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.
(Joh 4,14.24)
Das ganze Evangelium dieses Tages findest du hier – am Ende der Seite nach den beiden ersten Lesungen.
Ein wenig Tugend- und Lasterlehre
„In vielen Gesellschaften der Gegenwart existiert von diesen Praktiken der Würde[1] nur noch ein blasser Schatten. Zwar kennen auch sie noch Honoratioren, aber dies ist zu einem Nimbus mir sehr unscharfen Grenzen und oft zweifelhaftem Ruf geworden. Bei einer demokratisierten sozialen ehre spielt insbesondere die Herkunft eines Menschen keine Rolle mehr. Was nun allein zählt, sind Leistungen zugunsten kleinerer oder größerer Gemeinschaften . Für sie werden Ehrentitel und Verdienstkreuze aller Art verliehen. Auch die aber, deren Bürgertugenden auf diese herabgesetzte Weise öffentlich beglaubigt werden, müssen zusehen, dass sie sich ihrem Amt oder ihrer Aufgabe würdig erweisen. Sie müssend dabei oft genug selbst entscheiden, wo die Grenze zu einem Verhalten überschritten ist, das unter ihrer Würde liegt.
In einem starken Kontrast zu diesen partikularen Begriffen der Würde, seien sie älteren oder neueren Datums, steht derjenige der Menschenwürde. Sie kommt Menschen als Menschen zu: unabhängig von ihren Fähigkeiten und Verdiensten. Sie ist weder Tugend noch Laster. Sie wird allen Menschen ohne Ansehen ihres Charakters zuerkannt. Dieser Begriff der Würde benennt Grundbedingungen und Grundmöglichkeiten eines menschengerechten Lebens – eines Lebens, in dem Personen ihren spezifischen Bedürfnissen und Befähigungen gemäß ihren eigenen Vorstellungen nachgehen können. Die Wahrnehmung dieser Würde erkennt jedem Menschen den Anspruch auf ein Leben in Selbstachtung und Freiheit zu. So zu leben, macht die elementare Form – und mit ihr den elementaren Sinn – eines menschlichen Lebens aus. Sie kann auf unüberschaubar viele Weisen realisiert und verfehlt werden. Der Begriff der Menschenwürde enthält somit ein minimales Verständnis der Verfassung eines für Menschen guten Lebens.“ (97)
aus: Seel, Martin (2012): 111 Tugenden, 111 Laster. Eine philosophische Revue, 3. Aufl., Frankfurt/Main, 96f.
Vademecum durch die Fasten- und Osterzeit
Es macht einen unterschied in der richtung
ob etwas in dir herumgeistert
oder ob ein Geist dich führt und lockt
das erste geht von innen nach außen
das zweite von außen nach innen
ein durst nach leben und lebendigkeit
kann von innen nach außen gerichtet sein
und von außen nach innen geweckt werden
wenn du selbst leben schöpfst leben trinkst
und leben verschlingst
ist das anders
als wenn das leben sich dir hingibt
und sich dir schenkt
in welchem geist
hältst du dem leben deinen durst hin
welche wahrheit vermag ihn zu stillen
und welche ausrichtung deines lebens vermag das
bewahre dir die würde
nicht alles verschlingen
und dir einverleiben zu müssen
und achte gegenüber allen und allem
was dir diesen durst zu stillen vermag
diese würde
so wird dir dein bild vom guten leben erwachsen
und du gibst ihm fleisch
im geist und in der wahrheit
vielleicht wird das mehr im lassen denn im tun geschehen
– denn das ist der weg der würde –
und dann vermag das was du bist und was wir sind
nichts und niemand mehr zu nehmen
Köln, 08.03.2026
Harald Klein
[1] Um den Zusammenhang des Zitates zu erläutern; Martin Seel erinnert vor diesem Zitat an die „Würdenträgern“ in Michael Endes Romanen um Jim Knopf und Lukas den Lokomotivführe, z.B. an König Alfons den Viert-vor-Zwölften oder an den Kaiser von China und seinen Hofstaat. Hierauf beziehen sich „diese Praktiken der Würde“.