Aus dem heutigen Evangelium
Und es geschah:
Während sie redeten und ihre Gedanken austauschten,
kam Jesus selbst hinzu und ging mit ihnen. Doch ihre Augen waren gehalten,
sodass sie ihn nicht erkannten.
Jesus fragte sie: Was sind das für Dinge,
über die ihr auf eurem Weg miteinander redet?
Da blieben sie traurig stehen
und der eine von ihnen – er hieß Kléopas – antwortete ihm:
Bist du so fremd in Jerusalem,
dass du als einziger nicht weißt,
was dort in diesen Tagen geschehen ist?
Er fragte sie: Was denn?
Sie antworteten ihm: Das mit Jesus aus Nazareth.
Er war ein Prophet,
mächtig in Tat und Wort vor Gott und dem ganzen Volk.
Doch unsere Hohepriester und Führer
haben ihn zum Tod verurteilen und ans Kreuz schlagen lassen.
Wir aber hatten gehofft,
dass er der sei, der Israel erlösen werde.
(Lk 24,15-21a)
Das ganze Evangelium dieses Tages findest du hier – am Ende der Seite nach den beiden ersten Lesungen.
Ein wenig Tugend- und Lasterlehre
„„Menschliche Weisheit liegt weder jenseits der Klugheit noch der Dummheit, aber sie macht sich weder mit dieser noch mit jener gemein. Sie verhält sich begriffsstutzig, wo andere nur allzu schnell zu begreifen glauben. Sie hebt die Beschränktheit des eigenen Wissens und Wollens auf, indem sie diese erkennt und anerkennt. Sie überwindet den Widerstand gegen die Grenzen des Verstandes, indem sie den Widerstand aufgibt. Weise sind weder die, die alles durchschauen noch die, die alles gesehen haben, so viel sie auch wissen und gesehen haben mögen. Sie kennen die ungeraden Linien des Lebens, die sich nur durch andere Ungeraden begradigen lassen. Sie denken und handeln im Bewusstsein der Unwägbarkeiten des Denkens und Handelns. Dies macht sie zaudern, ob es eher ihr Denken und ihr Handeln sein soll, durch das sie anderen das Bild eines illusionslosen Wandelns auf Erden geben. Halten sie sich an das Allgemeine ihrer flackernden Einsichten, so lassen sie den Irrtümern des Strebens nach Glück, Glanz und Ruhm gleichmütig ihren Lauf. Halten sie sich an das Besondere ihres Sinns für die Nöte und Leiden ihrer Mitmenschen, so verlieren sie jene Unerschütterlichkeit, mit der sie ihre überlegene Einsicht belohnt. Auch sie entkommen der Zerrissenheit nicht.“
aus: Seel, Martin (2012): 111 Tugenden, 111 Laster. Eine philosophische Revue, Stichwort „Weisheit“, 3. Aufl., Frankfurt/Main, 64f.
Vademecum durch die Fasten- und Osterzeit
du kennst die momente
in denen wegzugehen oder wegzulaufen
die einzige option zu sein scheint
dem elend dem schmerz der enttäuschung
den rücken zukehren
den augen neue landschaft
und den füßen neuen boden
anzubieten
je weiter und je länger du dann gehst
desto fester und eindeutiger scheint das
was du hinter dir lässt
genau das genau den und genau die
und dein urteil über das den die
hast du in stein gemeißelt
festgenagelt
da beißt die maus keinen faden ab
du drehst um und gehst
du lässt all das hinter dir
denkst du
doch vorsicht
du denkst in schranken
das klingt freundlicher als
dein wissen ist
eingeschränkt oder gar beschränkt
und doch meint das alles dasselbe
allen und jedem
dem und denen du den rücken zukehrst
verlierst du deswegen nicht aus dem blick
sie bleiben präsent und
können dir jederzeit in den rücken fallen
weiser ist ein abstand
und dann die umkehr
weggehen und weglaufen
ist nicht die einzige option
wenn es denn überhaupt eine ist
umkehren und zuwenden
steht als zweite option daneben
das wissen ist beschränkt
wenn es nur die option des weggehens kennt
sie kommt der hoffnung gleich
die sich nicht erfüllt
das wissen lehrt weise
den widerstand gegen etwas und jemand
aufzugeben und abzugeben
an die optionen die noch da sind
und an die vielleicht sogar an die
die mit dir gehen
mein wissen dein wissen
ist beschränkt und zerrissen
aber wir können uns dazu verhalten
ohne weggehen oder weglaufen zu müssen
nicht den augen neue landschaften versprechen
sondern die alten landschaften neu sehen
nicht den neuen boden unter die füße nehmen
sondern den alten neu kultivieren
Köln, 17.04.2026
Harald Klein