„Du hast das Recht, dich zu begeistern“

  • Aus der Reihe getanzt - Gedankensplitter
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Um was es geht

Im Mai 2026 habe ich unter der Rubrik „verw:ortet“ im Mai 2026 eine kleine Einführung zu einem Buch des deutsch-kanadischen Schriftsteller und geistlichen Lehrers Ulrich Schaffer (*1942) geschrieben. Dieser Einführung sind einige Zitate aus den „Grundrechten“ angehängt.

Schaffers 1988 in erster Auflage erschienenes Büchlein „Grundrechte. Ein Manifest“ weist heute, in der 5. Auflage 88 “Grundrechte“ aus, die einzufordern Recht eines jeden Menschen ist, und die ihm oder ihr helfen, innerlich zu reifen und zu wachsen. Das geht, so zeigen Schaffers Texte, nicht ohne Konflikte oder Reibung, manchmal auch nicht ohne Trennung. Schaffer schreibt Mut zu, um der eigenen Persönlichkeit willen diesen Weg trotzdem zu gehen – um so zu einem „erwachsenen Einzelnen“ zu werden, der in der Lage ist, Gemeinschaft aufzubauen.

Von Mai 2026 bis April 2027 möchte ich am Herz-Jesu-Freitag – dem 1.Freitag eines Monats – jeweils eines der Grundrechte von Ulrich Schaffer. In der Herz-Jesu-Frömmigkeit geht es um die durch das durchbohrte Herz Jesu am Kreuz symbolisierte Liebe Gottes zu den Menschen. Ich bin überzeugt: Wenn ich glaube, dass Gott selbst in mir Wohnung genommen hat, dann ist die Hinwendung zu seiner Liebe immer auch Hinwendung zur Liebe, zur Reifung, zum Wachstum meiner selbst. Dafür mögen diese Texte stehen.

Köln, 01.05.2026
Harald Klein

» Die Konservativen konservieren, was war.
Ihr Leben besteht aus einer Reihe von Einmachgläsern,
aus denen sie leben.
Frisches Gemüse schmeckt ihnen nicht.
Du hast ein Recht, zu fliegen, abzuheben,
die neuen Länder deines Inneren zu besuchen. «
Schaffer, Ulrich (2022): Grundrechte. Ein Manifest. Vollständige überarbeitete und aktualisierte Neuausgabe, Freiburg, 101.

Du hast das Recht, dich zu begeistern

Die Leblosen predigen eine ängstliche Sanftmut,
weil sie keine Leidenschaftlichkeit kennen.
Du hast ein Recht auf deine Lebendigkeit.

Die Halbherzigen reden viel von Vorsicht und Maßen,
weil sie die Wucht ihres Herzens fürchten.
Ihre Ratschläge sind die 50%igen Lösungen,
mit denen man nicht leben und nicht sterben kann.
Die Ängstlichen  preisen Vorsicht an.
Sie haben keinen Mut z ihrem Mut
und bezweifeln den Mut anderer.
Du hast ein Recht, dich von deinem Mut
durcheinanderwirbeln zu lassen. Auch das bist du.

Die vordergründig Ausgeglichenen
belächeln die Begeisterte.
Sie haben ihre Ausgeglichenheit mit Begeisterung bezahlt.
Ihnen fehlt der Geist, der alles belebt.
Du hast ein Recht, die Seele deiner Seele
und den Geist deines Geistes zu spüren
und sprechen zu lassen.

Die Unentschiedenen rühmen die Differenziertheit,
weil sie so nicht einstehen müssen für das, was sie glauben.
Du hast ein Recht auf deine Entscheidungen
mitsamt den Fehlern.

Die Unfreien warnen vor der Freiheit,
weil sie die Sicherheit des Bekannten vorziehen,
um jedem Risiko zu entgehen.
Sie bewegen sich in Wiederholungen, die sie leblos machen.

Die Schlafwandler sehen Wachheit als Überheblichkeit.
Über alles schätzen sie Ruhe,
die immer mehr der Ruhe eines Friedhofs ähnelt.
Du hast ein Recht, wach zu sein und alles zu merken.

Die Konservativen konservieren, was war.
Ihr Leben besteht aus einer Reihe von Einmachgläsern,
aus denen sie leben.
Frisches Gemüse schmeckt ihnen nicht.
Du hast ein Recht, zu fliegen, abzuheben,
die neuen Länder deines Inneren zu besuchen.

Es gibt die, die festgelegt haben, was Frömmigkeit ist.
Sie haben eine Unlebendigkeit daraus gemacht,
die wie der Tod von ihnen ausgeht.
Du hast ein Recht auf eine lebendige Spiritualität,
mit der du dich für das Leben begeisterst
und mit der es dir zunehmend besser gelingt,
alles mit allem zu verbinden.
Du bist reich an Unfassbarem.

Du spürst mehr denn je, dass du Geist bist
und deine Echtheit sich
in der Begeisterung für das Leben ausdrückt.
Manchmal verhindert die Dunkelheit der Welt
diese Begeisterung und dann kämpfst du wieder neu
um diese Wirklichkeit, weil du darin mehr du bist
als in allem anderen.

Aus: Schaffer, Ulrich (2022): Grundrechte. Ein Manifest. Freiburg, 101.