Ein tragender Grund – ein mutiges Herz – ein freudiger Blick (nach Lorenz Marti)

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Begrüßung zum Gebet

Es ist derselbe Tag, es ist derselbe Ort, es ist beinahe dieselbe Zeit wie vor 25 Jahren. Das Gebet hier in der Kapelle von Moritzburg, in der sich Claudia und Matthias von 25 Jahren getraut haben – und nicht nur sie! – ist der Ort, wo die Feier der Silberhochzeit der beiden einen offiziellen Anfang nimmt.

Zeiten ändern sich. Damals haben wir in einem Gottesdienst und in einem vorgegebenen, festen Ritus die Trauung gefeiert – solche Anfänge sind oft von außen bestimmt. Aber wenn etwas wächst und groß, wenn jemand oder wenn zwei erwachsen, mündig und reif werden, wenn man sich von den Anfängen entfernt, feiert man nach wie vor die Gemeinschaft untereinander, die Gemeinschaft über die Familie hinaus, die Gemeinschaft mit Gott – aber in der Weise, wie sie jetzt stimmig ist. So in etwa ist dieses gemeinsame Gebet und sein Ablauf entstanden.

Stimmig sind die Worte am Ende der Strophen des ersten Liedes, das wir jetzt singen, sie bezeichnen die Weise, die Claudia und Matthias sich ausgesucht haben für dieses Gebet, für diese Feier. Da heißt es „Komm herein“ – gemeint ist jeder und jede von uns; da heißt es „tu deine Sinne, deine Seele auf“ – auch das gilt jedem und jeder von uns, jetzt, an diesem Tag, mit und für die beiden; und da heißt es: „denn dein Leben ist so reich, achte darauf.“ Davon werden Matthias und Claudia gleich erzählen, und letztlich geht es auch ohne Worte, wenn wir uns um- und wenn wir uns ehrlich anschauen.

„Komm herein“ – lasst uns dieses Lied singen.

Ansprache zu den Texten von Lorenz Marti

Sechs kleine Texte, der längste hat fünf, zwei haben vier, zwei haben drei und einer hat zwei Zeilen. Und doch ist der Text so dicht, dass Ihr vermutlich noch ein oder zwei, max. drei Sätze davon habt behalten können. Nicht, weil sie „links rein und rechts wieder raus“ gehen, sondern weil sie so gefüllt mit Leben, mit Sinn, mit Impulsen zum Nach- oder Weiterdenken sind.

Claudia und Matthias haben mir gesagt, ich solle die Ansprache halten, aber kurz! Naja, da gebe ich mein Bestes – in drei Sätzen aus diesen sechs kleinen Texten.

Der erste: „Ich verlasse mich auf einen tragenden Grund, ohne ihn zu kennen.“ Marti spricht von Gott – ich spreche von einem Silberpaar. Das gilt für den Hochzeitstag, das gilt für das Eingehen von Freundschaft über Jahre hinweg, das gilt für jedes Miteinander, das sich einen Anfang sucht: Ich verlasse mich auf einen tragenden Grund, ohne ihn – gemeint ist der Grund – zu kennen. Beim Menschen, beim Gegenüber ist das auch so: Ich kenne ihn oder sie nur ein kleines Stück; der eine weiß nicht, wie der/die andere sich entwickelt, man verspricht sich aber gegenseitig die Bereitschaft, den anderen bzw. die andere in diesen Entwicklungen zu begleiten – das nennt man Treue. Und immer vertraut der eine darauf, dass der oder die andere ihn „trägt“ – nicht nur auf den Armen aus der Kirche oder über die Türschwelle in die Wohnung, sondern durch das Leben hindurch, in Höhen und Tiefen. Der andere, die andere ist für mich „tragender Grund“ meines Jas zum Leben. Das steckt hinter dem „Ich nehme dich an als meinen Mann, als meine Frau“, dass zwei sich einander tragen, manchmal auch ertragen, dass sie einander tragender Grund zu Leben sind. Das gilt für jede Form der Beziehung untereinander, aber in der Ehe spricht man diesem „tragender Grund sein“ eine spirituelle Bedeutung zu – sie spiegelt einen Gott, der tragender Grund für uns Menschen ist.

Der zweite: „Ich finde es nur vernünftig, ein grundsätzliches Ja zur Existenz zu wagen, auch wenn dieses Ja mit der Vernunft allein nicht zu begründen ist. Da braucht es noch etwas anderes: ein mutiges Herz.“ Der Satz ist schnell abgehandelt. Man könnte meinen Lorenz Marti, ein Schweizer, habe Matthias und Claudia gekannt. Da sind doch völlig ersichtlich „Vernunft“ und „mutiges Herz“ zusammengekommen und schlagen sich tapfer seit 25 Jahren durchs Leben. Beide kennen „Vernunft“ und „Herz“, aber die Anteile sind bei beiden doch unterschiedlich stark wirksam. Ich sage mal etwas Gewagtes: Die Vernunft mag Garant sein für Existenz und alles, was damit zusammenhängt. Das mutige Herz ist es, was aus der Existenz Leben macht. Und wenn beides zusammenkommt, blüht und erwächst Leben in Bahnen, die förderlich für alles Leben und für alles Lebendige sind. Dass wir, die hier sitzen, auf diesen Bahnen mit Euch unterwegs sein dürfen, dafür sage ich Euch beiden, Claudia und Matthias, im Namen aller hier Danke!

Der dritte: Das Wagnis eines freundlichen Blickes. Zugegeben, der freundliche Blick mag bei jedem anders aussehen, und manche Menschen lächeln eher nach innen. Der freundliche Blick, den Lorenz Marti meint, hat mit dem Glamour-Lächeln der Stars und Sternchen nichts zu tun. Es geht ihm um den Blick, unter dem „sich einiges öffnet, bewegt und zum Guten wandelt.“ Und da mag dieser Tag eine gute Gelegenheit für Euch und für uns, Eure Gäste sein, dem freundlichen Blick in der Familie Ermel – ich nehme die Kinder ausdrücklich mit hinein – nachzuspüren, durch den sich für sicher manchen oder manche von uns einiges geöffnet, bewegt und zum Guten gewandelt hat.

Füreinander tragender Grund sein, Vernunft und ein mutiges Herz zusammenbringen, der freundliche Blick füreinander – das waren meine drei Sätze, und kürzer ging es leider nicht.

Zum Ritus des geteilten Brotes

Der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff erzählt, sein Vater sei durch einen Herzschlag gestorben, während er auf der Veranda eine selbstgedrehte Zigarette rauchte. Den Zigarettenstummel habe seine Familie gut aufbewahrt, er ist ihnen heilig, weil er das letzte Erinnerungsstück an den noch lebenden Vater ist. Leonardo Boff spricht vom „Sakrament des Zigarettenstummels“.

Claudia und Matthias möchten uns ein ähnliches „Sakrament“ mitgeben, etwas, was alltäglich ist und doch über sich hinausweist. Sie teilen ein Brot – möge es den Hunger nach einem tragenden Grund stillen; möge es uns mutig machen und freundlich. Die beiden teilen von ihrem Brot und geben es uns – das Brot verbindet uns mit ihnen und untereinander.

Wir singen, während die beiden das Brot brechen, das Lied „Herr, du sättigst uns mit Leben“. Claudia und Matthias werden dann durch den Mittegang gehen und von hinten dann an den Außengängen das Brot verteilen. Wenn alle etwas haben, werden wir gemeinsam dieses Brot genießen und mit ihm all das in uns aufnehmen, für was dieses Brot steht.

Glaubensbekenntnis nach Bonhoeffer

Ich glaube,
dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.
Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will,
wie wir brauchen.
Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst,
sondern allein auf ihn verlassen.
In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.
Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind,
und dass es Gott nicht schwerer ist,
mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.
Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Schicksal ist, sondern dass er auf
aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.


Dietrich Bonhoeffer, Einige Glaubenssätze über das Walten Gottes in der Geschichte,
in: Widerstand und Ergebung, Prolog

Segensgebet am Ende

Wir wollen bitten um einen tragenden Grund, der das Leben lebens- und liebenswert macht. Und darum, uns gegenseitig immer wieder dieser tragende Grund zu sein, seien wir es als Eheleute, als Familie, als Partnerinnen und Partner, als Freundinnen und Freunde.

Wir wollen bitten um ein mutiges Herz, da, wo wir sind, dort wo wir stehen, dann, wenn wir fallen. Und darum, einander immer wieder zum Leben zu ermutigen.

Wir wollen bitten um einen freundlichen Blick, den andere uns schenken. Und darum, selbst einen solchen Blick wachsen zu lassen, damit sich Leben öffnen, sich bewegt und sich zum Guten wendet.

Köln 21.05.2022
Harald Klein