Gott lässt sich im Großen erahnen…
Vor zwei Tagen habe ich dir vom Fernglas erzählt, und von der Fähigkeit der Optik, die durch das Glas beobachteten Gegenstände und Menschen zu vergrößern, aber auch, wenn du das Glas herumdrehst, zu verkleinern.
Genau da möchte ich noch einmal ansetzen, heute, am Fest der Erscheinung des Herrn, am Dreikönigstag – eigentlich sind es ja vier bzw. fünf Könige, zählst du Heroldes und Jesus mit. Oder nur zwei, sind doch die „Heiligen drei Könige“ im Neuen Testament als „Sterndeuter“, im griechischen Text als „Magier“ vorgestellt.
Sie haben „im Osten“ einen Stern aufgehen sehen, und es ist ihnen ein Licht aufgegangen[1], als sie in Bethlehem angekommen sind.
Ich fange mit dem Stern an. Da laut Wikipedia die Technik der Fernrohre erst um 1608 vom niederländischen Brillenmacher Hans Lipperhey in Wesel am Niederrhein erfunden wurde, darfst du getrost davon ausgehen, dass es in der Erzählung bei Matthäus ein riesiger Stern gewesen sein muss, den die Sterndeuter sahen, so groß, dass er ohne Fernglas gesehen werden und dass man – wie auch immer das gehen mag – seinem Lichtschein folgen konnte. Das Fernglas – das war ihnen, sie richteten sich nach dem Großen aus.
Das ist meine erste „Erscheinungsthese“, die ich dir anbiete. Das Beispiel der Sterndeuter zeigt, dass Gott sich im Großen erahnen lässt. Schau dir seine Erscheinungen im Ersten Testament an: das Werk der Schöpfung, der brennende Dornbusch, das Wort des Verschonens des Isaak bei der Bereitschaft des Abraham, seinen Sohn zu opfern; die Teilung des Roten Meeres, und – besonders schön – das wirklich machtvoll sich zeigende stille, sanfte Säuseln bei Elias vor der Höhle am Berg Karmel, nachdem Erdbeben, Feuer und Sturmwind eben nicht der „Größe Gottes“ entsprach, sondern vielmehr die Ruhe nach dem Sturm.
Und jetzt Du – und vor allem Dein Erahnen Gottes im Großen. Mir fallen für mich die Schauer am Rücken beim Elias, beim Messias und beim Weihnachtsoratorium ein, beim Singen; ich habe – und ich glaube es heute selber kaum – große Gottesdienste vor Augen, so die Verabschiedung von Bischof Wilhelm Kempf in Limburg, dem Vorgänger von Bischof Kamphaus, mit dem Bruckner-Te-Deum im neu renovierten Dom. Dann das Wandern mit vertrauten Menschen von München nach Venedig, meine „Krippenmenschen“ vom vorletzten Jahr Weihnachten, mit denen, für die und auch durch die ich lebe. Das sind „Sternstunden“, die nicht nur über meinem Leben stehen, sondern auch über sich hinausweisen: Gott lässt sich im Großen erahnen!
… und Gott lässt sich im Kleinen finden
Die Sterndeuter sind ihren Ahnungen und ihren Träumen gefolgt – die Geschichte ist sicher bekannt und muss nicht nacherzählt werden. Nur auf den Moment will ich hinweisen, wo der Stern stehenbleibt. Meine zweite „Erscheinungsthese“: Du kannst und darfst Gott im Großen erahnen, in der Erzählung von den Sterndeutern verweist das Große aber auf das Kleine, führt der große Stern zum kleinen Kind hin. Als Kind habe ich mir immer gedacht, dass der Stern, wäre er ein Komet, seinen Schweif hinweisend auf die Krippe ausrichtet. Als der Stern, als das Große stehenbleibt, sind die Sterndeuter zuerst mit Freude erfüllt – und gehen dann in das Haus, an die Krippe, um darin auf die Knie zu fallen, um dem Kind zu huldigen, d.h. die ihm entsprechende Ehre zu erweisen. Manchmal ist es wie beim umgedrehten Fernglas: Im Kind, im Kleinen haben sie gefunden, was sie im Stern, im Großen, erahnt haben.
Das Große nicht mit dem Kleinen verwechseln
Eines ist mir seit Jahren an diesem Fest der Erscheinung des Herrn klar und wichtig: All das „Große“, was ich dir oben beispielhaft aufgezählt habe, all das, in dem ich Gott erahne, ist eben nicht Gott! All das verweist aber auf ihn. Ich kann dieses „Große“ dankbar genießen, es aufsuchen, um mich eben davor und darüber hinaus zu Gott führen zu lassen. Aber wenn ich dabei stehenbleibe, wenn ich das „Große“ statt des „Kleinen“ alz Ziel habe, absolut setze oder anbete, entzieht sich mir der Stern zieht er weiter – ohne mich, den Zurückgebliebenen.
Mit anderen Worten: Wenn dich das „Große“ dorthin führt, wo du vor dem „Kleinen“, dem Alltäglichen, dem „elend, nackt und bloß Liegenden“[2] in die Knie gehst und deine Gaben teilst, wenn das „große Fest“ dir Kraft, Freude, Fantasie für den „kleinen Alltag“ gibt, wenn du nach der Begegnung mit dem „Kleinen“ andere Wege gehst, dann stehst du in der Tradition der Sterndeuter. Bleibe unterwegs und sei dir selbst das Fernglas!
So viel für heute und für diese Woche.
Köln, 06.01.2026
Harald Klein
[1] Das „Ihnen ist ein Licht aufgegangen“ war neben dem „Macht’s wie Gott, werdet Mensch‘ zwei der Lieblingsthemen des emeritierten Limburger Bischofs Franz Kamphaus, der im Oktober 2024 verstorben ist und der mir vieles mitgegeben hat, dem ich mich in diesen Weihnachtsagen mit viel Dank verbunden weiß, vgl. Kamphaus, Franz (1992): Wenn Gott zur Welt kommt. Worte zu Weihnachten, Freiburg, und ders. (2001): Lichtblicke. Jahreslesebuch, Freiburg.
[2] vgl.im Gesangbuch „Gotteslob“: Lobt Gott ihr Christen all zugleich GL 247,2.