Erster Adventssonntag – Advent feiern? Advent feiern!

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Feiern – den Advent?

Was, wenn jemand Dich[1] fragte: „Feierst Du Advent?“[2] Das wäre leicht mit „Ja“ oder „Nein“ zu beantworten, oder klug mit der Gegenfrage: „Was meinst Du mit ‚feiern‘? Schwieriger wird es, wenn die Frage lautet: „Wie feierst Du den Advent?“ oder „Was feierst Du im Advent?“ oder „Mit wem feierst Du den Advent?“ Oder gar: „Warum feierst Du den Advent?“ Und – könnte ich den einen oder andren beim Treffen am Sonntag oder Montag fragen – hast Du Antworten? Und genau so schwierig: Habe ich Antworten?

Ich versuche eine Antwort. Ich möchte mich in diesem auf die alttestamentlichen Lesungen beziehen. Es sind Geschichten, die voller Wahrheit sind, die aber nicht der Historie, sondern dem Mythischen angehören. Sie nicht „wirklich“ und drücken dennoch „Wahrheit“ aus. Sie erzählen von dem, was niemals war und immer ist.

Einer, der schriftstellerisch mit solchen Wahrheiten arbeitet, ist Salman Rushdie (*1947), der am 22.10.2023 in der Frankfurter Paulskirche mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde. Seine Dankesrede[3]habe ich neben diese Lesungen gelegt und nach Aussagen von ihm gesucht, die mit den Lesungen korrelieren. Rushdie kennt sich in der Welt des Fantastischen, der Mythen und Legenden in verschiedensten Kulturen aus wie wahrscheinlich kein zweiter Schriftsteller der Gegenwart. Und um das Christliche in diesem Versuch des Mythischen zumindest als einen Augen-Blick zu benennen, möchte ich ein Standardwerk aus meinen jungen Jahren bemühen. Es geht um die Gebetsschule „Der Sprung in den Brunnen“[4] von Hubertus Halbfas (1932-2022). Ich schätze an diesem Religionspädagogen, dass er genau das war: einer, der mit pädagogischen Methoden gezeigt hat, was Religion ist, was andere Religionen sind, und was sie verbindet, zum Teil eint. Seine Religionspädagogik und auch seine „Gebetschule“ sind keine Versuche, mit pädagogischen Mitteln Glauben weiterzugeben (wenn dies überhaupt möglich ist), sondern mit pädagogischem Feingefühl die Fragen zu wecken, auf die Religionen und ihre Bilder- und Symbolwelt antworten können.

Von daher meine Antworten, die ich gerne mit Dir, mit Euch teilen möchte: Ja, ich feiere Advent. Wie feiere ich Advent? Indem ich mich gedanklich und meditativ mit Jesaja, Salman Rushdie und Hubertus Halbfas auseinandersetze. Wasfeiere ich im Advent? Ich feiere die Bilderwelt der Lesungen mit „Sehhilfen“, die mir Salman Rushdie und Hubertus Halbfas anbieten, und ich suche danach, ob diese Bilderwelt Ab-Bilder in meiner Lebenswirklichkeit hat und sich so als für mich als wahr erweist. Mit wem feiere ich Advent? Das mag befremdlich klingen, aber die Antwort ist für mich klar: zuerst mit Jesaja, Salman Rushdie und Hubertus Halbfas, und dann mit denen, mit denen ich über die drei adventlichen Gefährten im Gespräch sein werde. Und warum feiere ich Advent? Weil es Jahr für Jahr für mich spirituell das ist, was kalendarisch der Silvesterabend ist: ein mir und Dir zugesagter Neuanfang, eine Zeit des Wartens, an deren Ende Erfüllung steht, was auch immer sich hinter dem Wort verbirgt.

» Vorstellungen verstellen die Wirklichkeit. «
Martin Heidegger zugesprochen

Ein methodologischer Vierschritt

Eins noch – und dann geht es los mit der Predigt und nicht nur mit er persönlichen Vorbemerkung und Beantwortung von Fragen. In den Predigten werden vier Begriffe immer wieder auftauchen.

Da ist als Erstes das Wort von der „Vorstellung“. Ich bringe es mit Wunsch oder mit Hoffnung in Verbindung. Das, was „man“ so denkt über dieses und jenes. Aber Achtung: Vorstellungen „verstellen“ – das ist das zweite Wort – die Wirklichkeit. Das ist einer der wirklich leichten Sätze des deutschen Philosophen Martin Heidegger (1889-1976): „Vorstellungen verstellen die Wirklichkeit.“ Ich glaube, ich muss ihn Dir nicht erläutern.

Das dritte Wort ist schon gefallen „Wirklichkeit“. Ein einfacher Lehrsatz der Philosophie ist: „Wirklich ist, was wirkt!“ Es mag Placebos geben, die „wirklich wirken“, es gibt Glaubenssätze wie „Du schaffst das“ oder „ich bin nicht genug“, die wirken und schaffen so eine heilsame oder eine unsägliche Wirklichkeit. Es ist die Frage, ob man diese Art von Wirklichkeit nur in der Vorstellung (und damit die Wahrheit verstellend) oder auch irgendwie anders haben kann.

Ja, und schließlich der Begriff der „Wahrheit“. Florian Illies (*1971) schreibt in seinem letzten gewaltigen Buch: „Es gibt keine Wahrheit, es gibt nur Versionen.“[5] Stelle Dir vor, ich erzähle Dir meine Geschichte, und Du fragst: „Ist das auch wirklich wahr?“ (Du hörst die zwei Begriffe!) Wirklich und wahrhaftig redlich könnte ich nur antworten: „So habe ich es erlebt.“ Ich weiß nicht, welche „Wahrheit“ andere – beteiligt oder unbeteiligt – darin sehen oder sahen.

Ein kleiner Merkposten für die Advents- und Weihnachtszeit: Sei Du, seid Ihr bitte klug unterscheidend in den Begriffen von Vorstellung, Verstellung, Wirklichkeit und Wahrheit! Ich meine das im Lesen, im Nachdenken, im Reden und im gelebten Alltag.

» Die Guten gewinnen durchaus nicht immer (Auch ist meistens keineswegs klar, wer überhaupt die Guten sind.) Aus diesem Grund findet der moderne Leser diese Geschichten verblüffend gegenwärtig denn wir, die modernen Leser, leben in einer Welt der Unmoral, der Schamlosigkeit, des Verrats und der Verschlagenheit, in der die Bösen überall schon oft gewonnen haben. «
Rushdie, Salman (2023): Wäre der Frieden ein Preis. Dankesrede anlässlich der Übergabe des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche

Eine Geschichte erzählen

Jetzt aber: Nach der Begrüßung und den Dankesworten beginnt Salman Rushdie seine Dankesrede mit den Worten „Und nun lassen Sie mich damit anfangen, dass ich Ihnen eine Geschichte erzähle.“[6] Er erzählt eine Fabel aus dem Panchatantra, entstanden im 3.-6. Jhdt.n.Chr. Sie handelt von zwei Schakalen, die einen Bullen dem Löwen zuführen. Beide unterhalten sich prächtig, aber als der Hunger kommt, reißt der Löwe auf eine List der Schakale hin die Bullen, und die Schakale steigen in der Achtung des Löwen und der Tiere im Wald, haben sie doch die Herde des Löwen vor dem Hungertod gerettet.

„Dass sie nicht moralisieren, hat mich an den Geschichten des ‚Panchatantras‘ seit jeher geradezu unwiderstehlich fasziniert. Sie predigen nicht das Gutsein, nicht Tugend, Bescheidenheit, Ehrlichkeit oder Zurückhaltung. Verschlagenheit aber, Hinterlist, Strategie und Amoralität überwinden oft alle Widerstände. Und die Guten gewinnen durchaus nicht immer (Auch ist meistens keineswegs klar, wer überhaupt die Guten sind.) Aus diesem Grund findet der moderne Leser diese Geschichten verblüffend gegenwärtig denn wir, die modernen Leser, leben in einer Welt der Unmoral, der Schamlosigkeit, des Verrats und der Verschlagenheit, in der die Bösen überall schon oft gewonnen haben.“[7]

Damit startet die Rede Salman Rushdies. Unser „Advent-Redner“, der Prophet Jesaja erzählt seine Geschichte zu Beginn des Advents anders. „Du, Herr, bist unser Vater. ‚Unser Erlöser von jeher‘ ist Dein Name. Warum lässt Du uns, Herr, von Deinen Wegen abirren und machst unser Herz hart, sodass wir Dich nicht fürchten? […] Doch nun, Herr, Du bist unser Vater. Wir sind der Ton und Du bist unser Töpfer, wir alle sind das Werk Deiner Hände.“

» Wir sind der Ton und du bist unser Töpfer,
wir alle sind das Werk deiner Hände.«
Jes 64,7

Jesajas Geschichte – und das Brunnenbild von Hubertus Halbfas

Merkst Du „Vorstellung“, „Verstellen“, „Wirklichkeit“, „Wahrheit“? Entspricht das, was Jesaja erzählt, DeinenVorstellungen – oder weckt es welche, mit denen Du leben kannst? [8] „Verstellt“ Dir Jesaja den Blick auf DeineWirklichkeiten, wie Du sie erlebst, blendet er etwas aus, leuchtet Dir etwas auf? Etwas, was Dir als Wahrheit lieb und teuer ist? Mir fällt Rushdies Beginn der Rede ein, die so ganz anders ist – da ist Freiheit drin, nicht Moral!

Jetzt der Dritte: Hubertus Halbfas bietet das Bild vom inneren Brunnen, das für „die eigene Tiefe“[9] steht. Die Geschichte, die er erzählt, handelt von einem jungen Schüler, der Beten lernen möchte und dem der Lehrer rät, in die eigene Tiefe zu steigen. Alleinsein sei ein Weg, dann der inneren Unruhe Herr werden, und schließlich sich in Beständigkeit und Geduld üben. „Für jemanden, der das Alleinsein wieder und wieder übt, verändert sich die Welt. Dann werden die Dinge zugänglich. Es wird zugänglich der Baum, zugänglich wird der Himmel, zugänglich wird der Bach. Was zuvor im geschäftigen Leben nur zufällig da war, wird jetzt die eigentliche Welt. Die kann man nur durch häufiges, müh-seliges Alleinsein erfahren.“ Ähnlich wie bei Rushdie: Da ist Zusage drin, Hoffnung, Licht – aber keine Moral!

» Wenn man Dingen mehr Zeit und Mühe widmet, als sie es wert sind,
dann sind sie nicht länger eine Kleinigkeit.
Du machst sie wichtig – dadurch, dass Du ihnen
Zeit von Deinem Leben schenkst.
Und leider bedeutet das meistens,
dass Du dem, was wirklich wichtig ist
– Deiner Familie, Deiner Gesundheit, Deinen wahren Anliegen –
weniger Beachtung schenkst, weil Du sie
für etwas anderes verschwendet hast. «
Holiday, Ryan / Hanselman, Stephen (2021): Der tägliche Stoiker, 10. Aufl., München, 259.

Du bist der Ton

Lass uns die Fäden zusammenführen. Wenn Du magst, nimm von Salman Rushdie die Freude an Geschichten, die nicht moralisieren und von keinen menschlichen Abgründen die Augen verschließen. Nimm Jesajas „Advent-Opener“ – und stelle Dir den Text als „Geschichte“ im Sinne Rushdies vor. M.a.W. Wenn man diesem Text auch die Wirklichkeit des „Wortes des lebendigen Gottes“ zuschreibt, lass Dir nicht die Wahrheit verstellen, dass es dieses Wort auch anderswo gibt – zum Beispiel in Deinem eigenen Brunnen, in dessen Tiefe Du durch Alleinsein und Stille steigen kannst. Prüfstein auf Wahrheit ist, ob dieses Wort vom „Ton sein in der Hand des Töpfers“ in Deinem inneren Brunnen mit Wirklichkeit gefüllt werden kann.

Von daher: Schau doch mal genussvoll und dankbar, da in der Tiefe Deines eigenen Daseins, ob Du die Wahrheit dessen erspürst, dass Gott ein Töpfer und Du sein Ton bist, ob Du die Wahrheit, dass er Dein Leben formt und Dir Form gibt, in Deiner Wirklichkeit, unverstellt durch Vorstellungen (von wem auch immer) auf die Spur kommen kannst. Und gib der Wirklichkeit bzw. den Wirklichkeiten Namen! Einfach schauen, ohne jedweden Impuls zu handeln, zu bewerten, zu verändern.

Die Antwort, die Du findest, könnte eine erste Adventkerze wert sein. Damit (und mit denen, die Du auch „gefunden“ hast) kannst Du mit den Deinen Advent feiern.

Amen

Köln, 02.12.2023
Harald Klein

[1] Die hier veröffentlichten Predigten werden vor allem von Menschen aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis gelesen. Ich habe mich daher entschlossen, ab diesem Advent bei der persönlichen Anrede die „Du“-Form zu wählen und bitte alle anderen, sich darüber nicht zu ärgern.

[2] Ich muss es nicht eigens erwähnen, tue es aber trotzdem. Du kannst bei allen Fragen das Wort „Advent“ gleich durch „Weihnachten“ ersetzen. Der Antwortversuch, den ich gleich gebe, gilt für Advent und für die Weihnachtszeit.

[3] Ich danke C.B., der Buchhändlerin meines Vertrauens, dass sie mir die Dankesrede zur Verfügung stellte, als sie noch nicht veröffentlicht war, und meinem Freund M.B., mit dem ich ein Streitgespräch über diese Rede führte, die dann zum Entschluss zu dieser Predigtreihe führte.

[4] Halbfas, Hubertus (1981): Der Sprung in den Brunnen. Eine Gebetsschule, Düsseldorf.

[5] Illies, Florian (2021): Liebe in Zeiten des Hasses. Chronik eines Gefühls 1929-1939, Frankfurt/Main, 131.

[6] Rushdie, Salman (2023): Wäre der Frieden ein Preis. Dankesrede anlässlich der Übergabe des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche. Text und Seitenzahlen beziehen sich auf den Sonderdruck des Börsenblattes des Deutschen Buchhandels, Frankfurt/Main, hier 24.

[7] A.a.O..26.

[8] Nimm mal Worte wie „Vater“, „Erlöser“, „Du lässt uns von Deinen Wegen abirren“, „Du machst unser Herz hart“ – aber auch „Wir sind der Ton, Du bist der Töpfer“, „Wir sind das Werk Deiner Hände“.

[9] Halbfas, Hubertus (1981), 15.