Erster Adventssonntag: Beständig im Wandel

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„Nichts ist beständiger als der Wandel“

„Bist du aber groß geworden“, sagt die Großmutter dem 16jährigen Enkel, und er dreht die Augen. „Köln ist auch nicht mehr, was es mal war“, sagt der Verkäufer am Marktstand, und ich würde ihn gerne Frage, wie Köln denn vor dem, „was es mal war“, wohl gewesen sein möge.

Was im Kleinen gilt, gilt im Großen genauso. Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass es ein Ringen um eine Wiedereinführung der Wehrpflicht gibt? Oder dass wir, dass du, dass meine und dass deine Generation und die drüber und drunter – wie zumindest meine Großeltern noch – sich mit Kriegsszenarien und Ängsten vor Zerstörung und Unmenschlichkeit auseinandersetzen und Position beziehen müssen?

Nichts sei beständiger als der Wandel, so lautet ein oft bemühtes Zitat des römischen Philosophen Heraklit (535-475 v.Chr.) – du  kannst es auch von der anderen Seite lesen, i.S.v. Nichts sei so konstant wie die Veränderung. Und auch sein „πανθα ρει“, sein „panta rei“ („alles fließt“) hat seinen Platz in unseren Zitatenkästchen.

Von Heraklit heißt es, er habe den Beinamen „der Dunkle“ schon in der Antike bekommen und nicht ablegen können. Als finsteren und hochmütigen Misanthropen habe man ihn wahrgenommen.[1] Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber angesichts dieser wenigen Informationen über den Philosophen scheinen mir die Worte vom „Wandel“, vom „Fließen“ und von der Veränderung eher negativ konnotiert zu sein. „Der Dunkle“ hätte es vielleicht lieber anders. Wie würde es für ihn und durch ihn und für uns wohl aussehen, wenn Heraklit wohl den Beinamen „der Helle“ verliehen bekommen hätte?

» Wir glauben ja an allerlei, wir glauben sogar an viel zu viel – wir glauben an die Macht, wir glauben an uns selbst, wir glauben an andere Menschen, wir glauben an die Menschheit. Wir glauben an unser Volk, wir glauben an unsere Religionsgemeinschaft – wir glauben an neue Ideen – aber wir
glauben über dem allem an den Einen nicht – an Gott. «
Bonhoeffer, Dietrich (2015): London 1933-1935, DBW 13, Gütersloh, 414f.

Dunkle und helle Veränderungen im/als Advent

Genug der Gedankenexperimente – fürs erste. Wenn du dir eines der beiden Evangelien, die zur Auswahl stehen, ansiehst, bist du auf jeden Fall zunächst beim „Dunklen“. Es geht um die Wiederkunft Christi, um das „Gericht“ und das „gerichtet werden“. Da ist von „Zeichen“ die Rede, die entweder den dunklen Untergang oder den hellen Neubeginn anzeigen. Die Linien im Dunkel werden immer länger, immer härter, immer tödlicher ausgezogen – bis hin zum Wort Jesu“ „Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt. […] Darum haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet“ (Mt 24,42-44).

Das Wort zu Beginn dieses Adventes ist Wachsamkeit, gefolgt von Bereitschaft oder sich bereithalten. Es ist weder die konservative oder nationalistische Haltung des „alles-möge beim-Alten-bleiben-oder wieder-so-werden“, es ist genauso wenig die liberale Haltung des „alles-ist-möglich“, und es ist nicht die linke Position des „auf die Barrikaden“, die dem Kommen, dem (Neu-)Anbruch und dem Wachstum des Reiches Gottes dienlich ist.

Wenn ich dieses herbe Evangelium und die harschen Worte Jesu an dieser Stelle, am Ende des Evangeliums, ernst nehme, lasse ich mir zwei „adventliche“ Worte von Jesus sagen: „Seid also wachsam!“ und „Haltet auch ihr euch bereit!“ Das erste Wort hat eine Richtung nach außen, das zweite geht nach innen. Das erste zielt auf die Wahrnehmung, was ist – egal wo oder wie. Das zweite zielt auf meine, auf deine Antwort, wie ich damit umgehe oder wie du damit umgehst, mit dem, was ist. Ob dieser Advent, ob das Entgegenkommen Gottes auf die Menschen, auf dich und auf mich, ein Advent Gottes wird, hängt sehr davon ab, ob es ein Advent meines Menschseins ist, hängt vom Wahrnehmen dessen, was ist, ab – und von deiner oder meiner , von der der Menschen Reaktion darauf. Daran wird sich der Beiname nicht nur des Heraklit, sondern auch der Menschheit heute, deiner und meiner entscheiden: eher „der/die Dunkle“ oder eher „der/die Helle“.

» Mit der selbstentsagenden Antwort auf die Not seines Landes entstand eine Vision künftigen Christseins, und Bonhoeffer wurde frei, eine neue Theologie zu konzipieren. Es scheint, als sei die Einheit dieser Schritte des reich Begabten, vom Theologen zum Christen und zum Zeitgenossen, das Besondere in Bonhoeffers kurzem Lebensgang, vielleicht auch gerade in dieser Reihenfolge. «
Bethge, Eberhard (1986): Dietrich Bonhoeffer. Eine Biographie, 6. Aufl., München, 5.

Dietrich Bonhoeffer: Wegsucher und Wegbegleiter

Für diesen Advent und für die Weihnachtszeit – und vielleicht darüber hinaus – habe ich mir Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) erbeten. Seine gesammelten Briefe und Aufzeichnungen aus dem Gefängnis in „Widerstand und Ergebung“ waren mein erstes Buch im Theologiestudium (1981). Die kleinen Büchlein „Gemeinsames Leben“, veröffentlicht 1939, und „Die Psalmen – das Gebetbuch der Bibel“ (veröffentlicht 1940) begleiten mich mit Bonhoeffers „Nachfolge“ (veröffentlicht 1937). Sie sind mir im besten Sinne des Wortes „Handbücher, zu denen ich immer wieder greife. Das Mammutwerk Eberhard Bethges „Dietrich Bonhoeffer. Eine Biographie“ (1986) zeigt auf 1100 Seiten in den drei sich ablösenden Attributionen Bonhoeffers im Untertitel „Theologe – Christ – Zeitgenosse“), wie zum einen wachsam und wie zum anderen bereit Bonhoeffer war, sich dem Anruf Gottes „adventlich“ zu stellen. Die Biographie begleitet meinen Advent. Bethge schreibt im Vorwort:

„Mit der selbstentsagenden Antwort auf die Not seines Landes entstand eine Vision künftigen Christseins, und Bonhoeffer wurde frei, eine neue Theologie zu konzipieren. Es scheint, als sei die Einheit dieser Schritte des reich Begabten, vom Theologen zum Christen und zum Zeitgenossen, das Besondere in Bonhoeffers kurzem Lebensgang, vielleicht auch gerade in dieser Reihenfolge.“[2]

Erinnerst du dich an den Beginn, den ersten Satz oben? „Bist du aber groß geworden“, sagt die Großmutter dem 16jährigen Enkel, und er dreht die Augen. Bonhoeffer ist einer der wirklich Großen, groß geworden durch Wachsamkeit und Bereitschaft zur Antwort, die er betend und im Gespräch mit Gott und den Menschen fand und lebte.

Es gibt, glaube ich als „Dunkler“, deutlich schlechtere Wegbegleiter durch den Advent. Und es gibt, glaube ich als „Heller“, kaum bessere Wegbegleiter als Dietrich Bonhoeffer, dem ich im ausgehenden Jahr so intensiv begegnet bin und dem ich mich jetzt tiefer widmen möchte. Und überhaupt: vielleicht ist Gefährte das bessere Wort als Wegbegleiter.

Eines ist klar: Es braucht Wachsamkeit und Aufmerksamkeit, um unterscheiden zu können, welcher der Weg auf Gott hin, welcher Weg gottwärts führt. Und es braucht Bereitschaft, Entscheidung und Entschiedenheit, diesen Weg dann auch zu gehen, auch dann, wenn das eine gelassen werden muss, das nächste erreicht wird, auch im Wissen, dass es noch nicht der Ort sein wird, an dem Gott geboren und Mensch wird. Der Weg, du und ich, das Ziel – alles ist und bleibt beständig im Wandel.

So viel für heute und für diese Woche.

Köln, 26.11.2025
Harald Klein

[1] vgl. [online] https://www.philomag.de/philosophen/heraklit [26.11.2025]

[2] Bethge, Eberhard (1986): Dietrich Bonhoeffer. Eine Biographie, 6. Aufl., München, 5.