Erster Fastensonntag: Durch die Wüste

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Eine Lücke wird gefüllt

Das Evangelium des heutigen Sonntags ist so kurz, dass es hier in seiner ganzen Länge (und Fülle) wiedergegeben werden kann:

„In jener Zeit trieb der Geist Jesus in die Wüste. Jesus blieb vierzig Tage in der Wüster und wurde vom Satan in Versuchung geführt. Er lebte bei den wilden Tieren und die Engel dienten ihm. Nachdem Johannes ausgeliefert worden war, ging Jesus nach Galiläa; er verkündigte das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium“ (Mk 1,12,15).

Diese wenigen Verse sind das verbindende Glied zwischen der Taufe Jesu (und der Begegnung mit Andreas und Natanael, die sich die Liturgie aus dem Johannes-Evangelium „ausleiht“, Du erinnerst Dich, die „Kommt und seht“-Stelle) und den fünf Sonntagen, die zwischen dem Abschluss der Weihnachtszeit und dem Aschermittwoch liegen. Nur die Anfänge, quasi „ein Tag mit Jesus“ wird gelesen und im Gottesdienst vorgestellt, so, wie der Evangelist Markus es notiert hat.

Und davor das, was Du heute hörst oder liest: in wenigen Versen die Erzählung der Versuchung Jesu, die Markus so ganz anders erzählt als Matthäus – Du magst Dich an die dreifache Versuchung, mit der der Satan in der Wüste Jesus locken will, und die dreifache Erwiderung mit Bezug auf das, was im jüdischen Gesetz steht, erinnern. Hier und heute der schlichte Satz: „Er wurde vom Satan in Versuchung geführt. Er lebte bei den wilden Tieren und die Engel dienten ihm.“ Eugen Drewermann überschreibt die Versuchungsgeschichte in seinem Kommentar zum Markus-Evangelium mit „In der Wüste und in Gottes Nähe oder: Vereint mit Tieren und mit Engeln.“[1]

Wenn Du Dir einen Menschen vorstellst, der sich vierzig Tage in einer Art Wüstenerfahrung mit dem, was ihn (bzw. mit denen, die ihn) in „Versuchung“ führen können, zurückgezogen hat; wenn Du Dir jemanden (oder Dich) vorstellst, wie Du es aushältst zu leben mit dem Wilden, dem Ungestümen und dem Ungezähmten in Dir und neben Dir; wenn Du Dir vorstellst, dass das Leben und viele in Deinem Leben Dir dienlich sind, vereint mit dem Tierischen und dem Engelsgleichen eben, – und Du Dir und anderen ebenso dienlich sein kannst und willst mit allem, was in Dir lebt und „west“, um ein altes Wort zu nutzen, dann kannst Du Dir die Berufungen der ersten vier Jünger, die an diese Versuchungserzählung folgt, vielleicht anders oder sogar besser verstehen. So ein Mensch, der diese Form der Versuchung durchlebt hat, hat eine sehr befreite und auch sehr befreiende Ausstrahlung!

Zwei Impulse möchte im Rückgriff auf Rainer Maria Rilke aufgreifen. Er ist ja so etwas wie ein Gewährsmann für die Fasten- und die Osterzeit sein soll: Die Einsamkeit und das Zusammenleben mit den wilden Tieren, die beide elementar für die Versuchungsgeschichte sind.

» Für ihn, das schreibt er Paula auch, sei die höchste Aufgabe einer Verbindung zweier Menschen folgende: 'Dass einer dem anderen seine Einsamkeit bewache'. «
Decker, Gunnar (2023): Rilke. Der ferne Magier. Eine Biographie, München, 144 - Das Zitat wurde übernommen aus Modersohn-Becker, Paula (1920): Briefwechsel mit Rainer Maria Rilke, Berlin, 50.)

Wertvolle Einsamkeit

Der erste Impuls: Für den Dichter Rilke spielt die Einsamkeit eine immense Rolle, sie ist seine Lebensform, und die ausgesuchten Orte seines Lebens und Schreibens waren oft prachtvoll, aber stets auch mit Rückzugsmöglichkeiten ausgestattet, Er pflegte das Alleinsein, was von der Einsamkeit zu unterscheiden ist – und er schätzte ebenso die Einsamkeit.

Dem jungen Militär-Studenten Kappus, der Rilke seine Verse zur Begutachtung schickt, schreibt dieser am 23.12.1903: „Was nottut, ist doch nur dieses: Einsamkeit, große innere Einsamkeit.“[2] Seiner Weggefährtin Paula Modersohn-Becker schreibt er mit Blick auf seine Ehe mit Clara Westhoff, für ihn sei die höchste Aufgabe einer Verbindung zweier Menschen folgende: „Dass einer dem anderen seine Einsamkeit bewache.“[3]

Ich weiß nicht, wie diese Sätze auf Dich wirken. Ich lese sie nicht als Flucht, gar Weltflucht. Jesu Rückzug in die Wüste, Rilkes Rückzug in großzügige und doch abgelegene und stille Orte, und jetzt vielleicht Deine und meine „Stille Stunde“ ohne Handy oder ohne andere Ablenkungen von außen und – viel wichtiger – von innen dienen nur dazu, Dir selbst zu begegnen, den „wilden Tieren“ in Dir und den „Engeln“ in Dir. In der Stille der Einsamkeit darf Stimme bekommen, was sonst unterdrückt und gedeckelt wird, sei es ein Brüllen, sei es ein Flüstern, sei es ein Schweigen, weil es Dir die Stimme verschlägt. Das mag erschrecken, das mag sogar ekelerregend oder beschwerlich sein – aber so ist es. Von Jesus heißt es: „Er lebte bei den wilden Tieren und die Engel dienten ihm“. Die einen lassen, sie sehen und mit ihnen in Berührung kommen, die anderen nutzen, von ihnen sich führen lassen, das wäre ein Anfang, und das kann in der Einsamkeit entdeckt, erlebt, genutzt, eingeübt werden. Wer weiß, vielleicht wandeln sich die wilden Tiere letztlich zu Engeln?!

» Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe,
und hinter tausend Stäben keine Welt. «
aus: Rilke, Rainer Maria (1982): Werke I.2 - Neue Gedichte, Frankfurt/Main, 2. Aufl., 261.

Bloß nicht zähmen wollen!

Der zweite Impuls: Wer Rilke als Gewährsmann nimmt, als einen Menschen, der pars pro toto dieselben Erfahrungen wie Jesus machte, kommt beim Stichwort „wilde Tiere“ natürlich nicht am „Panther“ vorbei. In Paris im Jahr 1903 geschrieben, ist Rilkes „Panther“ ein wildes Tier, dem die Zähne gezogen zu sein scheinen, der hinter Gittern, hinter Stäben wohnt, wenn da bloß dieses „nur manchmal“ nicht wäre. Der Text:

Der Panther
Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Rilkes „Panther“ ist die Versuchungsgeschichte von der anderen Seite gesehen. Was mag da an Panthern, an Schlangen, an Löwen, an Klammeraffen usw. in Dir oder in mir schlummern! Die große Versuchung, die große Gefahr, vielleicht auch die große Erwartung „der Widerspenstigen Zähmung“, wie ein Stück William Shakespears von 1592 heißt. Als sollte die gewählte Zeit der Einsamkeit, ein Meditationswochenende, ein Retrait oder Exerzitien der „Zähmung des Wilden“ dienen. Schau Dir den „Panther“ an, und Du wirst die Frustration, die Enge, das Eingesperrtsein, das Gefängnis erkennen, in das diese Haltung des Selbstgeißelns des „Wilden“ in Dir führt. Bloß das Wilde, das Ungestüme, das Ungezähmte in Dir nicht zähmen wollen oder es versuchen – es käme einer leiblichen und geistlichen Kastration gleich. Schau es besser an, wende Dich ihm zu, höre ihm zu und nähere Dich ihm an, dass es Dich nährt!

Jesus lebte mit den wilden Tieren, heißt es. Nochmal: In der Einsamkeit den wilden Tieren Raum geben, schauen, welche Kraft sie haben, einüben, wie diese Kraft zum guten Leben genutzt werden kann und aus, mit, vielleicht sogar für diese Kraft leben – so verwandeln sich die wilden Tiere, mit denen Du lebst, zu Engeln, die Dir dienen. In der Analytischen Psychologie von C.G.Jung ist ein Satz ebenso wahr wie im geistlichen Leben: Nichts, was nicht angenommen ist, kann verwandelt werden.

Das ist das Beste, was Dir in der Bußzeit widerfahren kann: Dir Zeiten der Einsamkeit einzurichten, um in der Stille und im Rückzug all das aufsteigen zu lassen, was in Dir lebt – mit Dankbarkeit für das eine, mit Staunen, vielleicht sogar mit Scham für das andere. Nichts zähmen zu wollen (weil es zwecklos ist), nichts hinter Stäbe und Gitter zu sperren, sondern das anzunehmen, was ist, all dem Raum zu geben. Und dann ein wildes Tier nach dem anderen freizulassen mit dem Geheiß, dass es Dir wie ein Engel dienen möge. „Durch die Wüste“, das ist nicht nur ein Weg, das ist auch ein Mittel, eine Wirkweise des Geistes!

Verstehst Du jetzt, warum Simon und Andreas und auch Jakobus und Johannes drei Verse später alles stehen und liegen ließen und sich von diesem Jesus haben rufen lassen? Wie schon Eugen Drewermann schrieb: „In der Wüste und in Gottes Nähe oder: Vereint mit Tieren und mit Engeln.“[4] Da steht nichts von Jesus. Vielleicht meint er Dich und mich?

Amen.

Köln, 17.02.2024
Harald Klein

[1] Drewermann, Eugen (1989): Das Markus-Evangelium. Bilder von Erlösung, Olten/Freiburg im Brsg., 5. Aufl., 142.)

[2] In: Decker, Gunnar (2023): Rilke – Der ferne Magier. Eine Biographie, München, 187. Zitiert wird Sieber-Rilke, Ruth/Sieber, Carl (Hrsg.) (1929): Rilke. Briefe aus den Jahren 1902-1906, Leipzig, 66.

[3] In: Decker, Gunnar (2023): Rilke – Der ferne Magier. Eine Biographie, München, 144. Zitiert wird Modersohn-Becker, Paula (1920): Briefwechsel mit Rainer Maria Rilke, Berlin, 50.

[4] vgl. Anm. 1.

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