Fünfter Fastensonntag: Außer sich sein – aus sich herausgehen

  • Auf Links gedreht - Das Evangelium
  • –   
  • –   

Aus dem heutigen Evangelium

Nachdem er dies gesagt hatte,
rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus!
Da kam der Verstorbene heraus;
seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt
und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt.
Jesus sagte zu ihnen:
Löst ihm die Binden
und lasst ihn weggehen!
(Joh 11,43f)

Das ganze Evangelium dieses Tages findest du hier – am Ende der Seite nach den beiden ersten Lesungen.

Ein wenig Tugend- und Lasterlehre

„Sie (i.e. die Melancholie, H.K.) ist eine Tugend, insofern und insoweit sie ein Gefühl für menschliche Schwächen sowie ein deutliches Element der Demut gegenüber aller menschlichen Selbstermächtigung enthält. Ein Melancholiker wird nicht auf den Gedanken kommen, sich ‚an der Vollkommenheit zu vergreifen‘, was für Blaise Pascal geradezu der Inbegriff des Lasters war.
Andererseits unterliegt das melancholische Temperament der Gefahr, in seiner Welt- und Selbstdistanz einer verwerflichen Gleichgültigkeit zu verfallen. Es wird zu einem Laster, wenn sich in ihm eine mangelnde Bereitschaft äußert, sich auf die Angelegenheiten des eigenen Lebens und diejenigen anderer einzulassen. Dann kultiviert der Melancholiker den eigenen Trübsinn und Überdruss bis hin zu übleren Formen der Trägheit und Faulheit.“
aus: Seel, Martin (2012): 111 Tugenden, 111 Laster. Eine philosophische Revue, 3. Aufl., Frankfurt/Main, 67.

Vademecum durch die Fasten- und Osterzeit

wie
wenn da einer nicht
nicht aus dem grab gekommen wäre
sondern das grab ihn verlassen hätte

wie
wenn du selbst
mehr tot als lebendig bist
wenn das schweißtuch des all-täglichen
deine trüben augen und ein wahres antlitz bedecken
und deine hände und füße
zur untat gebunden und verdammt sind
ein leben zum heulen
mehr tot als lebendig

wenn es dir nicht mehr gelingt
tücher binden fesseln abzuwerfen
braucht es den anderen
der dich beim namen ruft
der dich an dein ich erinnert
es ist ein wagnis
dein grab gehen zu lassen
in dem du dich eingerichtet hast

nur
das leben findet draußen statt
wenn du das leben wiedergefunden hast
und ein leben dich
werden dir die lebendigen
tücher binden fesseln abnehmen
du kannst das grab weggehen lassen
und den
der sich im grab
ein- und ausgerichtet hat

Köln, 20.03.2026
Harald Klein