Fünfter Fastensonntag: Die Fülle des Künftigen

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Die Ernüchterung

Auf dem Weg hinab vom Berg der Verklärung sprach Jesus von seinem Tod zu vier seiner Jünger, die ihn da noch nicht verstanden. Zum ersten Mal kommt in den Evangelien der Fastenzeit heute das Wort von Jesu Tod in der Öffentlichkeitzur Sprache. Jesus wählt dazu das Bild vom Weizenkorn:

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt bringt es reiche Frucht. Wer sein Leben liebt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt geringachtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben. […] Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde ich alle zu mir ziehen. Das sagte er, um anzudeuten, auf welche Weise er sterben werde.“ (Joh 11, 24f.32f)

Übernimm doch einmal die Rolle von einem der Jünger. Nach Jesu Versuchung blieben die ersten bei ihm, wohl wegen der Ausstrahlung, die er hatte. Bei der Verklärung erfuhren vier seiner Jünger seine Vertrautheit zu Gott, der ihm Vater ist, und die Nähe Gottes zu ihm, der ihm Sohn ist. Mit Jesus erlebten seine Jünger im Zusammenhang mit der Tempelreinigung, dass es ihm um die Maßeinheit des Vertikalen geht – um die Aus-Richtung auf den himmlischen Vater. Nicht um Tun, Brauchtum, Ritus, Gesetz, sondern um die Möglichkeit der Erfahrung der Nähe Gottes für alle Menschen. Und im Nachtgespräch mit Nikodemus bist Du dabei, wenn er sich mit einem führenden Pharisäer über die Möglichkeit des Refraiming, der Umbewertung dessen austauscht, was gedacht und wie es bewertet werden kann; um eine Art geistig-geistliche Neugeburt ging es da.

» Und wenn man sich für das Leben interessiert, sagte Hans Castorp, so interessiert man sich namentlich für den Tod. Tut man das nicht? «
Mann, Thomas (1960): Der Zauberberg, in: Gesammelte Werke in XIII Bänden, Band III, Frankfurt/Main, 371f.

Jetzt aber spitzt sich die Sache ziemlich zu. Eine Gruppe von Griechen – „Heiden“ also – sprechen Philippus an und bitten: „Herr, wir wollen Jesus sehen.“ (Joh 12,20-22). Wenn Jesus mit ihnen das Gespräch sucht, braucht es andereWorte, andere Begriffe und Erzählstränge als im Gespräch mit Nikodemus, mit den Pharisäern, mit seinen Jüngern. Die „Griechen“ haben einen anderen Hintergrund, und selbst wenn es sich um griechische Juden handeln würde, ist deren Lebens-, Denk- und Sprachwelt doch anders geprägt als die der Juden in Jerusalem. Je näher Jesu Sprechen an der Lebenswelt der Hörenden ist, um so eher besteht die Chance, das er verstanden wird.

Und so hören mindestens zwei Gruppen – die der Griechen und die der Jünger – die Worte Jesu vom Weizenkorn, das in die Erde fällt und stirbt. Wie gesagt: stell Dir vor, Du bist dabei und hörst sie, vielleicht wie zum ersten Mal. Und entscheide Dich, wo Du Dich eher siehst – bei den „Griechen“ oder bei den Jüngern“. Wechsle ruhig einmal die Rollen.

» Ich will einen Eid geben dafür, dass ich zu laufen begann, sobald ich die Mauer erkannt hatte. Denn das ist das Schreckliche, dass ich sie erkannt habe. Ich erkenne das alles hier, und darum geht es ohne weiteres in mich hinein: es ist zu Hause in mir. «
Rilke, Rainer Maria (1982): Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, in: Rainer Maria Rilke: Sämtliche Werke, herausgegeben vom Rilke-Archiv, in Verbindung mit Ruth Sieber-Rilke, besorgt durch Ernst Zinn, Bd.5, Erste Abteilung: Prosa, 2. Aufl., 109-346, hier: 151.

Tod und Sterben – die „letzte Mauer“

Es gehört eine große Reife des Menschlichen dazu, Jesu Wort vom Weizenkorn, das in die Erde fällt, das stirbt und das auf diese Weise reiche Frucht bringt, mehr als Verheißung und weniger als Bedrohung zu hören. Ob Du mir zustimmst in der Vermutung, dass es genau solche Fragen waren, die in die „Versuchungsgeschichte“ Jesu hineingehören? Es macht die Reife, die Ausstrahlung Jesu ja gerade aus, dass er auf solche Fragen zu einer Antwort gekommen ist, die er leben will und die er teilen wollte.

Rainer Maria Rilke lässt diese Erfahrung der Armut, der Sterblichkeit, des Umsonst, sprich: des die Existenz Bedrohenden seinen Malte Laurids Brigge machen. In der Begegnung mit einem Armenhaus und den Menschen, den Umständen darin schreibt Rilke in persona Malte Laurids Brigge:

„Ich habe doch gesagt, dass ich alle Mauern abgebrochen hatte bis auf die letzte -? Nun von dieser Mauer spreche ich fortwährend. Man wird sagen, ich hätte lange davorgestanden; aber ich will einen Eid geben dafür, dass ich zu laufen begann, sobald ich die Mauer erkannt hatte. Denn das ist das Schreckliche, dass ich sie erkannt habe. Ich erkenne das alles hier, und darum geht es ohne weiteres in mich hinein: es ist zu Hause in mir.“[1]

Das könnte die eine Reaktion, die Reaktion der „Griechen“ sein: Erkennen, was Jesus meint; die Unausweichlichkeit des eigenen Sterbens erahnen, wie – um Rilkes Erfahrung zu nehmen – vor einer letzten Mauer zu stehen, sie fliehen wollen, und trotzdem kommt sie immer mit, kriecht in Dich hinein und ist zu Hause bei Dir. Diese Mauer in Dir wird erlebt als angstmachende und so Leben verhindernde Macht. Es ist zum Fortlaufen. Und das ist ja nicht nur beim leibhaftigen Sterben so! Das gilt für alles – zumindest im Malte Laurids Brigge von Rilke – was nicht ganz geheuer ist, was Angst macht, was Ekel und einen Impuls zur Flucht hervorruft. Das Schreckliche ist, die Mauer erkannt zu haben, schreibt Rilke. Erkennst Du Dich da wieder?

» ... und sollte sie abfallen, so fällt sie in die Fülle des Künftigen und trägt noch in ihrem letzten Zerfall dazu bei, es reicher, bunter, drängender und wachsender zu machen. «
Rainer Maria Rilke (1950): Brief an Annette de Vries-Hummes vom 25. August 1915, in: Rilke-Archiv Weimar (Hrsg.): Briefe, zwei Bände, Insel-Verlag, Wiesbaden.

Tod und Sterben – die „Fülle des Künftigen“

Aber Rilke kann auch von der „anderen Seite“, von der Seite der Jünger Jesu, die vertraut sind und vertrauter werden mit Jesus, schreiben, wenn er an den Tod und an das Sterben, vielleicht sogar an das Gleichnis vom Weizenkorn denkt. In einem Brief an Anne de Vries-Hummes schreibt er am 25. August 1915:

„Selbst ein scheinbarer Verzicht auf eigene Ideale, um der Sorgfalt zu einem Andern willen, muss nicht endgültiger Verzicht sein, sondern kann wiederum Bereicherung werden; denn wer für einen anderen in großer Unterwerfung sich bemüht, der kann ja auch wieder in dem anderen das großziehen, was er in sich selber vernachlässigt; und manch einem scheint es schöner scheinen und lohnender, in einem geliebten Geschöpf oder einem groß begriffenen Gemeinwesen zur Blüte kommen, als im eigenen Dasein.

Man kann sich die Weiten und Möglichkeiten des Lebens gar nicht unerschöpflich genug denken. Kein Schicksal, keine Absage, keine Not ist einfach aussichtslos; irgendwo kann das härteste Gestrüpp es zu Blättern bringen, zu einer Blüte, zu einer Frucht. Und irgendwo in Gottes äußerster Vorsehung wird auch schon ein Insekt sein, das aus dieser Blüte Reichtum trägt, oder ein Hunger, dem diese Frucht willkommen ist. Und sollte sie bitter sein, so wird sie doch mindestens einem Auge erstaunlich gewesen sein und wird ihm Lust gemacht haben und Neugier nach Formen und Farben und Hervorbringungen des Dickichts; und sollte sie abfallen, so fällt sie in die Fülle des Künftigen und trägt noch in ihrem letzten Zerfall dazu bei, es reicher, bunter, drängender und wachsender zu machen.“[2]

Rilke schreibt, als wolle er das Gleichnis vom Weizenkorn, das in die Erde fällt und stirbt, als wolle er das Schicksal Jesu, das ihn in Jerusalem ereilt, als wolle er die eigenen Erfahrungen der vielen kleinen „Tode“ und die Ahnung vom eigenen Sterben in eine Spannung stellen zwischen der „letzten Mauer“ und der „Fülle des Künftigen“.

Das könnte die eine Reaktion, die Reaktion der „Jünger“ sein: Erkennen, was Jesus meint; die Unausweichlichkeit des eigenen Sterbens erahnen, und sich fallen lassen in das, was unabweisbar ist – in der Hoffnung auf die „Fülle des Künftigen“. Der Blick nach vorn hat immer einen „Rahmen“, ein Licht, das auf ihn fällt. An jedem Abend beim Zubettgehen, in jeder Freundschaft und Beziehung, in allem, was Du planst oder ersehnst, zielt Rilke an dieser Stelle auf die „Fülle des Künftigen“. Erkennst Du Dich da wieder? Ich finde es unglaublich, eine Hoffnung oder sogar eine Zusage, die ihresgleichen sucht!

Es wird noch manches „Nikodemus-Gespräch“ an so manchen Abenden brauchen, bis dieses Bild, dieses Denkangebot, das Rilke mit Jesus verbindet, ohne weiteres in mich hineingeht und in mir zu Hause ist; zu lange trage ich das Bild der trennenden Mauer in Sachen Tod und Sterben mit mir herum.

Und doch lockt mich die „Fülle des Künftigen“ dazu, das Thema „Tod und Sterben“ in einem anderen Rahmen zu sehen. Lass uns doch mal darüber reden.

Amen.

Köln,12.03.2024
Harald Klein

[1] Rilke, Rainer Maria (1982): Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, in: Rainer Maria Rilke: Sämtliche Werke, herausgegeben vom Rilke-Archiv, in Verbindung mit Ruth Sieber-Rilke, besorgt durch Ernst Zinn, Bd.5, Erste Abteilung: Prosa, 2. Aufl., 109-346, hier: 151.

[2] Rainer Maria Rilke (1950): Brief an Annette de Vries-Hummes vom 25. August 1915, in: Rilke-Archiv Weimar (Hrsg.): Briefe, zwei Bände, Insel-Verlag, Wiesbaden.