Warum das und nichts anderes? (in max. 1000 Zeichen)
Heute, am 2. Juli, wäre Hesses 149. Geburtstag. Die unglaublich heißen Juni-Tage haben mich (einem „Junikind“) vermissen lassen, was Hesse in der ersten Strophe beschreibt: eine Verbundenheit zum Sommer, zu seinem Wachstum – es war zu heiß.
Das „Brennen“ der zweiten Strophe erlebte ich nachts, wenn der Körper kaum, der Geist schon gar nicht auskühlen konnte. Die „Bruderschaft zum roten Mohn“ habe ich als stetigen Durst wahrgenommen. Freuen konnte ich mich kaum am Jasmin, am Mohn, an den Ährenfeldern – es war zu heiß.
Jetzt kommen die Julinächte. Zwei Fragen gibt mir Hesse mit: (1) wie steht es um die Schönheiten des Tages vor dieser Nacht, die das Heute zum Gestern verwandelt? Was nehme ich mit in meine Nacht? Und (2): was hoffe und wünsche ich mir für diese, von dieser Nacht, die aus dem Morgen ein Heute macht? Welche Träume möchte ich mit Händen greifen? Welche Ernte hoffe ich einfahren zu können? Welche Ähren, welcher Mohn vermag meinen Hunger zu stillen?
Auf dass wir den Reigen vollenden.
Köln, 02.07.2026
Harald Klein
Hermann Hesse – Julikinder
Wir Kinder im Juli geboren
Lieben den Duft des weißen Jasmin,
Wir wandern an blühenden Gärten hin
Still und in schwere Träume verloren.
Unser Bruder ist der scharlachene Mohn,
Der brennt in flackernden roten Schauern
Im Ährenfeld und auf den heißen Mauern,
dann treibt seine Blätter der Wind davon.
Wie eine Julinacht will unser Leben
Traumbeladen seinen Reigen vollenden,
Träumen und heißen Erntefesten ergeben,
Kränze von Ähren und rotem Mohn in den Händen.
(Ludwig Finck gewidmet)
aus: Hesse, Hermann (2002): Sämtliche Werke in 20 Bänden, hrsg. von Volker Michels, Bd. 10: Die Gedichte, Frankfurt/Main, 156f – hier kannst du das Gedicht, gelesen von Hermann Hesse, in einer Rundfunkaufnahme von 1949 hören.