In der Heiligen Nacht – „Wenn der Frieden ein Preis wäre…“

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Frieden durch Aufstieg oder Frieden durch Abstieg?

Die Weihnachtsgeschichte lesen oder hören ist wie Kino im Kopf! Du hörst Namen wie Kaiser Augustus, Statthalter Quirinus, Maria, Josef; Du hörst von den Namenlosen, den Hirten auf dem freien Felde, vom Engel, dessen Herrlichkeit die Hirten umstrahlt, aus des Engels Mund zum ersten Mal den Namen Christus, der Herr, Du hörst den Hinweis auf das Kind in der Krippe, Du hörst vom himmlischen Heer, das von der Ehre Gottes in der Höhe und vom Frieden auf Erden singt.

In diesem Jahr geht es mir so, dass ich nicht weiß, ob Weihnachten mehr das Fest eines Abstiegs (eben Gottes zu den Menschen) oder mehr das Fest eines Aufstiegs (eben des/der Menschen zu Gott) ist. Wenn ich aber eines weiß, dann das: das zentrale Wort des Weihnachtsevangeliums in diesem Jahr ist für mich das Wort „Frieden“.

» In historischer Forschung, so viel ist wahr, lässt sich die Wirklichkeit Jesu nie anders herausfinden als im Annäherungswert vorsichtiger wissenschaftlicher Hypothesen; doch bedarf es deshalb eines solchen Amalgams doppelter Unaufrichtigkeit: einer historisierenden Dogmatik und einer dogmatisch geglaubten Historie? Man unterschlägt kirchlicherseits ganz einfach, dass die Frage nach dem, was Jesus war, eine falsch gestellte Frage ist. Sie ist im Prinzip unreligiös. Kein suchender Mensch, belastet mit der Frage, wie er sein Leben gestaltet, kann sich orientieren an der Frage dessen, was früher einmal gewesen ist. Er möchte wissen, was ist, und das buchstäblich muss ihm zur Einsicht werden. «
Drewermann, Eugen (1995): Das Matthäus-Evangelium, Bd. 3: Bilder der Erfüllung, Solothurn/Düsseldorf, 282f.

Vom Frieden erzählen

Ein Erstes: Die biblische Botschaft in der Heiligen Nacht steht eindeutig auf der Seite des Abstiegs vom Himmel zur Erde. Das Volk, das im Finstern ging, sah ein helles Licht; über denen, die im Land der Todesschatten wohnten, strahlte ein Licht auf“, heißt es in Jes 9,1. Und kurze Zeit später, in Jes 9,5 erzählt der Prophet: „Denn ein Kind wurde uns geboren, ein Sohn wurde uns geschenkt. Die Herrschaft wurde auf seine Schulter gelegt.“ Und wie gesagt: das Evangelium kennt die Engel, die vom „Frieden auf Erden“ sangen (vgl. Lk 2,14).

Ein Zweites: In seiner Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels spielen beim Preisträger Salman Rushdie die Mythen eine wichtige Rolle. Rushdie stellt fest: „Die Vorratskammer an Mythen ist wahrhaft riesig. Die Griechen natürlich, aber auch die nordische Prosa-Edda und Lieder -Edda, Äsop, Homer, der Ring der Nibelungen, die keltischen Legenden sowie die drei großen Sagenwelten Europas: jene Frankreichs mit ihren Geschichten um Karl den Großen, jene Roms mit Geschichten, die sich um das Weltreich drehen, und die Sagenwelt Großbritanniens, also die Legenden um König Artus. Hier in Deutschland wären die von Jakob und Wilhelm Grimm gesammelten Märchen zu nennen.“[1] Alle erzählen von Krieg und von Frieden. Auffällig, aber vielleicht aus der Biographie Rushdies zu verstehen, ist die Tatsache, dass weder die jüdische Tora noch die christliche Bibel oder der islamische Koran von ihm genannt werden. Alle drei stecken ebenfalls voller Mythen, d.h.: voller Erzählungen, die (so der Dichter Sallust im 1. Jhdt.v.Chr.) niemals waren und doch immer sind.[2] In Mythen geht es um etwas, was Menschen betrifft, sie erzählen zutiefst Menschliches, was sich praktisch in jedem Menschenleben ereignet.[3] Und an diesem Weihnachtsfest soll es eben um die Frage des einzelnen Menschen und der Menschheitsfamilie als Ganzer nach dem Frieden gehen: Geht Frieden durch Aufstieg, oder geht Frieden durch Abstieg? Oder wie?

» Nicht etwas zu machen lehrt uns das Bild des Kindbettes Jesus, sondern in uns wachsen zu lassen, was die Wesensgestalt unseres 'Engels' uns zeigt. «
Drewermann, Eugen (1992): Das Matthäus-Evangelium, Bd 1: Bilder der Erfüllung, Olten, 290.

Der Frieden – ein Preis?

Rushdie fährt fort: „Es stimmt, Fabeln haben mein Werk bestimmt, aber auch ein Friedenspreis hat etwas entschieden Fabelhaftes an sich. Mir gefällt übrigens der Gedanke, dass der Frieden selbst der Preis ist, dass die Jury Magisches kann, gar Fantastisches – eine Jury weiser Wohltäter, so unendlich mächtig, dass sie einmal im Jahr und keinesfalls öfter, einem einzigen Menschen und keinesfalls mehr, mit Frieden für ein ganzes Jahr belohnen darf. […] Ich überlege sogar, eine Geschichte darüber zu schreiben: ‚Der Mann, der den Frieden als Preis erhielt.‘“ [4]

Friede als Preis wofür? Ist Friede der Preis einer Jury weiser Wohltäter, den sie – von oben herab – stiftet, schenkt, austeilt, so, dass du in die Lage versetzt wirst, friedlich zu leben, Frieden zu stiften, andere in Frieden zu lassen? Oder ist Friede die Frucht Deines Tuns, Deines Unterlassens, Deiner Unterscheidungen und Entscheidungen, Deiner Entschiedenheit, sodass er – von unten nach oben – wächst, sich ausbreitet? Du kannst den Frieden annehmen, Du kannst ihn stiften.

Schau Dir die Figuren an der Krippe und in ihrem Umfeld an, oben sind sie genannt: Kaiser Augustus, Statthalter Quirinus, Maria, Josef; die namenlosen Hirten, der Engel in einer  Herrlichkeit vor den Hirten. Was glaubst Du, wie steht es bei ihnen um den Frieden? Von oben? Von unten? Überhaupt?

» ‚Nicht: Allah. Ach! werde ich ihn rufen.‘ Ich erbebte. ‚Er hat Recht‘, murmelte ich. [...] ‚Ach! wenn du leidest! Ach! wenn du staunst! Ach! wenn du betroffen bist! Du sagst es nicht zu einem anderen, sondern so sprichst du zu dir selbst. Gott ist nicht außerhalb deiner selbst, er ist innen. Gott – du unser Ich!‘ «
Halbfas, Hubertus (1981): Der Sprung in den Brunnen. Eine Gebetsschule, Düsseldorf, 107.

Der Gott des „Ach“

Wie gesagt: Ein Mythos erzählt, was niemals war und immer ist. Nicht nach historischer Richtigkeit oder chronologischer Fixierung soll man ihn befragen, sondern herausfinden, was er erzählt, erahnen, dass es um zutiefst Menschliches geht, um etwas, was jeden Menschen betrifft und was sich praktisch in jedem Menschenleben ereignet.[5]

Wie klingt das für Dich, Weihnachten so zu sehen, dass Dir eine „himmlische Jury“ den Frieden zusagt – von oben – und Du ihn mit Deinem Erleben in Verbindung bringst – von unten? Rushdie meint, diese Jury dürfe das nur einmal im Jahr bei einem Menschen machen. Jesaja spricht vom Volk, das im Dunkeln wandelt, und davon, dass uns ein Kind geboren und uns ein Sohn geschenkt wurde. Mit dem Weihnachtsfest ist klar, dass dieser himmlische Friede – mehr ein Attribut als eine Herkunftsangabe – tagtäglich und jedem Menschen geschenkt wird (von oben) und tagtäglich von jedem Menschen erfahren werden kann (von unten). Das ist der Mythos von Weihnachten – was niemals war und immer ist.

Der Religionspädagoge Hubertus Halbfas hat in seiner „Gebetsschule“[6] einen Begriff geprägt, in dem sich dieser Frieden Ausdruck verschafft. Es ist das kleine, sowohl staunende wie klagende als auch überraschte „Ach“. Halbfas erzählt von einem Gespräch zwischen einem islamischen Derwisch und einem Schüler: „‚Was für einen Namen gebt Ihr Gott, Ehrwürden?‘ – ‚Er hat keinen Namen‘, antwortete der Derwisch. ‚Gott kann man nicht in einen Namen pressen. Der Name ist ein Gefängnis. Gott ist frei.‘ – ‚Wenn ihr ihn aber rufen wollt? Wenn es notwendig ist, wie ruft ihr ihn? – ‚Ach!‘, antwortete er. ‚Nicht: Allah. Ach! werde ich ihn rufen.‘ Ich erbebte. ‚Er hat Recht‘, murmelte ich. […] ‚Ach! wenn du leidest! Ach! wenn du staunst! Ach! wenn du betroffen bist! Du sagst es nicht zu einem anderen, sondern so sprichst du zu dir selbst. Gott ist nicht außerhalb deiner selbst, er ist innen. Gott – du unser Ich!‘[7]

Noch einmal die Namen aus der Weihnachtsgeschichte: Kaiser Augustus, Statthalter Quirinus, Maria, Josef; die namenlosen Hirten, der Engel, dessen Herrlichkeit die Hirten umstrahlt. Kannst Du ihr „Ach!“ hören? Als einen Ruf nach Gott im eigenen Innern. Ein Ruf, der überrascht, der dankbar, der klagend klingt? Der ins und ans Eingemachte geht – weil hier Gott wohnt. Nicht nach oben, nicht nach unten, geradlinig, horizontal! Auf Augenhöhe. Aus diesem „Ach!“ erwächst Dir Frieden, aus diesem „Ach!“ erwächst der Frieden.

An diesem Weihnachtsfest kannst Du – will ich – an der Krippe stehen, mit nichts als dem „Ach!“ auf den Lippen und im Herzen. Du darfst mit mir gespannt sein, was sich zeigt, wer sich zeigt. Wenn es mit der Erfahrung von Frieden und der Anstiftung zum Frieden zu tun hat, sei gewiss: da ist die Krippe nicht weit! Amen.

Köln, 19.12.2023
Harald Klein

[1] Rushdie, Salman (2023): Wäre der Frieden ein Preis. Dankesrede anlässlich der Übergabe des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche. Text und Seitenzahlen beziehen sich auf den Sonderdruck des Börsenblattes des Deutschen Buchhandels, Frankfurt/Main, hier 27.

[2] Betz, Otto (2020): Der verborgene Logos in den Mythen. Die Kirchenväter und die vorchristliche Weisheit [online] https://quart-online.at/wp-content/uploads/2020/02/q2006_04_24.pdf [19.12.2023]

[3] Vgl. ebd.

[4] Rushdie, Salman, (2023), a.a.O., 29f.

[5] vgl. Betz, Otto (2020), a.a.O.

[6] Halbfas, Hubertus (1981): Der Sprung in den Brunnen. Eine Gebetsschule, Düsseldorf.

[7] a.a.O., 107.