Literaturempfehlung für die Picknickrunde

  • Anstößig - Darüber lohnt es zu reden
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Um was es geht

Bei einem Picknick zu fünft hat P. mich gebeten, doch einmal eine kleine und überschaubare Liste von Büchern vorzustellen, die zu lesen für mich ein Gewinn war und die ich guten Gewissens zu lesen ihm und ihnen empfehlen könne. Sehr gerne erfülle ich ihm und Euch Vieren diese Bitte.

Guten Gewissens…: Der Runde der anderen vier Teilnehmenden möchte ich dann natürlich vor allem „spirituelle“Bücher empfehlen, Bücher also, die vier Merkmale haben:

(1) Ihr Inhalt beschreibt eine Haltung, einen Geist, der alltagstauglich ist, der etwas ins Spiel bringt, was euch helfen kann, Euren Alltag in einem oder mehreren Punkten beglückender, heiler zu gestalten und zu bewältigen; eine Haltung, in die „hineinzuüben“ sich rundum lohnt.

(2) Diese Haltung, dieser Geist ist dialogisch, also nicht abgehoben oder versponnen, sondern in einer solchen Weise  vernünftig und der Vernunft zuzuordnen, dass Ihr euch und anderen Auskunft über eure Wahl, über euer Tun, über euer Unterlassen geben könnt, die verstanden werden kann, ohne dass es für andere zwingend notwendig zur Nachahmung ist. Dialogisch aber auch in dem Sinne, dass diese Haltung, dieser Geist Antwort zu geben vermag auf die Fragen, die die Welt an euch stellt – oder zumindest eine Richtung anzeigt, in der Antworten zu finden sind.

(3) Diese Haltung, dieser Geist, der in den Büchern beschrieben ist, soll euch helfen, in Eurem Menschsein zu wachsen, euch im Menschsein für euch selbst und im Menschsein für andere zu festigen – nicht unbedingt quantitativ, sondern qualitativ mehr im Humanum zu wachsen und sich darin einzuwurzeln. M.a.W.: es geht nicht um ein quantitatives , sondern um ein qualitatives Mehr an Menschsein, nicht um ein Mehr an „Haben“ als vielmehr um ein Mehr an „Sein“.

(4) Und zum Schluss – und eher ad libitum – die Frage, ob diese Haltung, dieser Geist irgendwo oder irgendwem zugeordnet werden kann; ist diese Haltung, dieser Geist vielleicht eher christlich oder eher buddhistisch geprägt, kommt sie aus der Sozial- oder der Systemischen Psychologie, hat sie ihre Wurzeln im Existenzialismus, in der Phänomenologie, in der Tugendethik? Ist diese Haltung, dieser Geist politisch motiviert und in der Politikgeschichte erwachsen , eher links, eher grün, eher konservativ? Das dient aber nur dem eigenen Einordnen und der Suche nach Gefährtinnen und Gefährten – hütet Euch bitte vor jedem „objektiven“ mehr richtig oder mehr falsch, sondern fragt nach dem, was eher zu euch passt oder euch anspricht, einlädt, vielleicht sogar fordert. Denn was nützt die schönste Lektüre, wenn Ihr das, was Ihr verstanden habt, nicht mit anderen teilen können und miteinander ausprobierend lebt?!

Ich habe in P.‘s Bitte für mich verstanden: Das einzige Kriterium, das mir aufgegeben wurde, ist, Bücher zu benennen, die ansprechend zu lesen sind, die etwas mit der gegenwärtigen Welt zu tun haben und (ok, dieses Kriterium habe ich mir selbst aufgegeben) die einen Gewinn entlang dieser vier genannten Kriterien versprechen. Dem komme ich gerne nach, ganz ohne „Ranking“ – ich habe die Werke nach dem Nachnamen der Autor*innen gelistet.

Und hier kommen die fünf Bücher!

» Vielleicht war es kein Glück, dass sich die RICHTIGEN Menschen trafen, sondern dass sich die richtigen Menschen TRAFEN. Vielleicht sind es nicht die Menschen, die diese Geschichten besonders machen, vielleicht sind es die Situationen.«
Berbner, Bastian (2021): 180 Grad – Geschichten gegen den Hass, 4. Aufl., München, 26.

Berbner, Bastian (2019): 180o. Geschichten gegen den Hass, München: Die Kontakthypothese des amerikanischen Sozialpsychologen Gordon Allport von 1954 (!) besagt vereinfacht: „Wenn man sich kennenlernt, ist es schwieriger, sich zu hassen.“ In verschiedenen Aktionen führt Berner Menschen aus den verschiedensten „Lagern“ und „Lagen“ der Gesellschaft zusammen und unternimmt gemeinsame Aktionen, oft so, dass der eine auf die Hilfe und Unterstützung des „Gegners“ angewiesen ist. Das Erleben einer gespaltenen Gesellschaft  passiert hier „in nuce“, im Kern oder im Kleinen, und es macht Freude, den Perspektivenwechsel in den Haltungen, im Geist zwischen den Beteiligten zu lesen oder im Podcast, der das Buch begleitet, mit Originalstimmen zu hören.

Ausführlicher erzähle ich davon in meiner Rezension des Buches und in der Sammlung von Zitaten unter der Rubrik „verw:ortet“.  Den Podcast von Bastian Berbner zum Buch trägt den Titel „Hundertachtzig Grad. Geschichten gegen den Hass“.

» Identität ist ein verflucht anstrengendes Konzept. Erkenne dich, sei du selbst, vergiss nicht, wo du herkommst, check your privilege, bleib dir treu, mach dein Ding und vor allem, sei authentisch. Das ist der gesellschaftliche Konsens und Alltagsideologie: Authentizität. Aber was soll das bedeuten? Wer bin ich denn? Ein unstetes Kerlchen aus zermürbenden Selbstzweifeln und Haarausfall? Ein neurotischer Jude? Dazu soll ich stehen? Das soll meine Identität sein? Und dazu soll ich auch noch eine passende politische Haltung entwickeln? Uff! Als Hochstapler hingegen muss ich gar nichts. Als Hochstapler muss ich bloß anwesend sein. Ein Name und ein Körper. Geschlecht: männlich, Hautfarbe: weiß, Privileg: Aber sicher, aber gerne! Ich stapel hoch! «
Ginsburg, Tobias (2021): Die letzten Männer des Westens. Antifeministen, rechte Männerbünde und die Krieger des Patriarchats, Hamburg, 274f.

Ginsburg, Tobias (2012): Die letzten Männer des Westens. Antifeministen, Rechte Männerbünde und die Krieger des Patriarchats, Hamburg. Es ist schon vier Jahre her, dass ich dieses erschütternde Buch gelesen habe, dennoch kommt es in den Reigen der Empfehlungen. Es ist wirklich nicht nur ein Buch von Männern für Männer. Tobias Ginsburg ist Schriftsteller, Theaterregisseur und Journalist, bekannt wurde er allerdings durch die Undercover-Recherchen zu diesem Buch über Rechtsextreme, Reichsbürger und Fanatiker. Ginsburg setzt an bei der „gekränkten Männlichkeit“, die in einer „Männer-Gesellschaft“ dadurch entsteht, dass außerhalb ihrer Gruppierungen ihre Bilder davon, wie Männer zu sein haben, nicht nur abgelehnt, sondern vor allem ignoriert werden.

Ginsburg taucht ein in die Gruppe der „Incels“, der „involuntary Celebates“, d.h. der unfreiwilligen Zölibatären oder Enthaltsamen, er besucht und nimmt Teil an Treffen von rechtsextremen Männerbünden, teilt die Texte faschistischer Rapper, zeigt männerbündische und faschistische Vernetzungen über die Grenzen hinaus an – und nennt im Buch offen Namen derer, die dazugehören, Namen, die ich zum Teil aus Politik, Gesellschaft, Wirtschaft kenne. Es gibt hier kein „das war mal“, es gibt nur ein „das ist“. Wenn ihr euch an die Enthüllungen von „Correctiv“ über den „Geheimplan gegen Deutschland“ und die Teilnehmenden dieses Treffens in Potsdam erinnert, oder wenn ihr die Umstände um die Reichsbürgerbewegung und die Verhaftung Heinrich VIII. Prinz Reuß im Herbst 1924 noch vor Augen habt, dann wisst ihr, was ich mit „das ist“ meine.

Zu diesem Buch kann ich euch eine Rezension anbieten.

» Es ist aus meiner Sicht ein nicht wegzudiskutierender Beweis, wie tief die Ideologie der Steigerung und des Wettbewerbs in die Köpfe junger Menschen eingebrannt ist, dass überhaupt nicht mehr hinterfragt wird, ob es denn notwendig ist, dass alle Bedürfnisse des Menschen ständig und vollständig erfüllt werden. «
Kindler, Jean-Philippe (2023): Scheiß auf Selflove, gib mir Klassenkampf. Eine neue Kapitalismuskritik, Reinbek, 138f..

Kindler, Jean-Philippe (2023): Scheiß auf Selflove. Gib mir Klassenkampf, 2. Aufl., Reinbek: In Duisburg 1996 geboren, empfinde ich Jean-Philippe Kindler als „einen von uns“, er hätte schön die Picknickrunde gepasst, und wir hätte uns über seinen Humor weggeschmissen. Faszinierend ist, dass er in einer humoresken Weise in kurzen Geschichten, beim Poetry Slam Lesende oder Hörende zum Lachen bringt – und gleichzeitig sagt, dass doch etwas nicht stimmt. Sein Beitrag „Mindesthohn“ in einem Poetry-Slam von 2018 ist dafür ein toller Beleg.

Sein knappes, aber absolut informelles und ansteckendes Buch weist eine Vokabel auf, die das Rechtschreibeprogramm von Word bisher nicht kannte: „repolitisieren“. Kindlers Ansatz im Buch: Es gibt Sachverhalte, die sind uns neoliberal so lange mitgeteilt worden, bis wir sie glauben, z.B. (ein Allgemeinplatz) wenn du nicht dahin kommst, wo du wirklich hinwillst, hast du dich nicht genug angestrengt; oder von Politikern in Sachen Klimapolitik: wenn das Wasser teurer wird, nimm halt einen Wachlappen und dreh das Wasser beim Duschen während des Einseifens ab; oder: wenn es zu kalt ist in der Wohnung, zieh einen Pullover mehr an; peinlich dass diese „Tipps“ von einem Grünen und einem Sozialdemokraten kommen – ein Beleg dafür, wie tief der Liberalismus und der Neoliberalismus uns in den Knochen sitzt.

Jean Philipe Kindler stellt – wie gesagt: mit Humor – die Tendenz an den Pranger, alles selbst machen und durch Selbstoptimierung und einem guten Maß an Selbstannahme oder Selbstliebe/Selflove mit sich selbst ausmachen zu wollen, das erklärt das „Scheiß auf Selflove“ im Titel des Buches. Man kann – ein Beispiel für viele – die Not einer alleinerziehenden Mutter, eines alleinerziehenden Vater eben nicht „wegatmen“, da hilft kein „gelassenes Hinspüren“. Er sagt auch nicht, dass alle Missstände, die er aufzeigt, von der Politik zu lösen seien. Aber er fordert Repolitisierung, d.h.: es ist und bleibt Aufgabe der Politik, für Umstände und Verhältnisse zu sorgen, aufgrund derer politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche Schieflagen durch Veränderungen und Zusammenschlüsse der Bürger*Innen wieder ins Lot gerückt werden. Erforderlich dazu ist, entsprechenden des sozialistischen Erbes, der Zusammenschluss der Klassen und nicht das Nebeneinander der Ichlinge (das letzte Wort ist von mir, und zugegeben, das Ganze ist jetzt sehr kurzgefasst und eher die Tendenz seines Denkens). Kindler denkt diesen Ansatz auf fünf Themenkreise hin, auf die Armutsfrage, auf die Frage nach der Klimakrise, auf die Frage nach der Demokratie und ihrem Stand, auf die Frage nach einem adäquaten Linkssein und- besonders spannend – auf die Frage nach einem guten Leben. In allen fünf Themenkreisen sei eine Repolitisierung nötig, und wenn es dich juckt, den Zusammenhang zwischen „Repolitisierung“ und dem „guten Leben“ zu verstehen, dann ist Kindlers kleines Buch genau richtig für dich.

Eine Sammlung von Zitaten aus Kindlers Buch findet ihr unter der Rubrik „verw:ortet“.

» Hier scheint es zunächst wichtig, zwischen ‚Werten‘ und ‚Interessen‘ zu unterscheiden. Das ist nicht immer leicht, denn beides sind Kriterien, an denen wir Entscheidungen ausrichten. Während ein Wert die Haltung eines Menschen gegenüber dem Leben zum Ausdruck bringt, richtet sich ein Interesse darauf aus, etwas zu bekommen. «
Knapp, Natalie (2013): Kompass neues Denken. Wie wir uns in einer unübersichtlichen Welt orientieren können, 3. Aufl., Reinbek, 49.

Knapp, Natalie (2013): Kompass neues Denken. Wie wir uns in einer unübersichtlichen Welt orientieren können, Reinbek: Die Weiterentwicklung der Modernen beschreibt Natalie Knapp mit den drei Worten „einfach“ – „kompliziert“ – „komplex“ und verdeutlicht es sehr klar am Beispiel des Fußballspiels: die „Tor-Regel“ als „einfache Regel“, die „Abseitsregel“ als komplizierte Regel, weil so viel zu dabei zu beachten ist, und alles, was nicht von den Spielenden selbst beeinflussbar ist, was aber das Spiel beeinflussen kann, ist eben komplex. – Ihr merkt es schon, hier ist von „Regel“ keine Rede mehr. Warum das so ist, und warum nur Haltungen und keine Regeln in komplexen Situationen sinnvoll sind, erklärt Natalie Knapp in ihrem Buch.

Ihr könntet auch so sagen: Je mehr Menschen an Euren Leben mit herumpfuschen, desto komplexer wird dieses Leben eben. Natalie Knapp schließt die Evolution allen Lebens und jede Evolution unserer Leben als „Optimierungsprozess“ aus und schlägt das Bild des Lebens und seiner Evolution als „neugierigen Erkundungsgang“ vor. Da mag unser schönes Picknick ein Beleg sein – wir haben uns nicht im Rahmen eines Optimierungsprozesses ausgesucht, sondern sind zufällig zusammengekommen. Leben aus dieser Selbstorganisation, in Gelassenheit und mit viel Vertrauen – die Autorin gibt Auskunft zu den vier Merkmalen, aufgrund derer ich die Bücher ausgesucht habe und die ich euch oben genannt habe, ohne dass sie sie m.E. kennt.

Zu diesem Buch kann ich Euch einerseits eine Rezension und andererseits unter „verw:ortet“ eine Sammlung von Zitaten anbieten – veröffentlich sind Zitate aus dem 1. Teil des Buches, im September folgen dann Zitate aus dem 2. und 3. Teil.

» Die AfD hat verstanden, wie sie diese Unsicherheiten gezielt anspricht. Sie bietet vermeintli-che Lösungen, die auf den ersten Blick plausibel wirken, aber oft Ängste verstärken und in der Wirklichkeit sogar gegen die eigenen Interessen gehen würden. […] Die Aufgabe demokratischer Kräfte besteht also darin, konkrete Lösungen für die Ängste der Menschen anzubieten – Lösungen, die auf einem solidarischen und inklusiven Narrativ aufbauen. «
Starken, Sally Lisa (2025): Zu Besuch am rechten Rand. Warum Menschen AfD wählen, 2. Aufl., München , 228 und 232.

Starken, Sally Lisa (2025): Zu Besuch am rechten Rand. Warum Menschen AfD wählen, 2. Aufl., München: „Die Demokratie muss bleiben. Ihr müsst Mensch sein. Nichts weiter.“ Noch vor dem Prolog ihres Buches setzt Sally Lisa Starken dieses Zitat der Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer, die in diesem Jahr am 09. Mai, zwei Tage nach ihrer Rede zum 80. Jahrestag des Kriegsendes in Deutschland im Berliner Roten Rathaus – wenn ihr wollt, könnt ihr da schon der 3. Kriterium „Wachsen im Humanum – heraushören. Sally Lisa Starken ist freie Journalistin, die sich einfach was traut. Sie muss stark auf Instagram sein, was ich nicht habe. Sie ist stark im Podcast „Die Informantin“, in dem sie zweimal wöchentlich das Politgeschehen in Deutschland und auch darüber hinaus in kurzen Kommentaren durchleuchtet. Der Frage, warum Menschen die AfD wählen, hat sie schlicht vor Ort und mit Menschen, die AfD wählen, zu beantworten versucht. Dabei klärt sie systematisch, wie die AfD sich in unseren Alltag hat schleichen können, welche Rolle das „Wir“ und „die Anderen“ spielt, wer durch die Türe in der Brandmauer geht, warum Frauen und warum Migranten nicht nur die AfD wählen, sondern ihr sogar beitreten, wie sehr der TikTok-Tanz nach rechts abbiegt – und schließlich, was uns übrig bleibt zu tun bzw. was wir besser lassen sollen.

In meinem Kriterien Katalog: alltagstauglich bis zum Anschlag; dialogisch, dass es beinahe wehtut – ich hätte mir die Gespräche nicht zugetraut! –; das Humanum zeigt sich eher in der Weise, wie es verkommt, und es gibt eine Aufforderung, dafür zu sorgen, dass es eben nicht verkommt, sondern erhalten bleibt; und ihrer Herkunft nach als freie Journalistin im Polit-Bereich ist das Buch eine Hommage an eine gute und den Menschen nahe Form der Demokratie und des demokratischen Handelns. Ich habe sehr viel gelernt anhand dieses Buches, und der „Handlungsleitfaden gegen rechtsextreme Parolen, den Sally Lisa Starken anbietet, ist Gold wert.

Mit einer Zitatesammlung unter „verw:ortet“ könnt Ihr erst im Oktober rechnen. Wenn es Euch dient, kann ich Euch aber das Skript mit den ausgewählten Zitaten zukommen lassen.

Und jetzt ihr! Es gibt wenig Anlässe, die sich bei einem Glas frühherbstlichen Weines so gut besprechen lassen, wie der Austausch über das, was man in einem guten Buch für sich entdeckt hat.

Und Danke für den schönen Auftrag!

Köln, 11.08.2025
Harald Klein