Lyrik, die mich findet und mir Worte schenkt

  • Aus der Reihe getanzt - Gedankensplitter
  • –   
  • –   

Um was es geht

Im ausgehenden Jahr habe ich Monat für Monat eines der Gedichte, die mir „zugefallen“ sind, auf der Homepage  festgehalten und so eine kleine Sammlung mit zwölf (und mehr) Gedichten“ wachsen lassen.

Hier lege ich die Monatsgedichte, nun nach Monaten von Januar bis Dezember sortiert, noch einmal vor. Jedem Monat ein einziges Gedicht zugeordnet. Die Lyrik, die mich über diese Sammlung hinaus in den letzten Jahren begleitet hat, ist auf der Seite „Ein Gedicht, zum Beten geeignet“ abgelegt.

Ich freue mich, wenn du dich von der Schönheit der Sprache anstecken lässt.

Auf dass unser kommendes Jahr wenn schon nicht zum Gedicht wird, so doch … – suche es dir aus.

Köln, 30.12.2025
Harald Klein

Monatsgedicht im Januar 2025

Juliane Liebert: grob gefasst

grob gefasst ist
das menschliche Herz
ein kegelförmiges, muskulöses
hohlorgan
in etwa so groß wie die faust
des betreffenden

aus: Liebert, Juliane (2021): Lieder an das große nichts, Berlin; in: Worms, Oliver (Hrsg.) (2024): Dreizehn + 13 Gedichte, Themenheft Liebe, Hamburg, 118.

Monatsgedicht im Februar 2025

Lutz Rathenow: Eine

Der Duft dieser Haut,
die Millimeter nachgibt
dem Finger auf ihr. Härchen,
fasst unsichtbar. Ein Geschmack.
Der keinen Vergleich kennt.

Eine Berührung
Ändert den Kosmos.

aus: Rathenow, Lutz (2021): Maskierungszärtlichkeit, Dresden; in: Worms, Oliver (Hrsg.) (2024): Dreizehn + 13 Gedichte, Themenheft Liebe, Hamburg, 122.

Monatsgedichte im März 2025

Peter Rühmkorf: Bleib erschütterbar und widersteh

Also heut: zum Ersten, Zweiten, Letzten:
Allen Durchgedrehten, Umgehetzten,
was ich, kaum erhoben, wanken seh;
gestern an- und morgen abgeschaltet;
Eh dein Kopf zum Totenkopf erkaltet:
Bleib erschütterbar – doch widersteh!

Die uns Erde, Wasser, Luft versauen
– Fortschritt marsch! Mit Gas und Gottvertrauen –
Ehe sie dich einvernehmen, eh
du im Strudel bist und schon im Solde,
wartend, dass die Kotze sich vergolde:
Bleib erschütterbar – und widersteh.

Schön, wie sich die Sterblichen berühren –
Knüppel zielen schon auf Hirn und Nieren,
dass der Liebe gleich der Mut vergeh …
Wer geduckt steht, will auch andre biegen
(Sorgen brauchst du dir nicht selber zuzufügen;
alles, was gefürchtet wird, wird wahr!)
Bleib erschütterbar.
Bleib erschütterbar – doch widersteh.

Widersteht! Im Siegen Ungeübte,
zwischen Scylla und Charybde
schwankt der Wechselkurs der Odyssee …
Finsternis kommt reichlich nachgeflossen;
aber du mit – such sie dir! – Genossen!
teilst das Dunkel, und es teilt sich die Gefahr
leicht und jäh —
Bleib erschütterbar!
Bleib erschütterbar – und widersteh.

aus: Worms, Oliver (Hrsg.) (2023): Sechzehn + 16 Gedichte, Sonderheft zum Tag der Deutschen Einheit, Hamburg, 50-57, hier: 52.

Monatsgedicht im April 2025

Rose Ausländer -April II

Auf meinem Fenster
steht ein fremder Vogel
bringt mir April auf Flügeln
Hinter der Scheibe
atmen die Bäume
Ich unterstütze sie
mit meinem Atem
Wir sind Freunde
Die ersten Gräser winken
ich kann nicht kommen
aber ich liebe sie und
die sie schön beleuchtet
Mutter Sonne

Ich warte auf das Anfangswort

aus: Ausländer, Rose (1984): Gesammelte Werke in sieben Bänden. Hrsg. von Helmut Braun [Bd. 7] Ich höre das Herz des Oleanders. Gedichte 1977-1979. Frankfurt/Main, 292.

Monatsgedicht im Mai 2025

Karl Krolow – Frühling im großen und ganzen

Im großen und ganzen
geht es mit dem Blühen
gut.
Erst eine Blume,
danach andere.
Das alles in verschiedenen
Farben.
Die kolorierte Landschaft
versorgt Spaziergänger
mit ihren Bedürfnissen:
Man kommt
auf grün zurück;
Vogelflug und
In-die-Hände-Klatschen.
Die aufgeheiterte Tageszeit
nimmt man gern ans Herz.

aus: Krolow Karl (1975): Gesammelte Gedichte, Frankfurt/Main, 88.

Monatsgedicht im Juni 2025

Rose Ausländer – Der Löwenzahn

Die weiße Kugel
des Löwenzahns
hat winzige Zähne
aus Hauch

Vielfach versponnen
locker geschlossen
die spinnfeinen Fäden
bleiben beisammen
in ihrem luftigen Bau
aus Fühlern Ordnung und Luft

Wenn nicht der Wind
in sie fährt
bleibt die
empfindlichste Blume
unvermehrt

aus: Ausländer, Rose (1985): Gesammelte Werke in sieben Bänden. Hrsg. von Helmut Braun [Bd. 2] Die Sichel mäht die Zeit zu Heu, Gedichte 1957-1965, Frankfurt/Main, 218.

Monatsgedicht im Juli 2025

Christian Morgenstern – Mensch und Blitz

Nächtiges Gewitterlicht,
schütte rings um dieses Haus
deines Blendwerks Füße aus,
doch es selber rühre nicht.

Denn in seinem Dunkel schläft,
der dich sein Geschwister heißt,
Blitze, wenn ihr diesen träft,
träft ihr Geist von eurem Geist.

aus: Morgenstern, Christian (1965): Gesammelt Werke in einem Band, hrsg. von Margareta Morgenstern, München, 132f.

Monatsgedicht im August 2025

Gottfried Benn – Einsamer nie –

Einsamer nie als im August:
Erfüllungsstunde -, im Gelände
die roten und die goldnen Brände,
doch wo ist deiner Gärten Lust?

Die Seen hell, die Himmel weich,
die Äcker rein und glänzen leise,
doch wo sind Sieg und Siegsbeweise
aus dem von dir vertretenen Reich?

Wo alles sich durch Glück beweist
und tauscht den Blick und tauscht die Ringe
im Weingeruch, im Rausch der Dinge-:
dienst du dem Gegenstück, dem Geist.

aus: Benn, Gottfried (1983): Statische Gedichte, hrsg. von Paul Raabe, Zürich, 59.

Monatsgedicht im September 2025

Berthold Brecht – Alljährlich im September, wenn die Schulzeit beginnt

Alljährlich im September, wenn die Schulzeit beginnt
Stehen in den Vorstädten die Weiber in den Papiergeschäften
Und kaufen die Schulbücher und Schreibhefte für ihre Kinder.
Verzweifelt fischen sie ihre letzten Pfennige
Aus den abgegriffenen Beutelchen, jammernd
Dass das Wissen so teuer ist. Dabei ahnen sie nicht
Wie schlecht das Wissen ist, das für ihre
Kinder bestimmt ist.

aus: Berthold Brecht (1993): Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, hrsg. von Werner Hecht, Jan Knopf, Werner Mittenzwei, Klaus Detlef Müller, Bd. 14: Gedichte IV, Frankfurt/Main 371.

Monatsgedicht im Oktober 2025

Rainer Maria Rilke – Herbst

Die Blätter fallen, fallen wie von weit
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

aus: Rilke, Rainer Maria (1982): Werke in sechs Bänden, Bd. 1: Gedicht-Zyklen, Frankfurt/Main, 156.

Monatsgedichte im November 2025

Rainer Maria Rilke – Der Tod ist groß

Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.

aus: Aus: Rilke, Rainer Maria (1982): Werke in sechs Bänden, Bd. 1: Gedicht-Zyklen, Frankfurt/Main, 233.

Monatsgedicht im Dezember 2025

Rainer Maria Rilke – Vor lauter Lauschen und Staunen still sein

Vor lauter Lauschen und Staunen sei still,
du mein tieftiefstes Leben;
dass du weißt, was der Wind dir will,
eh noch die Birken beben. Und wenn dir einmal das Schweigen sprach,
lass deine Sinne besiegen.
Jedem Hauche gib dich, gib nach,er wird dich lieben und wiegen. Und dann, meine Seele, sei weit, sei weit,
dass dir das Leben gelinge,
breite dich wie ein Federkleid
über die sinnenden Dinge.

aus: Rilke, Rainer Maria (1909): Neue Gedichte, 2. Aufl., [online] http://www.gedichte.eu/71/rilke/fruehen-gedichte/vor-lauter-lauschen-und.php [30.11.2025]