Um was es geht
Es mag den einen oder anderen Tag geben, an dem mir Lyrik in ihren vielen Formen nicht begegnet – eine Woche, geschweige denn einen Monat ohne Lyrik kenne ich nicht. Vielfach werden die kleinen und kurzen Texte dann in anderes „eingebaut“ – dabei könnte es geschehen, dass sie ihres Eigenwertes verlustig werden.
So möchte ich in diesem Jahr beginnen, die Sammlung „Ein Gedicht, zum Beten geeignet“ einerseits zu erweitern. Andererseits werden die „Newcomer“ unter den Gedichten hier aber zeitlich zugeordnet und Monat für Monat als „persönliches aktuelles Thema“ in Erinnerung und in den Blick gebracht. Titel, Text, Quelle werden genannt, meine persönliche Einordnung soll genau das bleiben: persönliche Einordnung!.
Auf dass die Freude an Sprache, an Bild und an Bildsprache mir erhalten und vielleicht bei dir geweckt werde.
Köln, 01.02.2025
Harald Klein
Monatsgedicht im Dezember 2025:
Rainer Maria Rilke – Vor lauter Lauschen und Staunen still sein
Vor lauter Lauschen und Staunen sei still,
du mein tieftiefstes Leben;
dass du weißt, was der Wind dir will,
eh noch die Birken beben.
Und wenn dir einmal das Schweigen sprach,
lass deine Sinne besiegen.
Jedem Hauche gib dich, gib nach,
er wird dich lieben und wiegen.
Und dann, meine Seele, sei weit, sei weit,
dass dir das Leben gelinge,
breite dich wie ein Federkleid
über die sinnenden Dinge.
Aus: Rilke, Rainer Maria (1909): Neue Gedichte, 2. Aufl., [online] http://www.gedichte.eu/71/rilke/fruehen-gedichte/vor-lauter-lauschen-und.php [30.11.2025]
Monatsgedichte im November 2025
Rainer Maria Rilke – Der Tod ist groß
Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.
Aus: Rilke, Rainer Maria (1982): Werke in sechs Bänden, Bd. 1: Gedicht-Zyklen, Frankfurt/Main, 233. Monatsgedicht im Oktober 2025
Monatsgedicht im Oktober 2025
Rainer Maria Rilke – Herbst
Die Blätter fallen, fallen wie von weit
als welkten in den Himmeln ferne in Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.
Aus: Rilke, Rainer Maria (1982): Werke in sechs Bänden, Bd. 1: Gedicht-Zyklen, Frankfurt/Main, 156.
Monatsgedicht im September 2025
Berthold Brecht – Alljährlich im September, wenn die Schulzeit beginnt
Alljährlich im September, wenn die Schulzeit beginnt
Stehen in den Vorstädten die Weiber in den Papiergeschäften
Und kaufen die Schulbücher und Schreibhefte für ihre Kinder.
Verzweifelt fischen sie ihre letzten Pfennige
Aus den abgegriffenen Beutelchen, jammernd
Dass das Wissen so teuer ist. Dabei ahnen sie nicht
Wie schlecht das Wissen ist, das für ihre
Kinder bestimmt ist.
Aus: Berthold Brecht (1993): Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, hrsg. von Werner Hecht, Jan Knopf, Werner Mittenzwei, Klaus Detlef Müller, Bd. 14: Gedichte IV, Frankfurt/Main 371.
Monatsgedicht im August 2025
Gottfried Benn – Einsamer nie –
Einsamer nie als im August:
Erfüllungsstunde -, im Gelände
die roten und die goldnen Brände,
doch wo ist deiner Gärten Lust?
Die Seen hell, die Himmel weich,
die Äcker rein und glänzen leise,
doch wo sind Sieg und Siegsbeweise
aus dem von dir vertretenen Reich?
Wo alles sich durch Glück beweist
und tauscht den Blick und tauscht die Ringe
im Weingeruch, im Rausch der Dinge-:
dienst du dem Gegenstück, dem Geist.
aus: Benn, Gottfried (1983): Statische Gedichte, hrsg. von Paul Raabe, Zürich, 59.
Monatsgedicht im Juli 2025
Christian Morgenstern – Mensch und Blitz
Nächtiges Gewitterlicht,
schütte rings um dieses Haus
deines Blendwerks Füße aus,
doch es selber rühre nicht.
Denn in seinem Dunkel schläft,
der dich sein Geschwister heißt,
Blitze, wenn ihr diesen träft,
träft ihr Geist von eurem Geist.
aus: Morgenstern, Christian (1965): Gesammelt Werke in einem Band, hrsg. von Margareta Morgenstern, München, 132f.
Monatsgedicht im Juni 2025
Rose Ausländer – Der Löwenzahn
Die weiße Kugel
des Löwenzahns
hat winzige Zähne
aus Hauch
Vielfach versponnen
locker geschlossen
die spinnfeinen Fäden
bleiben beisammen
in ihrem luftigen Bau
aus Fühlern Ordnung und Luft
Wenn nicht der Wind
in sie fährt
bleibt die
empfindlichste Blume
unvermehrt
aus: Ausländer, Rose (1985): Gesammelte Werke in sieben Bänden. Hrsg. von Helmut Braun [Bd. 2] Die Sichel mäht die Zeit zu Heu, Gedichte 1957-1965, Frankfurt/Main, 218.
Monatsgedicht im Mai 2025
Karl Krolow – Frühling im großen und ganzen
Im großen und ganzen
geht es mit dem Blühen
gut.
Erst eine Blume,
danach andere.
Das alles in verschiedenen
Farben.
Die kolorierte Landschaft
versorgt Spaziergänger
mit ihren Bedürfnissen:
Man kommt
auf grün zurück;
Vogelflug und
In-die-Hände-Klatschen.
Die aufgeheiterte Tageszeit
nimmt man gern ans Herz.
aus: Krolow Karl (1975): Gesammelte Gedichte, Frankfurt/Main, 88.
Monatsgedicht im April 2025
Rose Ausländer -April II
Auf meinem Fenster
steht ein fremder Vogel
bringt mir April auf Flügeln
Hinter der Scheibe
atmen die Bäume
Ich unterstütze sie
mit meinem Atem
Wir sind Freunde
Die ersten Gräser winken
ich kann nicht kommen
aber ich liebe sie und
die sie schön beleuchtet
Mutter Sonne
Ich warte auf das
Anfangswort
aus: Ausländer, Rose (1984): Gesammelte Werke in sieben Bänden. Hrsg. von Helmut Braun [Bd. 7] Ich höre das Herz des Oleanders. Gedichte 1977-1979. Frankfurt/Main, 292.
Monatsgedichte im März 2025
Hermann Hesse: Stufen
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
aus: Hesse, Hermann (1997): Die Gedichte. Mit einem Nachwort von Volker Michels, Berlin, 676.
Peter Rühmkorf: Bleib erschütterbar und widersteh
Also heut: zum Ersten, Zweiten, Letzten:
Allen Durchgedrehten, Umgehetzten,
was ich, kaum erhoben, wanken seh;
gestern an- und morgen abgeschaltet;
Eh dein Kopf zum Totenkopf erkaltet:
Bleib erschütterbar – doch widersteh!
Die uns Erde, Wasser, Luft versauen
– Fortschritt marsch! Mit Gas und Gottvertrauen –
Ehe sie dich einvernehmen, eh
du im Strudel bist und schon im Solde,
wartend, dass die Kotze sich vergolde:
Bleib erschütterbar – und widersteh.
Schön, wie sich die Sterblichen berühren –
Knüppel zielen schon auf Hirn und Nieren,
dass der Liebe gleich der Mut vergeh …
Wer geduckt steht, will auch andre biegen
(Sorgen brauchst du dir nicht selber zuzufügen;
alles, was gefürchtet wird, wird wahr!)
Bleib erschütterbar.
Bleib erschütterbar – doch widersteh.
Widersteht! Im Siegen Ungeübte,
zwischen Scylla und Charybde
schwankt der Wechselkurs der Odyssee …
Finsternis kommt reichlich nachgeflossen;
aber du mit – such sie dir! – Genossen!
teilst das Dunkel, und es teilt sich die Gefahr
leicht und jäh —
Bleib erschütterbar!
Bleib erschütterbar – und widersteh.
aus: Worms, Oliver (Hrsg.) (2023): Sechzehn + 16 Gedichte, Sonderheft zum Tag der Deutschen Einheit, Hamburg, 50-57, hier: 52.
Monatsgedichte im Februar 2025
Lutz Rathenow: Eine
Der Duft dieser Haut,
die Millimeter nachgibt
dem Finger auf ihr. Härchen,
fasst unsichtbar. Ein Geschmack.
Der keinen Vergleich kennt.
Eine Berührung
ändert den Kosmos.
aus: Rathenow, Lutz (2021): Maskierungszärtlichkeit, Dresden; in: Worms, Oliver (Hrsg.) (2024): Dreizehn + 13 Gedichte, Themenheft Liebe, Hamburg, 122.
Peter Rühmkorf: Komm heraus
Komm raus aus deiner Eber-Einzelbucht,
aus deiner Ludergrube.
Komm raus aus deiner kaskoversicherten Dunkelkammer!
Auch dein Innenleben
findet öfter statt, merk ich gerade –
(Komm raus aus deinem Farbbandkäfig)
Im Prinzip – ja? – P r i n z i p
sind doch längst alle Schleusen geöffnet, Gitter gefallen …
Immer noch vielerlei Licht hier, wo sich
keine Anzeigenseite dazwischenschiebt,
keine Helium-Annonce -:
DIE SONNE
unverwandt, mit angezogenen Strahlen –
(Komm raus aus deinem Leichen-Entsafter)
Vor dir das Meer und hinter dir
die Waschmaschine …
(aus deinem Metzelwerk, aus deinem Familien-Gefrierfach)
Hier nichts gewollt zu haben
Ist soviel wie verspielt, das weißt du, oder?
Heda, du eingerahmtes Tier, du kriegst
den Kopf wohl gar nicht mehr raus aus dieser Paste, laß sehn!
Unbeugsam reflektierst du dich
an der Schreibtischkante –
(eisern nach innen blickend, ein Vesuv mit geschlossenen Augen)
Komm raus aus deinem handversiegelten Hockergrab!
Auch K u l t u r
ist nur eine unmaßgebliche Schutzbehauptung.
Eine Schlacht im Sitzen gewinnen:
schön wär’s!
Und schön der Gedankeda, wer sich nicht rührt,
hat wenigstens Anspruch auf Schicksal – Aus deiner Tropfsteintruhe!
Komm raus aus deinem Todeskoben, überleg dir das Leben:
Die Morgenschiffe rauschen schon an –
Ein Tag aus Gold und Grau:
willst du mit rein? –
aus: Rühmkorf, Peter (1996): Gedichte, Reinbek, 10-11.
Monatsgedichte im Januar 2025
Juliane Liebert: grob gefasst
grob gefasst ist
das menschliche Herz
ein kegelförmiges, muskulöses
hohlorgan
in etwa so groß wie die faust
des betreffenden
aus: Liebert, Juliane (2021): Lieder an das große nichts, Berlin; in: Worms, Oliver (Hrsg.) (2024): Dreizehn + 13 Gedichte, Themenheft Liebe, Hamburg, 118.
Heiner Müller: Ich kann dir die Welt nicht zu Füßen legen
Ich kann dir die Welt nicht zu Füßen legen
Sie gehört mir nicht. Ich werde dir keinen Stern
Pflücken:
Ich habe kein Geld für Blumen und keine Zeit
Verse zu machen nur für dich: mein Leben
Wird so und so zu knapp sein für ein ganzes.
Wenn ich dir sage: für dich wird ich alles tun
Werde ich dir eine Lüge sagen. (Du weißt es)
Ich liebe dich mit meiner ganzen Liebe.
aus: Worms, Oliver (Hrsg.)(2024): Dreizehn + 13 Gedichte, Themenheft Liebe, Hamburg, 108.