Um was es geht
Milena Jesenská lebte in Prag und war in den 1920 Jahren Übersetzerin von ausländischen Autoren des frühen 20. Jahrhundert, meist aus dem Französischen ins Tschechische, mit den beiden Ausnahmen deutschsprachigen Autoren Franz Werfel und Franz Kafka.
In den beiden Jahren 1920/21 war sie als Journalistin in der tschechischen Tageszeitung Tribuna angestellt, allerdings ausschließlich in deren Modebeilage – weil: „nur“ eine Frau“ halt. Im folgenden Jahr wechselte sie zur einflussreichsten tschechischen Tageszeitung Národní lísty, hier hatte sie die Möglichkeit, Feuilletons über Interessante Menschen – so hieß die Rubrik – und andere Veröffentlichungen zu schreiben. Einer der für sie äußerst interessanten Menschen war der Schriftsteller Franz Kafka, zu dessen engstem Freundeskreis sie gehörte – so sagen die einen; oder dessenGeliebte sie war, wenn auch nur für eine kurze Zeit – so sagen die anderen. Andere attribuieren sie als Kafkas Muse, als enge Freundin und als ehrliche Kritikerin.
Wie auch immer, es liegt ein überaus reicher und tiefer Briefwechsel zwischen beiden vor, und ein großer Vertrauensbeweis: Franz Kafka übergab ihr vor seinem Tod einige seiner Tagebücher. Da leider von Geschlechtergerechtigkeit damals noch weniger die Rede sein konnte als heute, wurde „Frau“ Milena Jesenská immer nur im Dunstkreis von „Herrn“ Franz Kafka wahrgenommen, sie war gesellschaftlich meist auf ihn bezogen.
In der Tageszeitung Národní lísty konnte Milena Jesenská gesellschaftliche und politische Texte verffentlichen. Einer ihrer bekanntesten Texte, erschienen am 18.01.1923, gründete im Briefwechsel mit Kafka, war ein den gesellschaftlichen Umständen geschuldetes Nachdenken über die Ehe als ein dauerhaftes Zusammenleben von Mann und Frau und trug den Titel „Der Teufel am Herd“. Darin machte sich Milena Jesenská stark für die moderne Ehe (Achtung: wir sprechen von 1923) als Solidaritäts- und nicht als Glücksgemeinschaft. Darin heißt es:
„Das größte Versprechen, dass eine Frau einem Mann und ein Mann einer Frau geben kann, ist jener tiefe Satz, den man lächelnd zu einem Kind sagt: Dich geb ich nicht her. Ist das nicht mehr als ‚ich werde dich lieben, bis dass der Tod uns scheidet‘ oder ‚ich werde dir treu sein bis in den Tod‘? Ich geb dich nicht her – Da drin ist alles. Anstand gegenüber dem anderen, Wahrhaftigkeit, Geborgenheit, Treue, Zugehörigkeit, Entschluss, Freundschaft. Wie unermesslich sind diese Versprechen gegenüber dem erbärmlichen schäbigen Glück!“[1]
Im Jahr 1924 stirbt Kafka. Milena Jesenská geht von Wien, wo sie bis zur Scheidung 1924 in der gespannten Ehe mit Franz Pollak lebte, zurück nach Prag. Sie führt ein unruhiges Leben, ist oft krank. Nach dem Einmarsch der Deutschen 1939 in der Tschechoslowakei engagiert sie sich als Fluchthelferin, wird von der Gestapo verhaftet , stirbt am 17.05.1944 im KZ Ravensbrück an den Folgen einer Nierenoperation.
Impulse für einen Austausch
- Die „moderne Ehe“ wird von Milena Jesenská polarisiert dargestellt als Solidar– oder als Glücks An welchem der beiden Pole würdest du dich eher wiederfinden, und warum?
- Stellen Solidar- und Glücksgemeinschaft für dich eher zwei Pole dar, oder sind es für dich vielleicht zwei Seiten einer Medaille? Was spricht für das eine, was für das andere?
- Milena Jesenská schreibt: „Dich geb ich nicht her. Ist das nicht mehr als ‚ich werde dich lieben, bis dass der Tod uns scheidet‘ oder ‚ich werde dir treu sein bis in den Tod‘?“ – Stimmst du ihr zu? Verneinst du ihre Aussage? Vermagst du deine Zustimmung/Ablehnung begründen? Und wo „sitzen“ die Gründe in dir?
- „Ich geb dich nicht her – Da drin ist alles. Anstand gegenüber dem anderen, Wahrhaftigkeit, Geborgenheit, Treue, Zugehörigkeit, Entschluss, Freundschaft. Wie unermesslich sind diese Versprechen gegenüber dem erbärmlichen schäbigen Glück!“ – Was von dem, was Milena Jesenská schreibt, ist für dich „drin“ in der Wendung „Ich geb dich nicht her!“ Was ist nicht drin? Und was ist vielleicht auch drin?
- Hast du eine Ahnung, was Milena Jesenská zum „erbärmlichen, schäbigen Glück“ zählt – und wie die Abgrenzung zum „Dich geb ich nicht her!“ verstanden werden kann? Hast du erlebte Szenen oder Beispiele?
- Kennst du das Leben in einer nicht-ehelichen Solidar- und/oder in einer nicht-ehelichen Glücksgemeinschaft? Welche Rolle spielt dabei die Ehe für dich?
- Wie verhält es sich, wenn du in mehreren Solidaritäts- und/oder Glückgemeinschaften unterwegs oder auch aufgehoben bist? Gibt es für dich (erlebt oder gedacht) ein „Magis“, ein „Mehr“ an Solidarität oder Glück in der Ehe als in anderen Formen von Gemeinschaft? Wie können anderen Formen von Solidaritäts- und Glücksgemeinschaften auch neben der Ehe glebt werden – und und können/dürfen sie in der Ehe neben der Ehe bestehen?
Köln, 28.08.2025
Harald Klein
[1] Jesenska, Milená (2020): Prager Hinterhöfe im Frühling. Feuilletons und Reportagen 1919-1939, hrsg. von Alena Wagnerová, Göttingen, 22.