Ostdeutsche Denkgewohnheiten
und Denkstile?

  • Anstößig - Darüber lohnt es zu reden
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Um was es geht

Lange nicht mehr ist der Begriff der „neuen Erzählung“ in der politischen Debatte so häufig zu hören gewesen wie im Moment. Es scheint, als hätte die „Erzählung“ von der Klima- oder der Verkehrswende, die „Erzählung“ von der sicheren Rente oder dem bezahlbaren Wohnraum für alle, die „Erzählung“ vom Fachkräftemangel und dessen Aufhebung durch Migration irgendwie ausgedient. „Neue Erzählungen“ müssen eben her, müssen dazukommen, weil die „alten Erzählungen an Kraft verloren haben.

Es geht um Erzählungen (jetzt ohne „“), die Grundlage für Visionen sein können, weil sie die Vorstellungskraft in Politik und Gesellschaft zu formen, weil sie neue gesellschaftliche Möglichkeiten des Zusammenlebens aufzuzeigen und weil sie Wurzelboden für ein friedliches Miteinander darzustellen vermögen.

Oder anders: Erzählungen und Geschichten in diesem Sinne haben die Kraft, Zukunft zu prägen, indem sie Denkräume öffnen, Identität stiften und zum Handeln motivieren.

In den Kreisen, die mir Zugang und Zugehörigkeit schenken – und natürlich nicht nur da – war nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 06.09.2026 großes Unverständnis. Der Wahlausgang brachte Fragen über Fragen mit sich. Und die These wurde hier „im Westen“ laut, dass man „im Osten“ wohl die Auseinandersetzung mit komplexen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fragen scheue und von daher eher an einfachen Antworten unkritisch festhalte bzw. den Menschen das Gehör und die Stimme schenke, die mit einfachen Antworten auftrumpfen.

In diese Frage und in diesen Antwortversuch hinein fällt ein Artikel des Philosophie Magazins, das ein Gespräch des Journalisten Moritz Rudolph mit dem Ehepaar Kerstin und Gunnar Decker wiedergibt[1]. Kerstin Decker (*1962 in Leipzig) ist Journalistin und Schriftstellerin. Gunnar Decker (*1965 in Kühlungsborn) ist Schriftsteller. Beide sind Absolventen des letzten Philosophie-Jahrgangs der DDR in 1989. Mir selbst ist Gunnar Decker durch seine Arbeit über Rilkes Frauen (2004), seine Hesse-Biographie (2012) und seine Rilke-Biographie (2023) sehr vertraut. Ausdrücklich ist im Header des Artikels vom „ostdeutschen Denkstil“ die Rede, der im Interview in seiner Ausprägung vor, während und nach der Wende zur Sprache kommen soll. Einige Redebeiträge, Fragen, Antworten habe ich hier festgehalten, um grobe Linien des Interviews nachzuzeichnen. Am Ende sind einige Impulsfragen zum Bedenken der vermeintlichen(?) oder der tatsächlichen (?) unterschiedlichen „Denkstile“ angehängt, die zum eigenen Nachdenken oder zum Austausch einladen.

» Da war keine existenzielle Notwendigkeit mehr im Denken. Postmoderne, Cassirer, viel Kant, alles gewiss nicht falsch, aber man hatte nicht mehr den Eindruck, dass sich da geistige Räume öffneten. Und kaum einer ließ sich auf die geschichtliche Situation ein. «
Decker, Gunnar, in: Rudolph, Moritz: „Wir hatten das weise Volk gesehen“. Im Gespräch mit Kerstin und Gunnar Decker, in: Philomag 06/2026, 16-21., hier: 20.

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Die Zitate

„Wie haben Sie die späte DDR erlebt?“

„KD: Ich war Mitte zwanzig zur Wendezeit, die prägenden Jahre. Wir waren schon als Kinder vielen konträren Einflüssen ausgesetzt – Elternhaus, gleichaltrige, Schule, Westmedien, der Ideologie des Staates. Aber ich bin davon nicht zerrieben worden, im Gegenteil, Heranwachsende können gut mit Dissonanzen umgehen, wenn sie einen Grundhalt spüren. Es war ein wirklicher Werderaum. Trotzdem sagten später viele aus unserer Generation: Ich kann in diesem Land nichts Geistiges machen. Manche sind gegangen, andere wurden Tischler und Pförtner.“

„Wie war das für Sie, Herr Decker?“

„GD: Ich habe es als paradoxe Situation empfunden, in der DDR denken zu lernen. Ich war bei der Nationalen Volksarmee, 18 Monate bei den Panzern der Landstreitkräfte, und danach ging es an die Humboldt-Universität zum Philosophiestudium. Da kollidierten Ideal und Ideologie miteinander, das ergab, um es mit Goethe zu sagen, einen Mischmasch von Irrtum und Gewalt. Das habe ich damals schon gewusst.“

„Woher wussten Sie das?“

„GD: Wir lebten in diesem geschlossenen Staat, orientierten uns aber am Westen: Fernsehen, Radio, Musik. […] Wir waren auch östlich geprägt als Vorposten des sowjetischen Imperiums: Soldaten, Literatur und Filme drangen bis zu uns. Wir waren im Schnittpunkt von Verschiedenem und das zwang uns, uns zu orientieren. Das hat die Urteilskraft gebildet. Einfache Antworten reichten nicht.“

„KD: Die DDR war – anders als die Bundesrepublik ein ideeller Entwurf, darum immer vom Ideal her kritisierbar. Der Sozialismus war ein Projekt, nicht die Endgestalt. Nach der Biermann-Ausbürgerung 1976 sagten sich jedoch immer mehr Menschen – und am Ende auch wir: Das wird nichts mehr.“

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„Trug die Philosophie auch dazu bei?“

„KD: „Die nicht staatsnahe, undogmatische Philosophie auf jeden Fall.“

…

„KD: „Utopie verstanden nicht als Hirngespinst, sondern als fortschreitenden Emanzipationsdenken: Sozialismus als Versuch, den Traum der Menschheit zu verwirklichen. Bloch sprach vom ‚Kältestrom‘ und ‚Wärmestrom‘ – nüchterne Analyse und Erwartungshaltung. Man braucht beides für eine emanzipatorische Bewegung.“

„GD: Es ging um ein Transzendieren ohne Transzendenz. Das Überschreiten eines Ist- Zustandes.“

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Und dann kam der Herbst 1989.

„GD: Es war unser letztes Studienjahr. Wir waren voller revolutionärer Grundstimmung: Wir überwinden jede Dogmatik. Wir eröffnen jetzt die Räume von Zukunft, wissen noch nicht wie, aber alles ist in Bewegung, und das ist wunderbar.“

„KD: Das Thema Revolution lag schon länger in der Luft durch den 200. Jahrestag der Französischen Revolution 1989. Wir wussten, welcher Blutzoll für Umstürze zu zahlen ist, zugleich fühlten wir, dass auch wir in einer Endzeit lebten. Doch wie sollte das zu Ende gehen? Wir wussten nur, es durfte nicht mit Gewalt geschehen. Und dass es dann so kam…“

„GD: …dass so ein Staatswesen, hochgerüstet, einfach friedlich abtritt…“

„KD: …das war das Wunder. Der 9. Oktober in Leipzig war der Tag, an dem sich allen entschieden hat. Der war wirklich gefährlich. Zwei Tage zuvor hatte es bei der Demonstration in Berlin zum 40. Jahrestag der DDR viele Festnahmen gegeben, sehr brutal. Und jetzt versammelt sich halb Leipzig um die Nikolaikirche, um der drohenden Gewalt durch den Staat zu trotzen. Jeder wusste: Jetzt hilft nur noch Masse.“

„Wie ging es dann weiter für Sie?“

„GD: Wir kamen aus dieser Erregung, wir hatten das weise Volk gesehen…“

„KD: …den ‚intelligiblen Augenblick‘ der Geschichte, wie Kant sagt, den fast keine Generation erlebt.“

„GD: Und dann ging es wieder in den Alltag über. Als Erstes wurden die Parteisekretäre entlassen. Und dann begann es zum Sommer 1990 hin, dass plötzlich die Zukunft geplant wurde von Leuten, die von außerhalb kamen.“

„Auch an der Universität?“

„GD: Die alten Professoren mussten gehen, oft ohne Begründungen für die negativen Evaluierungen. Neue Professoren aus dem Westen kamen.“

„KD: Ich habe in dieser Zeit viele Vorlesungen gehört, Philosophie war nun ein Bildungswarenhaus.“

„GD: Da war keine existenzielle Notwendigkeit mehr im Denken. Postmoderne, Cassirer, viel Kant, alles gewiss nicht falsch, aber man hatte nicht mehr den Eindruck, dass sich da geistige Räume öffneten. Und kaum einer ließ sich auf die geschichtliche Situation ein.“

„KD: Das war die neue Unverbindlichkeit. Mit Benjamin gesprochen: Auch Philosophie war nun eine Rüsche im Kleid der bürgerlichen Gesellschaft.“

„DG: Sie besaß nichts Eingreifendes mehr.“

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„Wie war die Stimmung im Land?“

„KD: Die unmittelbare Nachwendezeit 1990/1991 ist wahrscheinlich für viele Jüngere die beste Zeit ihres Lebens gewesen. Die Macht lag noch auf der Straße, zumindest fühlte es sich so an. Es gab viel provisorisches, informelles kulturelle Leben. Die Älteren dagegen fühlten sich bald wie ausgereist im eigenen Land und spürten vor allem die Massenentlassungen. Viele haben diese Erfahrung nie verwunden, auch wenn sie später wieder Arbeit gefunden haben. Es war eine tiefe narzisstische Kränkung ohne Vorbereitung.“

„GD: Unsicherheit war ein Grundgefühl. […]“

„KD: Die meisten Promotionsstipendiaten, wohl 90 Prozent, wurden rausgeworfen. Mathematiker, Physiker, Literaturwissenschaftler gingen oft mit Erfolg ins Ausland, im neuen Deutschland hatten sie kaum eine Chance.“

„Warum nicht?“

„GD: Ich glaube, man wollte den radikalen Elitenwechsel, die DDR-Erfahrung auch im Geistigen löschen. Und das rächt sich bis heute.“

„Wie das?“

„GD: Diese friedliche Revolution, diese Selbstbefreiung und dass der aufrechte Gang nicht in Chaos gemündet ist, das war einmalig. Wenn staatliche Macht aufhört, entsteht ein gefährlicher Freiraum Aber es ist  nichts passiert. Weil viele kultivierte kluge Bürger an den runden Tischen Verantwortung übernommen haben. Dass diese Erfahrung nicht weitergegeben wurde, hat damit zu tun, dass es bald keine Ostler in verantwortlichen Positionen mehr gab. Seit 1990 wird uns permanent erklärt, wir Diktaturkrüppel müssten Demokratie lernen. Dabei haben wir sie selbst erkämpft. Und wie merkwürdig, das von Leuten zu hören, die immer in festen Formen gelebt haben. Das hat bei vielen eine Abwehr hervorgerufen.“

„KD: Wenn Demokratie Teilhabe bedeutet, dann haben viele Ostdeutsche nach der Wende das Gegenteil erfahren. Man hat zwar das Wahlrecht, aber kaum Einflussmöglichkeiten auf das eigene Leben mehr, fand sich in einem viel abhängigeren Dasein wieder als zuvor.“

„Fremdbestimmter als in der DDR?“

„KD: Man war jetzt austauschbar, nicht gebraucht, latent überzähliges Dasein, ein Kostenfaktor zuletzt. Im Sozialismus wurde uns vermittelt: Auch auf dich kommt es an! Vorbei. Viele haben später gesagt: Marx wusste gewiss nicht viel vom Sozialismus, aber den Kapitalismus habe er schon richtig verstanden.“

„Gibt es heute noch einen ostdeutschen Denkstil?“

„KD: Verhältnisse in ihrem Gewordensein zu betrachten. Vielleicht sind die Ostdeutschen auch geübter darin, mit Brüchen umzugehen. Und sie haben doch eine egalitärere Vorstellung von Gesellschaft. Das Emanzipationsversprechen wirkt nach.“

GD: „Vielleicht ist es auch etwas Ostdeutsches, sich freizumachen von äußeren Bewertungen: Es ist egal, wie andere mich sehen. Mit Widerständen und Nichtbeachtung können wir leichter umgehen. Wer alle Anforderungen erfüllt, immer gute Zensuren hat, wird irgendwann Elite? Das ist bei den Ostdeutschen nicht so. Das macht uns eigensinniger. Wir mussten uns autodidaktisch durch die Büsche schlagen.“

„Die Ostdeutschen können improvisieren.“

„GD: Wir haben die Sachen beim Machen gelernt. Es herrschte Mangel, und vieles funktionierte nicht. In den Betrieben gab es riesige Instandhaltungsabteilungen, die nur reparierten. Krise und Nichtfunktionieren waren Dauerzustand, und doch lief der Laden irgendwie. Ideal ist das nicht, aber bildsam. Heute ist die Gesellschaft auf Effizienz programmiert, oft ohne alle Reserven wie etwa bei der Bahn. Es gibt keinen Plan B. In der DDR sind keine Züge ausgefallen.“

» Man war jetzt austauschbar, nicht gebraucht, latent überzähliges Dasein, ein Kostenfaktor zuletzt. Im Sozialismus wurde uns vermittelt: Auch auf dich kommt es an! Vorbei. Viele haben später gesagt: Marx wusste gewiss nicht viel vom Sozialismus, aber den Kapitalismus habe er schon richtig verstanden. «
Decker, Kerstin, in: Rudolph, Moritz: „Wir hatten das weise Volk gesehen“. Im Gespräch mit Kerstin und Gunnar Decker, in: Philomag 06/2026, 16-21., hier: 20.

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Fragen und Impulse, mehr zum Abwägen, denn zum Beantworten

  1. Kannst du einige Erkenntnis aus dem Text benennen, die dir neu sind – und kannst du beschreiben, was sie in dir auslösen?
  2. Kannst du in den Beiträgen von Kerstin und Gunnar Decker Sätze, Phrasen, Worte entdecken, die du als „typisch für ostdeutsches Denken“ bzw. „typisch für westdeutsches Denken“ identifizierst – und kannst du deine Entscheidung begründen?
  3. Hast du eine Fantasie darüber, wie diese Typologien im Osten und im Westen wirken, sowohl „vor Ort“ als auch „beim anderen? Führt deine Fantasie zu Konsequenzen, die du umschreiben kannst?

Köln, 17.09.2026
Harald Klein

[1] Rudolph, Moritz: „Wir hatten das weise Volk gesehen“. Im Gespräch mit Kerstin und Gunnar Decker, in: Philomag 06/2026, 16-21.