Ostermontag: Der Nabel der Welt liegt außerhalb deiner

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Aus dem heutigen Evangelium

Jesus sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht.
Geht und sagt meinen Brüdern, sie sollen nach Galiläa gehen
und dort werden sie mich sehen.
Noch während die Frauen unterwegs waren,
siehe, da kamen einige von den Wächtern in die Stadt
und berichteten den Hohenpriestern alles, was geschehen war.
Diese fassten gemeinsam mit den Ältesten den Beschluss, die Soldaten zu bestechen.
Sie gaben ihnen viel Geld und sagten:
Erzählt den Leuten: Seine Jünger sind bei Nacht gekommen
und haben ihn gestohlen, während wir schliefen.
Falls der Statthalter davon hört, werden wir ihn beschwichtigen
und dafür sorgen, dass ihr nichts zu befürchten habt.
Die Soldaten nahmen das Geld und machten alles so, wie man es ihnen gesagt hatte.
Und dieses Gerücht verbreitete sich bei den Juden bis heute.
(Mt 28,10-15)

Das ganze Evangelium dieses Tages findest du hier – am Ende der Seite nach den beiden ersten Lesungen. (Das obligatorische Evangelium des Ostermontags, die Geschichte von den Jüngern auf den Weg nach Emmaus in Lk 24,13-35 ist noch einmal Evangelium am dritten Sonntag der Osterzeit. Aus diesem Grund habe ich das Alternativ-Evangelium für heute gewählt. H.K.)

Ein wenig Tugend- und Lasterlehre

„Die Art der Dummheit, derentwegen man sich selbst und anderen Vorwürfe machen kann, entspringt einem mangelhaften Umgang mit den eigenen Fähigkeiten. Diesen Mangel abzustellen, kann man von sich selbst und von anderen fordern. Dumm in diesem Sinn verhält sich, wer von seinen geistigen und körperlichen Gaben, welche es auch seien, eine allzu geringe oder nachlässige Verwendung macht. […] Was in ihrem Horizont liegt, halten sie für den Nabel der Welt, was über ihn geht, erscheint ihnen abstrus oder bedrohlich. Eben das kann sie zu einer Bedrohung für andere machen: Sie schlagen um sich, sobald ihnen zugemutet wird, sich einer komplexen Realität zu stellen.“ (63)
aus: Seel, Martin (2012): 111 Tugenden, 111 Laster. Eine philosophische Revue, Stichwort „Klugheit/Dummheit“, 3. Aufl., Frankfurt/Main, 62f.

Vademecum durch die Fasten- und Osterzeit

weil nicht sein kann
was nicht sein darf
wenn das deine richtschnur ist
nach der du dein leben ausrichtest
deine Regel
nach der du bewertest
was um dich herum und in dir geschieht
lebst du nicht nur nach konventionen
die konventionen empfangen ihr leben von dir

du erhältst in ihnen am leben
was vielleicht kein leben mehr gebärt

ist das nicht der sohn die tochter
von diesem oder jenem
wie kann der wie kann die nur
hast du schon gehört gelesen
das soll nun einer verstehen

einer oder eine versteht es
der oder die die es lebt
die den schritt über oder aus
den konventionen hinaus agt
und geht

convenire meint im lateinischen zusammenkommen
haltungen und lebensweisen
oder innere zusammen- und übereinkünfte
die unhinterfragt und stillschweigend
geteilt und gelebt werden
und die so das miteinander regeln

du brauchst dir keine fragen
nach dem woher wohin warum und wie
zu stellen
die dir bekannten antworten bilden
den nabel deiner welt
du weißt wie es geht das leben
und friedlich bleibt es
wenn konventionen geteilt und gelebt werden

es kommt einer bestechung gleich
einer versuchung
einem unwillen
die eigenen fähigkeiten zu nutzen
einem willen
die augen zu verschließen
wenn das leben komplexer wird
und dich in frage stellt
wenn du merkst
dass der nabel der welt
für andere anderswo liegt
und sie anders nährt

du kannst entscheiden
die augen verschlossen halten
und die außerhalb deiner konventionen
als zumutung sehen

oder zumindest einen blick zu wagen
über deinen nabel der welt hinaus
was hast du zu verlieren
oder auch
was kannst du so gewinnen

vielleicht die haltung der wahrhaftigkeit
allemal die einwilligung die zustimmung
und das ja zu einer welt
die größer ist als deine
und dass immer wieder

Las Palmas, 06.04.2026
Harald Klein