Ostern: Wie „Stille Nacht“, nur eben anders

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Krippe – Kreuz – Grab – Krippe

In der Zusammenschau zwischen Jesu Erfahrungen (gen. sub.) anhand der Evangelien der Fastenzeit, den Erfahrungen Jesu (gen. obj.) anhand der Evangelien der Osterzeit und den Erfahrungen eines Lebens, die Rainer Maria Rilke ins verdichtete Wort gebracht hat, ist Weihnachten zwar das das Fest an der Krippe, Ostern jedoch ist das Fest an der Kippe!

Weihnachten kennt die „Stille (der) Nacht“ als ruhig, als gesammelt, die Blicke aller Beteiligten gehen staunend auf das Kind in der Krippe. Ostern kennt die „Stille (der) Nacht“ deswegen, weil es allen Beteiligten die Sprache verschlagen hat; sie alle könnten schreien über das, was geschehen ist, ziehen sich aber verzweifelt in ein Obergeschoss in Jerusalem zurück, verfallen der Wort-, der Sprach-, der Hoffnungs- und vieler anderer „-losigkeiten“. Diese „Stille (der) Nacht“ führt zu keiner inneren Sammlung, im Gegenteil: diese „Stille (der) Nacht droht zu zerreißen.

Die Dunkelheit und die Stille der Osternacht lässt sich in dieser Hinsicht vergleichen mit einem Januskopf, der sich durch zwei Gesichter auszeichnet: eines, das zurückblickt z.B. auf das Wirken Gottes im Ganzen (vgl. die sieben Lesungen der Osternacht) und auf Jesu Erfahrungen, die er macht (vgl. die Evangelien der Fastenzeit). Und eines, das den Blick nach vorn wendet, neu ausrichtet, auf die Erfahrungen Jesu, die Menschen mit ihm machen.

Da gibt es – der Gedanke soll entfaltet werden – einen Zirkel: Die Geburt Jesu in der Krippe und sein Wirken bei den Menschen, sein Sterben am Kreuz, sein Grab (und das, was man Auferstehung nennt) – und dann die neue Krippe, die der Auferstandene in Berührung mit denen vermittelt, die sich ihm nicht abgewandt oder neu zugewendet haben.

Wieder ist es Rilke, der für diesen letzten Schritt gute Impulse ins Wort bringt.

» Wie ist es möglich zu leben, wenn doch die Elemente dieses Lebens uns völlig unfasslich sind? Wenn wir immerfort im Lieben unzulänglich, im Entschließen unsicher und dem Tode gegenüber unfähig sind, wie ist es möglich, da zu sein? «
Rilke, Rainer Maria: Aus einem Brief an Lotte Hepner vom November 1915.

Der Gang zur Krippe vs. der Gang zum Grab

Da sind die beiden großen Wege zu Jesus – einmal der Weg der Hirten und der Könige hin zur Krippe in Bethlehem, und dann der Weg der Maria von Magdala, von Maria, der Mutter des Jakobus, und der Salome, die mit wohlriechendem Öl auf dem Weg zum Grab in Jerusalem sind, um den Leichnam zu salben. Ich überlasse es Deiner Fantasie, Dir auszumalen, wie die Stimmung der Hirten und der Könige war und worin sie sich von der Stimmung der drei Frauen unterschieden hat. Mir ist ein einziges Wort bei allen drei Gruppen lieb: sie können es im wahrsten Sinne des Wortes „nicht fassen“, was da geschehen ist! Hirten und Könige sind sicher voller Erwartung und Freude. Auch die Frauen in ihrem Gang am frühen Ostermorgen, als die Nacht sich dem Ende zuneigt, können es nicht fassen: sie sind verstört, verängstigt, in tiefster Trauer. Wie gesagt: male Dir aus, wie sie unterwegs sind.

Ein frühes Gedicht Rilkes nähert sich sehr gut der Stimmung der Frauen, wie ich sie mir denke. Rilke schreibt im „Buch vom mönchischen Leben“ vom „Geräusch, das meine Sinne machen“.

„Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn alles Zufällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen -:

Dann könnte ich in einem tausendfachen
Gedanken bis an deinen Rand dich denken
und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.“[1]

Das „Wenn“, das Rilke als zeitlichen Hoffnungs- und innerlicher Erwartungspunkt formuliert, ist der weiter oben erwähnte Kipppunkt. Für die drei Frauen im Evangelium der Osternacht ist es der Moment, wo sie aus der Erfahrung des Schmerzes, der Trauer, der Vergeblichkeit der vergangenen Tage und der Sorge des frühen Morgens, wer ihnen den Stein vom Grab wegwälzen könne, entdecken, dass der Stein – „er war sehr groß“ – schon weggewälzt war und sie den Zugang zum bereits offenen Grab entdecken. Das offene Grab ist für sie der Startschuss – in Rilkes Worten – zu einem tausendfachen Gedanken, der aber jetzt nach vorn geht, hier schaut der zweite Teil des Januskopfes und gibt die Richtung nach vorn vor. Aus der Trauer über die schmerzhafte Vergangenheit wird eine Hoffnung auf eine erfüllte Gegenwart und eine sich erfüllende Zukunft. Christus verschenken an alles Leben wie einen Dank – am leeren Grab geht es los. Man könnte meinen, es sei der Gründonnerstag, die Fußwaschung und das Abendmahl mit seinem „Tut dies zu meinem Gedächtnis“, der den Anstoß gibt. Das ist der Blick des Januskopfes zurück: „Was soll ich tun?“ Das leere Grab bezeichnet den Januskopf nach vorn: „Ich tue es!“ oder: „Ich fange an! Jetzt!“ Und der erste Weg führt sie von daher – genau – zu den noch verstörten, verängstigten Jüngern.

Im Evangelium an Ostersonntag ergeht es dem Simon Petrus und dem Johannes genauso, als sie, informiert von Maria von Magdala, ans Grab liefen. Sie sehen das leere Grab, die Binden, das Schweißtuch. Von Johannes heißt es im Evangelium: „Er sah und glaubte“ (Joh 20,8). Von Maria von Magdala ist die wunderschöne Anekdote erzählt, dass ihr Jesus begegnet, der sie fragt: „Frau, warum weinst du? Wen suchst du?“ Maria sieht ihn, kann ihn aber wegen des „Geräuschs, das ihre Sinne machen“, nicht erkennen und vermutet den Gärtner in ihm, bis er sie mit ihrem Namen anspricht. Sie reagiert nicht mit „Sie sah und glaubte“, sondern mit der Anrede „Rabbuni!“ Und auch sie wendet den Blick, wie Simon Petrus und Johannes, und kehrt zurück zu den Jüngern, um ihnen das Erlebte mitzuteilen und es mit ihnen zu teilen.

Noch einmal: Das Grab ist der Kipppunkt, der Ort des Janusgesichtes. Bisher war es die rückblickende Frage, ob wir heutigen Menschen Jesu Erfahrungen auch heute machen können und wie sie in Worte zu fassen seien. Jetzt – mit Ostern – geht es um den vorwärtsgewandten Blick, geht es um die Frage, ob wir heutigen Menschen Jesus erfahrenkönnen, wie es in den Osterevangelien geschildert wird, und wie diese Begegnungen und Erfahrungen in Worte gefasst werden können. Es ist wie bei „Stille Nacht“, nur anders, es geht um die „andere“ Gottesgeburt, um das Leben Gottes im Menschen. Du bist die Krippe! Sei nicht das Grab!

» Jetzt wär‘ es Zeit, dass Götter treten aus
bewohnten Dingen ...
[...]
Die Welt steht auf mit euch, und Anfang glänzt
an allen Bruchstellen unseres Misslingens... «
Rilke, Rainer Maria (1982): Werke. Bd. II-1: Gedichte und Übertragungen, herausgegeben vom Rilke-Archiv in Verbindung mit Ruth-Sieber-Rilke, besorgt durch Ernst Zinn, Frankfurt am Main, 2. Aufl. 1982, 185.

„Wie ist es möglich zu leben…“

Neben dem Kipppunkt am Grab ist ein zweiter die Gegenwart und dann die Zukunft entscheidender Punkt die Frage, wie die, die „zurückgeblieben“ sind in Jerusalem, das, was ihnen die drei Frauen und die beiden Apostel mitteilen, aufnehmen. Kann das „Zufällige“, das „Ungefähre“, das „nachbarliche Lachen“ und das „Geräusch, das meine Sinne machen“ ein neues „Wachsein“ zulassen? Kann in diesem Saal in Jerusalem ein „tausendfacher Gedanke“ seinen Anfang“ nehmen – um dann an alles Leben verschenkt zu werden?

In einem Brief aus dem Jahr 1915 stellt Rilke diese Frage in abgewandelter Form und geht damit über das Jerusalem der Frauen und der Jünger hinaus. Rilkes Biograf Gunnar Decker schreibt: „Der Erste Weltkrieg tobt bereits, da wird Rilke in einem Brief vom 8. November 1915 an Lotte Hepner mit Hinweis auf den Malte Laurids Brigge schreiben, es gehe doch immer nur um eines: ‚Wie ist es möglich zu leben, wenn doch die Elemente dieses Lebens uns völlig unfasslich sind? Wenn wir immerfort im Lieben unzulänglich, im Entschließen unsicher und dem Tode gegenüber unfähig sind, wie ist es möglich, da zu sein?‘“[2]

Zehn Jahre später, in seinem Todesjahr 1925, gibt Rilke sich selbst Antwort auf die Frage, die er 1915 stellte: „Im Nahen des Todes wagt Rilke den Schritt über alles Bisherige hinaus in ein Neues. Das titellose Gedicht, das mit der Zeile Jetzt wär‘ es Zeit, dass Götter treten aus bewohnten Dingen … beginnt, endet mit dem offen gelassenen Schluss, den die drei Punkte als Platzhalter für das Unbekannte markieren: Die Welt steht auf mit euch, und Anfang glänzt an allen Bruchstellen unseres Misslingens…“[3]

Ein letztes Mal: Das ist der Kipppunkt. Das ist der Ort, an dem Du nicht nur Jesu Erfahrungen nachvollziehen, sondern ihn selbst erfahren kannst. Wenn Du vielleicht noch nicht aus der Erfahrung des Auferstandenen, so doch aus der Entdeckung des leeren Grabes heraus so die Gegenwart zu deuten versuchst und die Zukunft gestaltet willst, dass die „Götter aus den bewohnten Dingen“ treten“ und dass „die Welt mit uns aufsteht, und Anfang glänzt an allen Bruchstellen unseres Misslingens.“

Das wäre ein „Frohe Ostern“ wert, und das wäre eine „Stille Nacht, nur eben anders“!

Amen.

Köln,29.03.2024
Harald Klein

[1] Rilke, Rainer Maria (1982): Werke, Eileitung von Beda Allemann, Bd.1-1: Gedicht-Zyklen, Frankfurt/Main, 12.

[2] Decker, Gunnar (2023): Rilke. Der ferne Magier. Eine Biographie, München, 295. – Das Zitat wurde übernommen aus Engel, Manfred/Fülleborn, Ulrich (Hrsg.)(1996): Rilke. Werke Bd. 1: Gedichte 1895-1910, Frankfurt/Main und Leipzig, 600.

[3] a.a.O., 508.