Ostersonntag: Aufgeschlossenheit – die ruhige Schwester der Neugier

  • Auf Links gedreht - Das Evangelium
  • –   
  • –   

Aus dem heutigen Evangelium

Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grab;
sie liefen beide zusammen, aber weil der andere Jünger schneller war als Petrus,
kam er als Erster ans Grab.
Er beugte sich vor und sah die Leinenbinden liegen, ging jedoch nicht hinein.
Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das Grab hinein.
Er sah die Leinenbinden liegen
und das Schweißtuch, das auf dem Haupt Jesu gelegen hatte;
es lag aber nicht bei den Leinenbinden,
sondern zusammengebunden daneben
an einer besonderen Stelle.
Da ging auch der andere Jünger, der als Erster an das Grab gekommen war, hinein;
er sah und glaubte.
Denn sie hatten noch nicht die Schrift verstanden,
dass er von den Toten auferstehen müsse.
(Joh 20,2-9)

Das ganze Evangelium dieses Tages findest du hier – nach den beiden ersten Lesungen.

Ein wenig Tugend- und Lasterlehre

„Es gibt eine ruhige Schwester der Neugier, die sich von deren Begierden fernhält und daher einige ihrer Laster nicht teilt. Aufgeschlossenheit ist eine Bereitschaft, zu sehen, zu hören, zu wissen und zu fühlen, ohne den ständigen Durst nach immer weiteren Reizen. Der Aufgeschlossene kann warten; er ist offen für Neues, ohne das Neue zu seinem Götzen zu erheben. Er ist nicht auf der Jagd; er nimmt auf, was ihm zukommt. Er verzehrt sich nicht nach Kenntnis und Erkenntnis, bleibt aber jederzeit für sie empfänglich. Er ist findig genug, um an überraschenden Stellen fündig zu werden. Aus Erfahrung lässt er weitere Erfahrung zu. Bewandert in den Dingen des Lebens, ist er für das noch Unbekannte frei.“

aus: Seel, Martin (2012): 111 Tugenden, 111 Laster. Eine philosophische Revue, Stichwort „Aufgeschlossenheit“, 3. Aufl., Frankfurt/Main, 43f.

Vademecum durch die Fasten- und Osterzeit

keine psychische krankheit
aber eine soziale angst
und ein modernes psychisches phänomen
foma – fear of missing out
die angst etwas zu verpassen
ich habe sie und du hast sie
entscheidend ist in welchem grad

mitreden wollen mitreden können
wissen wollen was los ist
gerade in den situationen
in denen ich den boden unter den Füßen verloren habe
in denen ich den strohhalm suche an den ich mich klammern kann
in denen ich einen horizont suche der sich mir öffnet
selbst wenn es ein offenes grab ist

was nicht hilft ist neugier
ist die unglaubliche menge
an reizen und impulsen
die den durst nach Leben
nach neuem leben und erleben
eher verstärkt und erhält
denn ihn zu stillen vermag
in meiner neugier komme ich nicht weiter
und drehe mich spiralförmig im kreis

die ruhige schwester der neugier
vermag abhilfe zu schaffen
die aufgeschlossenheit
aufgeschlossenheit
ist die Bereitschaft zu sehen zu hören
zu wissen zu fühlen
zu warten in der offenheit auf neues
ohne das neue zum götzen zu machen

ich kenne die angst
etwas ja etwas zu verpassen
und kenne die neugier
aber ich liebe die aufgeschlossenheit
nicht getrieben zu sein
nicht dem hinterherjagen zu müssen
was man schnell verpassen könnte
sondern gespannt
empfänglich zu schauen
und  anzunehmen
was auf mich zukommt

wer findig ist
um überall fündig zu werden
ist frei für das unbekannte
und hat eine angst weniger
die angst etwas zu verpassen
und sich darin zu verlieren

Las Palmas, 05.04.2026
Harald Klein